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04. Januar 2013

Elefanten Thailand: Umerziehung im Dschungel

 Von Karl-Ludwig Günsche
Nicht wirklich artgerecht: Ein Elefant als Weihnachtssensation in der thailändischen Stadt Ayutthaya.Foto: REUTERS

Ein Waldschutzgesetz machte in Thailand Tausende Arbeitselefanten arbeitslos. Heute müssen sie für den Lebensunterhalt ihrer Führer in den Städten betteln oder in Touristenhochburgen Kunststücke vorführen. Stiftungen versuchen, den Tieren wieder eine tiergerechte Zukunft zu ermöglichen.

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Ein Waldschutzgesetz machte in Thailand Tausende Arbeitselefanten arbeitslos. Heute müssen sie für den Lebensunterhalt ihrer Führer in den Städten betteln oder in Touristenhochburgen Kunststücke vorführen. Stiftungen versuchen, den Tieren wieder eine tiergerechte Zukunft zu ermöglichen.

Benjamins Tag beginnt früh. Der Nebel liegt noch über dem weiten Tal im Goldenen Dreieck hoch oben in Thailands Norden, an der Grenze zu Birma und Laos. Es riecht nach den Buschfeuern drüben in Birma, mit denen die Bauern ohne Rücksicht auf die Umwelt immer wieder ihr Land abbrennen. Die Elefanten sind im Morgendunst kaum zu sehen, als große, graue Schatten verschmelzen sie fast mit der Umgebung. Die Nacht haben sie unter den Bäumen der Flussniederung des Ruak verbracht. Jetzt beginnt für sie – ebenso wie für den jungen Deutschen – der Arbeitstag.

Auf Betteltour

Behutsam nähert sich Benjamin Nong Pleum, „seiner“ Elefantin. Der junge Mann aus Berlin trägt die seit Generationen übliche Kleidung der Mahouts, der Elefantenführer: weite blaue Baumwollhosen, die über dem Bauch zusammengebunden werden, und eine gleichfarbene Jacke. Nong Pleum hebt den Vorderfuß, Benjamin steigt hinauf, klettert auf den Elefantenrücken und lenkt das riesige Tier mit leisen Kommandos und sanften Fußtritten hinter den Ohren die steile Uferböschung zum Ruak hinunter. Die Elefantendame steigt in ihr morgendliches Bad. Benjamin schrubbt ihr den Rücken und die Flanken, während sie sich wohlig in den Fluten des kleinen Flusses wälzt, der wenige Kilometer weiter in den Mekong mündet. Mit sichtbarem Behagen duscht der Elefant mit dem Rüssel auch seinen jungen Reiter aus Deutschland.

Arbeitstiere

Bereits im 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung wurden in Asien Elefanten gezähmt, wie Siegel aus dem Indus-Tal belegen.

Um das Jahr 1900 herum gab es allein in Siam, dem heutigen Thailand, rund 100 000 Arbeitselefanten.

Heute wird ihre Zahl zwischen Indien und Indonesien auf rund 15 000 geschätzt. In Burma gibt es rund 5 500 gezähmte Elefanten, in Thailand rund 4 000.

Benjamin arbeitet für ein paar Wochen als Praktikant für die Golden Triangle Asian Elephant Foundation. Die Stiftung kümmert sich um die – wenn man es so nennen darf – Resozialisierung der Elefanten in Thailand, die mit ihren Mahouts arbeitslos geworden sind und nun für den Lebensunterhalt ihrer Führer und ihren eigenen in den Städten betteln oder in Touristenhochburgen Kunststücke vorführen müssen. Elefanten, einst das Wappentier des alten Königreichs Siam, führen im heutigen Thailand oft ein armseliges Leben, werden von ihren Besitzern misshandelt und missbraucht. Doch immer mehr private Stiftungen und staatliche Organisationen versuchen, den Tieren wieder eine tiergerechte Zukunft zu ermöglichen und, wenn es gut läuft, eine Rückkehr in die Wildnis.

