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Energieexpertin Kemfert im Interview: "Russlands Einfluss mindern"

Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, über den Gasstreit.

Claudia Kemfert  leitet die Abteilung Energie,  Verkehr, Umwelt am  Berliner DIW.
Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Berliner DIW.

Frau Kemfert, alle Jahre wieder gibt einen Gasstreit zwischen Russland und dem Nachbarstaat Ukraine. Warum wiederholt sich die Geschichte jeden Winter?

Russlands Gaswirtschaft versucht, möglichst überall marktwirtschaftliche Preise durchsetzen. Das ist nicht in allen Ländern der Fall, insbesondere in einigen ehemaligen Sowjetrepubliken noch nicht, die das Gas aufgrund der früheren engen politischen Bindung günstiger erhalten. Auffällig ist aber, dass pro-russische Staaten wie Weißrussland trotz subventionierter Preise derzeit keinen Zahlungsstreit mit Gazprom haben. Über das Gas wird mit der Ukraine auch ein politischer Konflikt ausgetragen. Erdgas ist insbesondere in Zeiten hoher Nachfrage im Winter ein geeignetes Druckmittel.

Wie können sich Deutschland und Westeuropa besser darauf vorbereiten?

Wir müssen uns unabhängiger von russischem Gas machen. Zum einen mit Energieeinsparung, etwa durch eine konsequente Gebäudedämmung, die Wärmeverluste minimiert. Außerdem müssen wir weg von fossilen Energien, die uns in grundsätzlicher Abhängigkeit von externen Lieferländern halten. Das kann über den Ausbau erneuerbarer Energien gelingen. Zum anderen müssen wir bis dahin den Gasbezug diversifizieren, um die russischen Gasimporte möglichst klein zu halten.

Mit der geplanten direkten Gaspipeline von Russland nach Deutschland durch die Ostsee könnte sich Deutschland unabhängig von unsicheren Transitländern wie der Ukraine machen. Reicht das nicht?

Leider nein. Denn die neue Ostseepipeline würde zwar die Versorgungssicherheit erhöhen, da Russland kaum mit Lieferstopps drohen würde. Zugleich würde sie aber die Abhängigkeit von Russland weiter erhöhen. Bisher stammen knapp 40 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases aus Russland. Mit der Pipeline stiege der Importanteil auf knapp 60 Prozent. Das ist eine gefährliche Tendenz, da Russland uns die Preise diktieren würde. Die hohen Kosten der Ineffizienz im eigenen Land lässt sich die russische Gaswirtschaft von westlichen Abnehmerländern bezahlen.

Sind neue Gaspipelines aus anderen Regionen eine Alternative zur Verbesserung der Versorgungssicherheit?

Definitiv ja. Es gibt zwei geplante Pipelines aus dem Kaukasus, die aus Südosten nach Europa führen sollen, die Blue-Stream- und die Nabucco-Pipeline. Damit kann Erdgas aus dem kasachischen Raum, Vorderasien und der arabischen Halbinsel herbeigeschafft werden. Der Iran und Katar zählen neben Russland zu den Ländern mit den größten Gasreserven.

Stichwort Iran: Setzt sich Europa mit diesen Pipelines nicht dem politischen Einfluss und Druck möglicher fundamentalistischer Regime aus?

Ja, die Sorge ist derzeit berechtigt. Man wird sehen, wie sich der Iran weiterhin verhält. Außerdem gibt es noch weitere Alternativen, die alle gemeinsam den russischen Gasbezug mindern sollen. Dazu zählt insbesondere LNG (liquified natural gas). Das ist verflüssigtes Erdgas, das unabhängig von Pipelines mit Schiffen transportiert werden kann, und damit die Bezugsmöglichkeiten und die Flexibilität deutlich erweitert. In Zeiten von möglichen Pipelineengpässen könnte über LNG schnell für Ersatz gesorgt werden.

Warum ist LNG in Deutschland bisher überhaupt nicht präsent?

Die deutschen Energiekonzerne bevorzugen Pipelinegas. Eon investiert etwa in die Ostseepipeline, RWE in die Nabucco-Linie. Dazu kommt, dass die Herstellung von LNG technisch aufwändig ist - das macht es zumindest in Zeiten niedriger Preise teurer als Pipelinegas.

Interview: Oliver Ristau

Datum:  7 | 1 | 2009
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