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23. August 2013

EKD-Ratspräsident Schneider: „Homosexualität ist ein Ausdruck der Liebe“

 Von 
EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider.  Foto: picture alliance / dpa

Mit einem Positionspapier zur Ehe und Familie will sich die Evangelische Kirche Deutschlands auch Patchworkfamilien und homosexuellen Partnerschaften öffnen. Die Orientierungshilfe stößt auf Zustimmung, aber auch auf Ablehnung in den eigenen Reihen.

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Herr Schneider, ist der Rat der EKD in der Krise?
Warum sollte er in der Krise sein? Es ist schon erstaunlich, wie schnell mitunter eine intensive thematische Debatte zu einer Krise inszeniert wird. Richtig ist: Debatte und Pluralität sind das Wesen des Protestantismus. Und daran nimmt der Rat teil – und das ist auch richtig so.

Man liest, die Kirche sei unzufrieden mit Ihrer Führung.
Unsere Kirche ist kein einheitlicher Block. Sicher gibt es Menschen, die mit mir und meiner Führung unzufrieden sind. Aber was die öffentliche Debatte angeht: Da spielen sich verschiedene Medien gegenseitig die Bälle zu. Da möchten Einige gern eine Krise großschreiben, die es so nicht gibt.

Es heißt, Sie seien zu gutmütig und zu wenig fordernd. Es habe sich Passivität breit gemacht. Das umstrittene Positionspapier der EKD zu Ehe und Familie sei nur ein Ausdruck dieser Krise.
Da haben sich einige eine Brille aufgesetzt, durch die sie jetzt alles betrachten. Passivität kann ich im Rat nicht sehen. Die Diskussion um das Papier ist ja im Gegenteil sehr munter. Und wir haben viele spannende Debatten und Vorhaben, die wir mit großem Engagement vorantreiben – von der Lutherdekade und dem Reformationsjubiläum 2017 über unsere sozial- und friedensethischen Beiträge zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen bis hin zur Fortführung des kirchlichen Reformprozesses.

Haben Sie damit gerechnet, dass das Papier derart heftige Reaktionen auslösen würde?
Es war klar, dass das Papier zu Diskussionen führen würde. Aber dass sie zum Teil so heftig und unsachlich geführt werden, habe ich nicht erwartet. Allerdings ist die Aufnahme weitaus positiver, als das einige Kritiker darstellen.

Wie erklären Sie sich den Widerstand?
Die Orientierungshilfe beschreibt eine Veränderung der kirchlichen Perspektive. Die Aufgabe war: Schaut euch die Veränderungen in unserer Gesellschaft an, und zwar unter rechtlichen und soziologischen Gesichtspunkten, und bedenkt das theologisch! Dabei ist aufgefallen, dass die kirchliche Verankerung in diesen neuen Formen des Zusammenlebens bei Alleinerziehenden, in Patchwork-Familien und anderen, deutlich nachgelassen hat. Warum ist das so? Sind die Hürden zu groß? Schämen sich die Alleinerziehenden, ihre Kinder zur Taufe zu bringen? Das waren die Überlegungen, die eine Rolle spielten. Und wir waren uns völlig einig, dass wir diese neuen Lebensformen in unsere Theologie und Seelsorge mit einbeziehen müssen.

Zur Person

Nikolaus Schneider (65) ist evangelischer Theologe und seit 2010 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er übernahm das Amt von seiner zurückgetretenen Vorgängerin Margot Käßmann. Ratsvorsitzende werden für sechs Jahre gewählt; er übt das Amt bis 2015 aus.

Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland war Nikolaus Schneider von 2003 bis 2013. Er schied altersbedingt aus dem Amt.

Die Institution Ehe ist für Sie nicht erledigt.
Nein. Wir haben gefragt, was konstituiert die Ehe, was ist ihr Inhalt? Liebe, Treue, Verbindlichkeit – wie können wir diese Inhalte im Sinne einer Werteethik auf neue Lebensformen übertragen? Das Leitbild Ehe soll bleiben. Die Institution soll nicht abgewertet werden und das Zusammenleben in der „Normalfamilie“ ebenso wenig. Dieses Bemühen ist offenbar nicht genug erkannt, oder zu gering geschätzt worden.

Der württembergische Landesbischof July hat erklärt, die Institution Ehe verflüchtige sich.
Ich sehe das anders: Die substantiellen Werte der Ehe werden doch sogar auf andere Formen des Zusammenlebens angewandt. Möglicherweise aber hätten wir Ansatz und die Zielrichtung des Papiers ausführlicher erläutern sollen.

Erstaunt Sie die ablehnende Reaktion der katholischen Bischöfe?
Nein. Die Ehe ist für die Katholiken ein Sakrament. Das sehen wir seit der Reformation anders, denn wir haben ein anderes Ehe- und Sakramentsverständnis. Die Probleme, die sich aus dem Verständnis der Ehe als Sakrament ergeben, sind meines Erachtens erheblich.

Die Ökumene gefährdet das Papier nicht?
Die Ökumene ist stark genug, das Papier und manch andere Differenz in Fragen der Sozialethik auszuhalten. Kritik ist willkommen, wenn sie im Geist einer geschwisterlichen Ökumene formuliert ist.

Es gibt aber auch Kritik, wie die des Berliner Bischofs Dröge, der von Unschärfen spricht, wenn es um das Treueversprechen geht.
Bischof Dröges Kritik finde ich konstruktiv. Manche theologische Aussage hätte deutlicher sein können, aber: Das Papier relativiert das eheliche Treueversprechen nicht. Es verweist auf die Trauliturgie. Natürlich wollen und bitten wir bei der Trauung, dass die Ehe lebenslang hält. Aber wir fragen, „Willst Du?“ nicht „Wirst Du?“. Wir erkennen die Realitäten an. Menschen sind fehlbare Wesen. Es kommt auch bei der Partnerwahl zu Fehlern. Manchmal ist es gut, wenn Menschen auseinander gehen und mit dem Segen Gottes eine neue Partnerschaft gestalten können.

