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24. April 2013

Embryonen-Handel: Antideutsche Attacken

 Von Ulrich Krökel
Heranwachsendes Leben in der siebten Woche.  Foto: dpa/Peter Endig

Polens Justizminister Gowin ist sich sicher: Polnische Kliniken exportieren menschliche Embryonen nach Deutschland, wo mit ihnen experimentiert würde. Beweisen kann er den Vorwurf allerdings nicht.

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Es sieht nach einem Skandal aus. Polens Justizminister Jaroslaw Gowin ist sich sicher: Polnische Kliniken exportieren menschliche Embryonen nach Deutschland. Dort werden dann Experimente an den Embryonen durchgeführt. Das jedenfalls behauptete der Minister im Gespräch mit der Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Tausende „menschliche Wesen“ hätten so ihr Leben verloren. Beweise für seine ungeheuerliche Behauptung blieb Jaroslaw Gowin allerdings schuldig.

Fund in Posener Klinik

Deutsche Behörden dementierten den Vorwurf umgehend. Das zuständige Robert-Koch-Institut teilte auf Anfrage der Gazeta Wyborcza mit, dass aus Polen weder Embryos noch embryonale Stammzellen importiert worden seien. In polnischen Medien und in der Politik brach dennoch ein Sturm los, in dessen Zentrum sich Gowin unerschütterlich gibt. Er wisse, dass er die Wahrheit sage, erklärt er und beruft sich auf Gespräche mit Ärzten aus In-Vitro-Kliniken, die sich auf künstliche Befruchtungen spezialisiert haben. „Die Mediziner haben mich darüber schon vor fünf Jahren informiert“, betont er. „Die Vernichtung von Tausenden Embryos dauert an.“

Auslöser für die skandalträchtige Debatte war ein erschreckender Fund in einer Posener Augenklinik. In dem Haus, in dem früher eine In-Vitro-Praxis untergebracht war, entdeckten die neuen Betreiber in der vergangenen Woche einen Behälter zur Aufbewahrung abgetöteter und eingefrorener Embryos. Die Augenärzte alarmierten daraufhin Polizei und Staatsanwaltschaft, die nun in dem Fall ermitteln.

Gowin wollte es darauf aber nicht beruhen lassen. Ohne die Ergebnisse der Nachforschungen abzuwarten, trat er im TV-Sender TVN 24 vor die Kameras und bezichtigte deutsche Stammzellforscher, einen schwunghaften Importhandel mit ausländischen Embryos zu betreiben – unter anderem mit Polen, wo es eine gesetzliche Lücke gebe. „Der Handel mit Embryos ist bei uns leider nicht verboten“, erklärt der Justizminister, der mit Vorstößen zu entsprechenden Gesetzesänderungen mehrfach gescheitert ist. Die weltanschaulich aufgeheizte In-Vitro-Debatte in dem katholisch geprägten Land bildet den Hintergrund für Gowins Alarmruf. Der tiefgläubige Christ gilt in der rechtsliberalen Regierung von Premier Tusk vor allem in ethischen Fragen als konservativer Vorkämpfer. Er möchte die Forschung an embryonalen Stammzellen komplett verbieten.

Gowin hat inzwischen zugestanden, dass er nicht über konkrete Fakten gesprochen habe. Er habe nicht behauptet, „dass im Krankenhaus X Embryos an ein ausländisches Institut verkauft werden“. Genau das wäre aber erforderlich gewesen, wenn der Minister deutsche Wissenschaftler pauschal beschuldige, halten ihm Kritiker entgegen. „Die Deutschen haben eines der schärfsten Embryonenschutzgesetze (ESG) in Europa“, erklärt etwa Waldemar Kuczynski von der polnischen Gynäkologen-Gesellschaft.

Gowin seinerseits verkehrt diese Aussage in ihr Gegenteil. „Gerade weil die Gesetze in Deutschland so strikt sind, wenn es um die Herstellung von Embryos geht, werden sie aus dem Ausland importiert“, behauptet er und stellt klar: „Ich sage ja nicht, dass die deutschen Forscher etwas Illegales tun. In Deutschland darf man mit Embryos experimentieren.“

Aufklärung gefordert

Tatsächlich sieht das deutsche ESG vor, dass künstliche Befruchtungen nur zum Zweck einer Schwangerschaft erlaubt sind. Wörtlich heißt es in Paragraph 2: „Wer einen extrakorporal (außerhalb des Körpers) erzeugten Embryo veräußert oder zu einem nicht seiner Erhaltung dienenden Zweck abgibt, erwirbt oder verwendet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Auf Anfrage der FR teilte das Bundesgesundheitsministerium in Berlin mit, dass „dies unabhängig davon gilt, wo der Embryo herstammt“ – also auch für das Ausland. Lediglich in behördlich genehmigten Einzelfällen dürfen Wissenschaftler demnach Stammzellen importieren. Die deutsche Botschaft in Warschau forderte Aufklärung von dem Justizminister.

Fakt ist: Gowin stand wegen seiner provozierenden Debattenbeiträge bereits kurz vor dem Rauswurf aus der Regierung. Im Januar hatten er und Parteifreunde einen Gesetzentwurf zur Homo-Ehe zu Fall gebracht. Wie der Premier nun auf den Wirbel um die antideutschen Attacken Gowins reagiert, ist offen.

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