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Einige Regionen werden abgehängt: Das geteilte Europa

Eine unsichtbare Grenze verläuft durch das Europa des Jahres 2050 und teilt den Kontinent in Gewinner und Verlierer. Sie orientiert sich meist am ehemaligen Eisernen Vorhang. Und sie verläuft mitten durch Deutschland.

Berlin. Eine unsichtbare Grenze verläuft durch das Europa des Jahres 2050 und zerteilt den Kontinent in Gewinner und Verlierer. Sie orientiert sich fast überall an jenem Eisernen Vorhang, der dann schon 60 Jahre lang überwunden schien. Und sie verläuft mitten durch Deutschland.

So legt es zumindest eine aktuelle Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung nahe. Anhand von 24 Merkmalen haben die Demografen überprüft, wie sich die Bevölkerungszahlen in einzelnen Regionen der Europäischen Union und ihrer Nachbarländer bis ins Jahr 2050 entwickeln werden - und wie die Regionen auf die demografische Entwicklung vorbereitet sind.


Foto: FR-Infografik

"Der Norden Europas, Skandinavien, Island, Großbritannien und Irland sind die Gewinner", resümiert Reiner Klingholz, Leiter des Berlin-Instituts, die Befunde. Diese Staaten seien am besten auf die bevorstehenden Herausforderungen einer schrumpfenden Gesellschaft eingestellt. Der Südosten des Kontinents hingegen ist der klare Verlierer.

Abwenden lässt sich das demografische Schicksal Europas nicht mehr. Relativ zuverlässig lässt sich voraussagen, dass Europa schrumpfen wird: Nach heutigen Erkenntnissen um zehn Prozent oder etwa 50 Millionen Einwohner. Hauptgrund dafür ist die weiter sinkende Geburtenrate sowie Abwanderungsströme.


Foto: FR-Infografik

Als Land der Extreme präsentiert sich dabei die Bundesrepublik. In keinem anderen EU-Land seien die Gegensätze so ausgeprägt, sagt Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut: Rasanten Wachstumsregionen im Südwesten Deutschlands stünden abgehängte, bald verödete Landstriche im Nordosten entgegen.

"Es ist zunächst einmal kein Drama, wenn solche Landstriche zu Naturregionen werden und in vielen europäischen Ländern künftig weniger Menschen leben", beruhigt Klingholz. Allerdings müssten sich die Staaten auf diesen Wandel vorbereiten. "Künftig müssen wir aus weniger Köpfen mehr machen", sagt der Statistiker. Er will das als Plädoyer für höhere und bessere Bildungsanstrengungen verstanden wissen.

Der Bevölkerungswissenschaftler sieht in Bildung, Zuwanderung, einer schnelleren und besseren Integration von Ausländern sowie flexibleren Arbeitsmarktregeln die Schlüssel für die EU-Staaten, erfolgreich auf den Bevölkerungsrückgang zu reagieren.

"Kein Land hat eine Patentlösung für alle Fragen des demografischen Wandels", sagt Klingholz. Allerdings gebe es auf alle Fragen bereits irgendwo eine Antwort. "Wir müssen das Rad nicht immer neu erfinden." So könnten die Deutschen von der französischen Familienpolitik ebenso lernen wie von finnischen Bildungsbemühungen, Dänemarks flexible Arbeitsmarktregeln ohne Kündigungsschutz ebenso Vorbild für Deutschland sein wie Schwedens Integrationsleistungen.

Als leuchtendes Vorbild führt der Statistiker gerne Island an. Die Insel mit seinen 300 000 Bewohnern, in etwa die Einwohnerzahl Bielefelds, sei "das modernste Land der Welt", schwärmt Klingholz. Bildungsniveau, Geburtenrate, Beschäftigungszahlen und Forschungsausgaben seien top.

Offen ließ Klingholz dabei, wie sich die spezifischen Erfahrungen eines Volks von 300 000 Menschen am nordwestlichen Rand des Kontinents auf einen 80-Millionen-Staat im Herzen Europas übertragen lassen. "Es geht schon", sagte er Zweiflern.

Bemerkenswerter: Ausgerechnet Länder, die einen hohen Anteil von Frauen im Erwerbsleben aufweisen, haben eine deutlich höhere Geburtenrate als traditionell geprägte Staaten. Und noch ein Befund lässt aufhorchen: Die nationalen politischen Bedingungen müssen einen Einfluss auf die demografische Entwicklung haben. Denn die Unterschiede zwischen den Regionen orientieren sich an den Ländergrenzen. Ob diese Erkenntnis die Politiker erfreut, bleibt abzuwarten.

Autor:  STEFFEN HEBESTREIT
Datum:  22 | 8 | 2008
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