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Politik
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17. April 2011

Energiewende: Kleine Beträge, große Folgen

 Von Joachim Wille
Werbung für Wärmedämmung in Düsseldorf. Bei der in Deutschland diskutierten Energiewende im Zuge eines schnelleren Ausstiegs aus der Atomenergie steht auch die öffentliche Förderung der Wärmedämmung an Gebäuden zur Energieeinsparung zur Debatte. Foto: dpa

Umweltminister Norbert Röttgen und Experten streiten über die Kosten der Energiewende: Während Röttgen nur einen moderaten Preisanstieg von bis zu 0,9 Cent pro Kilowattstunde Strom erwartet, hat der Chef der Deutschen Energie-Agentur weit höhere Kosten genannt.

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Wie teuer wird die Energiewende? Wie stark steigt der Strompreis, wenn die Atomkraftwerke schneller vom Netz gehen? Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) erwartet nur moderat höhere Rechnungen durch einen beschleunigten Atomausstieg. Der Preis pro Kilowattstunde werde in den nächsten Jahrzehnten dadurch um 0,1 bis 0,9 Cent ansteigen, sagte er jüngst. Das wäre nicht dramatisch. Derzeit kostet die Kilowattstunde für Haushaltskunden rund 23 Cent. Röttgen stützt sich dabei auf Berechnungen, die die Regierung voriges Jahr machen ließ, als sie ihr Energiekonzept erarbeitete.

Jetzt allerdings hat der Chef der Deutschen Energie-Agentur (Dena), Stephan Kohler, weit höhere Kosten genannt. Der Strompreis werde nicht nur moderat, sondern um etwa fünf Cent pro Kilowattstunde ansteigen, sagte Kohler der FAZ, also um gut ein Fünftel. Daraus ergebe sich für alle Stromverbraucher – Privathaushalte, Gewerbe und Industrie – eine Zusatzbelastung von bis zu 20 Milliarden Euro pro Jahr.

Kohlers Wort hat Gewicht, denn die Dena ist ein Unternehmen, das zur Hälfte dem Bund gehört und als „Kompetenzzentrum für Energieeffizienz und erneuerbare Energien“ firmiert. Der Dena-Chef identifiziert drei Kostentreiber: erstens den für den Ökostrom nötigen Netzausbau (ein Cent), zweitens die steigende EEG-Umlage für die Wind- und Solaranlagen, die neu installiert werden (zwei bis drei Cent), und drittens eine wegen sinkender Auslastung teurere Stromproduktion in den konventionellen Kohle- und Gaskraftwerken (1,5 Cent). Damit hat Kohler heftige Kritik ausgelöst. Es seien „in keiner Weise fundierte Horrorzahlen“, sagte der Energie-Experte des Öko-Instituts, Felix Matthes, der Frankfurter Rundschau.

3600 Kilometer neue Stromtrassen

Erste Position: Netzausbau. Um den Ökostrom besser von Nord- nach Süddeutschland ableiten zu können, müssen laut der 2010 von Kohlers Dena veröffentlichten „Netzstudie“ bis zu 3600 Kilometer neue Stromtrassen gebaut werden. Als Kosten dafür und den Ausbau des Verteilnetzes werden 23 bis 56 Milliarden Euro genannt. Kohler rechnet dies in einen Cent pro Kilowattstunde um, Matthes kommt (bei einer Verzinsung von sechs Prozent und 40 Jahren Abschreibung) nur auf 0,3 bis 0,6 Cent. Kohler setze am oberen Ende der Kostenbandbreite an und liege dann „auch noch 40 Prozent zu hoch“.

Zweite Position: Ökostrom. Derzeit beträgt die Umlage, die aufgrund des Erneuerbare-Energien-Gesetzes von den Stromkunden gezahlt wird, 3,5 Cent je Kilowattstunde. Sie wird steigen, da weitere Wind-, Solar- und Biogas- Anlagen gebaut werden, deren Strom mit Sätzen vergütet wird, die über dem Normalstrom-Preis an der Börse liegen. Köhler setzt dies mit zwei bis drei Cent an. Für Matthes ist das „Panikmache“. Realistisch sei „mittelfristig ein Cent“. Die EEG-Umlage werde bei steigendem Börsen-Strompreis und den sinkenden Einspeisevergütungen erheblich gedämpft.

Dritte Position: Schattenkraftwerke. Die konventionellen Kraftwerke müssen weiter verfügbar sein, um Strom zu liefern, wenn Windräder wegen Flaute nicht laufen oder nachts oder an trüben Tagen kein oder wenig Solarstrom fließt. Ihre Auslastung sinkt, je mehr Ökostrom im Netz ist. Kohler kalkuliert, dass dadurch der Strom um bis zu 1,5 Cent teurer wird. Auch hier widerspricht Matthes. „Die Preisbildung an der Börse hat mit der Auslastung überhaupt nichts zu tun“, sagt er. Allenfalls ein Plus von 0,5 Cent sei hier aufgrund der veränderten Kraftwerksstruktur durchschnittlich zu erwarten.

Unter dem Strich hält Matthes die Zusatzkosten durch einen beschleunigten Atomausstieg für verkraftbar. Dass sie jährlich 20 Milliarden betragen sollen, sei „völlig abwegig“, sagt er und kritisiert Kohler: „Zur notwendigen seriösen Kostenbewertung des schnellen Atomausstiegs trägt die Verbreitung solcher Halbwahrheiten ganz sicher nicht bei.“

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