Er ist voller Hass. Mehr weiß man nicht über Alex W., es ist das Einzige, was er von sich preisgibt. Aber woher kommt dieser Hass? "Wir finden nichts, aber auch nichts, was uns erklärt, warum wir uns mit diesem Angeklagten zu befassen haben", sagt der Anwalt der Nebenklage, Oliver Wallasch. Neben ihm sitzt sein Mandant Tarek El-Sherbini, der Bruder der jungen Ägypterin Marwa El-Sherbini, die Alex W. am 1. Juli 2009 im Dresdner Landgericht erstochen hatte. Als der Dolmetscher übersetzt, schüttelt der Bruder immer wieder verzweifelt den Kopf. "Bei Ihnen ist alles dunkel geblieben, dunkel wie Ihre Seele." Alex W. zeigt sich davon unbeeindruckt und schweigt.
Am heutigen Mittwoch wird aller Voraussicht nach das Urteil im Dresdner Landgericht über Alex W. gesprochen. Staatsanwalt und Nebenkläger haben die Höchststrafe für eine Tat gefordert, die die Welt erschüttert hat.
Alles begann am 21. August 2008.
Es ist ein warmer Donnerstag. Die Apothekerin Marwa El-Sherbini geht mit ihrem kleinen Sohn zum Spielplatz. Sie ist Ägypterin und Muslimin. Sie trägt ein Kopftuch. Der Spielplatz liegt an der Elisenstraße in Dresden, in Johannstadt direkt an den Elbwiesen. Mustafa ist zwei Jahre alt. Er möchte schaukeln, doch beide Schaukeln sind besetzt.
Auf der einen sitzt Alex W., ein damals 27-jähriger Mann, Deutsch-Russe, geboren in Perm, auf der anderen die kleine Tochter seiner Schwester.
Marwa El-Sherbini fragt den Mann freundlich, ob er nicht die Schaukel für ihren Jungen freimachen könne. Doch der schimpft sofort los: Eine Terroristin sei sie, eine Islamistin. Ihr Sohn, der werde auch einmal Terrorist. Wehe, er setze sich auf die Schaukel. "Dann werde ich ihn schaukeln, bis er tot ist." Frauen, die das Geschimpfe mitanhören, reden auf Russisch auf Alex W. ein, wollen ihn beruhigen. Ein Mann gibt Marwa El-Sherbini sein Mobiltelefon. Sie ruft die Polizei an. Beamte kommen, schicken Alex W. vom Spielplatz und nehmen eine Anzeige wegen Beleidigung auf. Routine. Was tief im Innern von Alex W. brodelt, niemand sieht es an jenem Donnerstag im August.
In einer Tasche schmuggelt er das Messer ins Gericht
Im Winter dann gibt es eine Verhandlung vor dem Dresdner Amtsgericht, weil Alex W. die verhängte Strafe von 330 Euro wegen Beleidigung nicht bezahlen wollte. Das Gericht verurteilt ihn daraufhin zu 760 Euro. Er schimpft vor Gericht, Menschen wie Marwa El-Sherbini hätten kein Recht, in Deutschland zu sein. Zorn flackert auf, wird kurz sichtbar. Was in Alex W. aber vorgeht, niemand kann es auch nur ahnen.
Dann kommt der Fall noch einmal vor Gericht. Eine Berufungsverhandlung, Landgericht Dresden am Sachsenplatz, angestrengt auch von der Staatsanwaltschaft, die ein härteres Urteil möchte. Es ist der 1. Juli 2009, ein Mittwoch. Um 9.30 Uhr beginnt die Verhandlung, Raum 10. Eine kleine Sache, ein kleiner Raum. Es sind keine Zuschauer da wie bei größeren Verfahren, auch kein Justizwachtmeister.
Richter Tom Maciejewski leitet die Verhandlung. Er ist 46 Jahre alt, ein erfahrener Richter in Dresden. Er hat eine Staatsschutzkammer geleitet, eine Jugendkammer und eine Schwurgerichtskammer. Tom Maciejewski war der Richter, der Mario Mederake lebenslang ins Gefängnis schickte, jenen Mann, der sich das Mädchen Stephanie auf dem Weg zur Schule schnappte, sie nach Hause verschleppte und dort 36 Tage als Sex-Sklavin hielt, bis sie von der Polizei befreit wurde.
Tom Maciejewski, ein drahtiger Mann, der immer auf Umgangsformen achtet und auch Schwerverbrechern gegenüber einen sachlichen und höflichen Ton anschlägt, beginnt die Verhandlung, wie er sie immer beginnt. Er stellt die Anwesenheit fest, widmet sich dann dem Angeklagten, Personalien: Alex W., geboren 12. November 1980 in Perm, Russland. Nein, ein Dolmetscher sei nicht nötig. Beruf: Lagerarbeiter, deutscher Staatsangehöriger.
Ja, was auf dem Spielplatz gesagt wurde, das habe er so gesagt, gibt der Angeklagte zu. Er habe Marwa El-Sherbini eine Terroristin genannt, auch Islamistin, aber nicht Terroristenschlampe. Seit dem 11. September 2001, dem Tag des Angriffs auf das World Trade Center in New York, hätten Leute wie die Ägypterin kein Recht, in Deutschland zu leben. "Solche Monster", sagt Alex W. wörtlich.
Richter Maciejewski hat das genau protokollieren lassen. "Mich hat das sehr empört", hat er nun, im laufenden Verfahren gegen Alex W., als Zeuge gesagt.
Am 1. Juli fragt er den Angeklagten, ob er jemals in einem KZ war oder sich mit deutscher Geschichte befasst habe. Alex W. sagt, er habe die NPD gewählt. Er sagt das alles einfach so, wie sich der Richter später erinnern wird. Alex W. wird nicht laut, er erscheint nicht aufgeregt. Niemand ahnt, dass er in der Sporttasche vor seinen Füßen ein Kampfmesser hat.
Es ist 9.50 Uhr. Der Verteidiger Markus Haselier bittet um eine kurze Pause. Alex W. müsse sich etwas beruhigen und eine Zigarette rauchen. Richter Maciejewski gewährt eine zehnminütige Unterbrechung.
Die Verhandlung geht weiter, Richter Maciejewski hält es nicht für nötig, die Zeugin Marwa El-Sherbini zu hören. Sie sitzt mit ihrem Mann Elwy Ali Okaz und ihrem Sohn Mustafa draußen vor dem Saal auf einer Bank. Mustafa kränkelt ein wenig, ist deshalb nicht im Kindergarten. Neben Richter Maciejewski sitzen die Schöffen Brigitte H. und Hans A. Im Saal sind außerdem die Staatsanwältin Barbara Helmert, Anwalt Haselier und der Angeklagte. Sonst niemand.
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