Etwas ganz Besonderes sind die Elefanten für die Thailänder auch heute noch. Jedes Jahr am 13. März, dem „Nationalen Elefantentag“, strömen die Menschen in die rund 20 Elefantencamps des Landes. Die Tiere werden geschmückt und bekommen Leckereien. Und an jedem dritten Wochenende im November findet in Surin eine große Elefantenshow mit Elefantenparade statt, bei der dann auch alte Schlachten nachgestellt werden. An solchen Tagen lebt die Verehrung der Thais für ihr altes Wappentier noch einmal auf.

Doch die Zahl der Elefanten geht immer mehr zurück. Um 1900 herum gab es im Königreich Siam noch rund 200 000 wild lebende Elefanten. Damals waren allerdings auch noch 70 Prozent des Landes von Wald bedeckt, heute sind es nicht einmal mehr 20 Prozent. 1950 wurden nur noch etwa 50 000 wilde Elefanten gezählt. Heute leben nach Schätzungen der Forstbehörden im Norden Thailands noch etwa 300 und nahe der alten Königsstadt Hua Hin 200 Elefanten wild in den Wäldern Thailands. Andere, optimistischere Schätzungen gehen von insgesamt zwei- bis dreitausend Elefanten in freier Wildbahn aus.

Immer wieder werden Tiere Opfer von Wilderern, die an ihr Elfenbein herankommen wollen. Die Bilder der gemetzelten Riesen erschrecken Thailands Gesellschaft – und spülen regelmäßig die dringend benötigten Spenden in die Kassen der Stiftungen und Naturschutzorgansationen.

Immer wieder vertrieben

Ausgerechnet das Waldschutzgesetz, das Thailand 1989 erließ, um die rücksichtslosen Rodungen zu stoppen, führte zu neuen Nöten. Viele tausend Arbeitselefanten, die bis dahin in der Forstwirtschaft eingesetzt worden waren, trotteten fortan mit ihren Mahouts bettelnd durch die Städte oder machten Männchen für die Kameras der Touristen.

Die Elefantendame Nong Pleum verbrachte ihre Tage damit, auf der Sukhumvit in Bangkok, einer der belebtesten Straßen der Hauptstadt, zu stehen und mit ihrem Rüssel den Passanten Zuckerrohr anzubieten. Touristen kauften, fütterten sie mit der gerade erworbenen Ware und machten Fotos, wie sie die Leckerbissen gierig verschlang. Die Einnahmen waren kärglich, aber sie ernährten den Mahout Khun Lord und seine Familie. Nachdem sie viermal von den Behörden aus der Stadt vertrieben wurden, zogen der Führer und sein Tier weiter in den Touristenort Pattaya, wurden aber auch von dort wieder verjagt und kehrten nach Bangkok zurück. Dort fand sie dann John Roberts, Chef des Elefantencamps der Golden Triangle Asian Elephant Foundation. Er überzeugte Khun Lord, dass er, seine Familie und Nong Pleum im Camp der Stiftung nahe Chiang Rai eine neue Heimat und eine sichere Zukunft finden könnten.

Nong Pleums Mahout ist mittlerweile Chef der Elefantenführer im Camp der Stiftung. Um Nong Pleum kümmert sich jetzt sein Schwiegersohn. Unter seiner Führung lässt es sich die Elefantendame sogar gefallen, dass Touristen zur einer Dschungeltour auf ihren Rücken klettern. Aus der Ruhe kann den gemütlichen Elefanten kaum etwas bringen. Und wenn wirklich einmal ein Problem auftritt oder Nong Pleum schlechte Laune hat, ist der Mahout zur Stelle, der seine Elefantin kennt wie niemand sonst.

Auch Benjamin, der junge Deutsche, hat Nong Pleum mittlerweile ins Herz geschlossen. „Auf ihrem Rücken morgens durch den Dschungel zu reiten, ist ein einmaliges Erlebnis“, schwärmt er. Dann ruft er energisch das Kommando: „pae!“, und Nong Pleum trottet aus dem Wasser an Land. Die Badestunde im Ruak ist beendet.

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