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Erfahrungsbericht: Eine quälende Entscheidung

Johanna wurde in der 24. Woche abgetrieben. Sie starb im Bauch ihrer Mutter an einer Kaliumchloridinjektion ins Herz. Ihre Eltern erzählen.

Auf dem städtischen Friedhof liegt ein Kuschelbär für Johanna Baum*. Hier, wo ein Begräbnisplatz für Kinder unter 500 Gramm liebevoll gestaltet ist, haben Johannas Eltern von ihrer Tochter Abschied genommen. Sie starb im Bauch ihrer Mutter an einer Kaliumchloridinjektion ins Herz. Als sie am Ende der 24. Schwangerschaftswoche tot auf die Welt kam, wog sie 490 Gramm.

Johannas Eltern gehören zu den wenigen Paaren in Deutschland, die aufgrund einer medizinischen Indikation erst nach der 22. Woche einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen. Drei Wochen lang haben Anja und Georg Baum* vorher mit sich gerungen. "Die Entscheidung, dass wir Johanna nicht ,tragen' können, fiel sehr, sehr langsam", erzählt Anja Baum unter Tränen.

Bei einem Feinultraschall in der 21. Schwangerschaftswoche wird bei Johanna Spina bifida, eine schwere angeborene Fehlbildung der Wirbelsäule festgestellt. "Es hat vielleicht eine halbe Minute gedauert", erinnert sich die 33-jährige Anja, "da wurde der Arzt ganz still und sagte: ,Wir haben hier ein Problem'." Die Eltern stehen unter Schock, nachdem ihnen der Pränataldiagnostiker den Befund behutsam erläutert hat.

Der Arzt habe sie darauf hingewiesen, dass eine Abtreibung möglich sei, erinnert sich Anna Baum. Ein anderer Facharzt habe nach einer weiteren Untersuchung davon gesprochen, "noch nie so eine schwere Fehlbildung" gesehen zu haben. Weder die beiden Pränataldiagnostiker noch die Frauenärztin raten dem Paar, sich an eine psychosoziale Beratungsstelle zu wenden.

Diesen Schritt versäumen auch alle anderen Mediziner, bei denen das Paar in den nächsten Tagen vorstellig wird, um mehr über Johannas Lebenschancen zu erfahren. Klar wird: Ohne medizinische Intensivstbetreuung und Operationen mit ungewissem Ausgang würde Johanna nach ein oder zwei Tagen qualvoll sterben. Wenn sie überlebt, würde sie querschnittsgelähmt sein, verkrüppelte Beine und auch eine Kleinhirn- und Nierenfehlbildung haben, und sie würde niemals Blase und Darm kontrollieren können.

"Ich fühlte mich total alleingelassen, konnte nur im Kreis denken", beschreibt Anja Baum ihre damalige Verfassung. Sie informiert sich im Internet, sucht Kontakt zu Betroffenen. Von einer Mutter, deren Tochter mit einer schweren Spina bifida zur Welt kam, lässt sich Anja Baum schildern, wie das Leben mit einem schwer behinderten Kind zu bewältigen ist. Neun Tage nach der Diagnose bekommen die Baums einen Termin bei der psychosozialen Beratungsstelle. In vier langen Gesprächen versuchen die Baums, sich die Alternativen klarzumachen.

Zweieinhalb Wochen später wird beim Ultraschall festgestellt, dass Johannas Wasserkopf, eine häufige Begleiterscheinung von Spina bifida, weiter angewachsen ist. Da spüren die Baums, dass sie es nicht schaffen, und entscheiden sich für den Spätabbruch. Genau drei Wochen nach der Diagnose bekommt Johanna von einem Arzt die tödliche Injektion.

Heute sagen die Baums, die vielen Gespräche mit Fachärzten, anderen Betroffenen, der psychosozialen Beraterin wie auch mit Freunden und Verwandten hätten es ihnen möglich gemacht, "das zu tun, was am wenigsten falsch scheint". Dennoch fragt Anja Baum sich noch immer, ob sie schuldig geworden sei, "am Leben selbst sozusagen". epd

*Name geändert

Datum:  13 | 5 | 2009
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