Es gilt also beides, wie bei Luther? Die Ehe als weltlich Ding und als göttliches Werk und Gebot?
Ja. Und ich glaube, wir hätten uns auch mit Martin Luther darüber verständigen können, dass die rechtliche Form der Ehe wandelbar ist.

Ist das Anerkennen der Realität eine notwendige Voraussetzung für die seelsorgerliche Arbeit?
Ja. Aber mit „Anerkenntnis“ ist nicht gemeint, dass wir als Kirche zu allem, was Realität ist, einfach ja sagen.

Kein Kniefall vor dem Zeitgeist also?
Nein. Aber wir versuchen, uns auf der Höhe unserer Zeit dem Wirken des Heiligen Geistes zu öffnen, denn er ist der „rechte Zeitgeist“, wie Bonhoeffer sagt.

Die Homosexualität wird in der Bibel mehrfach negativ dargestellt. Das Papier kommt zu einer ganz anderen Bewertung.
Da begegnet uns manchmal ein merkwürdiges Verständnis von „sola scriptura“! Schon Martin Luther würde vor einem solchen buchstabentreuen Bibelverständnis nicht bestehen. So hat er manche Bibeltexte nicht wörtlich, sondern im Sinn der wesentlichen Aussagen seiner Theologie übersetzt. Und auch heute können wir beim Lesen und Bedenken der Bibel das hermeneutische Problem nicht einfach ignorieren. Wir müssen fragen: Was ist die eigentliche Intention der biblischen Aussage und wie muss diese für heute übersetzt werden?

Was sagt die Bibel Ihnen über Homosexualität?
In der Texten Bibel wird Homosexualität als eine Form der Entwürdigung anderer Menschen beschrieben. Etwa in der Geschichte über Sodom und Gomorra (1. Mose 19). Die Menschen dort wollten durch homosexuelle Praktiken fremde Gäste entwürdigen und für ihre sexuellen Bedürfnisse dienstbar machen. Und auch in allen anderen Texten der Bibel, in denen Homosexualität direkt angesprochen wird, ist diese niemals Ausdruck einer intimen Liebesbeziehung zwischen zwei Partnern. Diese in der Bibel beschriebenen und negativ bewerteten Formen der Homosexualität lehne ich auch heute ab. Ich bejahe allerdings die Homosexualität als Ausdruck der Liebe zwischen zwei Partnern. Denn Sexualität dient nicht nur der Zeugung von Kindern, sondern auch dazu, Liebe auszudrücken und sich gegenseitig Lust zu schenken. Die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Liebe auch in dem Familienpapier geschieht unter der Voraussetzung, dass es Menschen gibt, die sexuell nur vom eigenen Geschlecht angezogen werden und mit ihrem Partner eine vertrauensvolle und verlässliche Beziehung leben. Homosexualität ist keine Krankheit. Um es fromm zu sagen: Der liebe Gott hat wenige Menschen so gemacht.

Sollte nicht auch die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare der Trauung gleichgesetzt werden?
Ich wäre da zurückhaltend.

Warum?
Zunächst einmal, weil die Ehe zwischen Mann und Frau und die eingetragene Lebenspartnerschaft von Mann und Mann und von Frau und Frau traditionell unterschiedliche Dinge sind. Und Traditionen sollten wir nicht vorschnell über Bord werfen. Ich bin sehr dafür, alle Diskriminierungen zu beseitigen, aber ich sehe keinen Sinn darin, alle unterschiedlichen und unterscheidenden Begrifflichkeiten einzuebnen. Zum anderen hat die „Weitergabe des Lebens“ in einer Ehe doch ein anderes Gewicht als in eingetragenen Lebenspartnerschaften.

Es werden gerade die rechtlichen Voraussetzungen auch dafür geschaffen.
Ich weiß. Wir müssen und werden das diskutieren.

Homosexuelle gehören zum Schöpfungsplan?
Ja, für mich gehören sie dazu.

Das war zu Zeiten der Heiligen Schrift nicht so?
Als sie verfasst wurde, sahen die Menschen das anders. Aber in der Bibel finden wir Gottes Wort nur in Gestalt von Menschenworten. Wir müssen heute also hermeneutisch unterscheiden, was ist die zeitgebundene Kultur, in die sich die Heilige Schrift mit Gottes Offenbarung einbringt, und wo ist Gottes Offenbarung immer mehr als die zeitgebundene kulturelle Form. Diese Unterscheidung lässt sich nicht eindeutig treffen – darum gibt es ja unterschiedliche Konfessionen und darum gibt es jetzt diesen Streit um das Familienpapier. Wir haben die Aufgabe, die heutige kulturelle Form mit Gottes ewiger Offenbarung zu verbinden, und diese Offenbarung zeigt sich für mich in Liebe, Treue, Verlässlichkeit. Es geht ihr um die Werte. Sie sind der Kern.

Ist diese fortwährende Diskussion ein Zeichen der Stärke oder eine Schwäche der evangelischen Kirche?
Eindeutig eine Stärke. Wir sind bereit, uns Diskussionen auszusetzen, wir sind auch bereit, uns den Risiken von Missverständnissen auszusetzen. Wir akzeptieren. Wir sind eine Kirche, die versucht, auf der Höhe der Zeit dem Evangelium gemäß zu leben. Gottes Geist ermutigt uns, in neuen Zeiten nach neuen Wegen zu suchen.

Interview: Katja Tichomirowa

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