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19. Januar 2013

Erfahrungsbericht: Wenn Pflege krank macht

 Von Kerstin Krupp
Die Pflege eines Angehörigen wird kaum anerkannt.  Foto: dpa

Wer Schwerkranke pflegt ist schnell erschöpft und zermürbt von dem bürokratischen Dschungel aus Pflegegesetz, Ärzten und Krankenkassen.

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Wer Schwerkranke pflegt ist schnell erschöpft und zermürbt von dem bürokratischen Dschungel aus Pflegegesetz, Ärzten und Krankenkassen.

Am Anfang steht immer der Satz: „Bloß nicht ins Pflegeheim.“ Für Martina Rosenberg war daher klar, dass sie die Versorgung ihrer Mutter selbst übernehmen würde, als diese an Demenz erkrankte. Dann bekam auch noch der Vater einen Schlaganfall und Rosenberg, berufstätige Mutter einer damals kleinen Tochter, hatte plötzlich zwei Schwerkranke zu versorgen.

Den Eltern ging es finanziell gut, sie konnten eine Pflegerin beschäftigen, und zusätzlich kam ein ambulanter Dienst. „Aber es ist ein Irrglaube, dass man, wenn man einen Pflegedienst beauftragt, nichts mehr zu tun hat“, sagt Rosenberg, die mit ihrer Familie im Haus der Eltern wohnte. Bald litt sie unter Bluthochdruck und Tinnitus, erschöpft von der Pflege und zermürbt von dem bürokratischen Dschungel aus Pflegegesetz, Ärzten und Krankenkassen. Ihre Erfahrungen hat sie in dem Buch „Mutter, wann stirbst Du endlich?“ aufgeschrieben.

Warum so ein drastischer Titel? „Es gibt einfach Situationen im Leben, wenn man die erlebt hat, dann weiß man, dass der Tod manchmal die bessere Wahl ist.“ Das Buch ist ein Hilferuf, und dass die Autorin damit einen Nerv trifft, zeigen nicht zuletzt die Zuschriften, vier bis fünf jeden Tag, meist mit ähnlichen Leidensgeschichten.

"Stiefkind der Politik"

„Die häusliche Pflege ist das Stiefkind der Politik“, sagt der Sozialpädagoge Claus Fussek, der seit 30 Jahren nicht müde wird, den Pflegenotstand anzuprangern. Dabei werden fast zwei Drittel aller Pflegebedürftigen zu Hause versorgt, meist vom Ehepartner oder den Kindern. Die Belastung ist hoch, viele werden darüber krank, geben ihren Job auf oder isolieren sich, weil keine Zeit mehr für Verabredungen bleibt. Eine Untersuchung der Siemens Betriebskrankenkasse im Jahr 2011 ergab, dass fast 20 Prozent der Pflegenden unter Depressionen leiden. Das sind dreieinhalbmal so viel wie in der Normalbevölkerung.

Finanziell benachteiligt

Der Einsatz für den kranken Vater, die kranke Mutter oder auch für das kranke Kind erfährt kaum Anerkennung, finanziell werden die Laienpfleger sogar benachteiligt. „Ein Pflegedienst erhält für die gleichen Aufgaben deutlich mehr Geld. Diese Diskrepanz ist nicht nachvollziehbar “, sagt Hanneli Döhner, Sozialgerontologin und Vorstandsmitglied der Stiftung „Wir pflegen“, eine Interessenvertretung, die sich vor fünf Jahren gegründet hat. „Dabei sind die Angehörigen der größte Pflegedienst der Nation.“ Und mit diesem Dienst spart der Staat viel Geld. Das wird an einer Beispielrechnung deutlich: Ein Ehepaar wird von der Tochter gepflegt. Vater und Mutter haben beide Pflegestufe II. Für die Mutter kommt täglich ein Pflegedienst für die Grundpflege. Ihr bleiben aus dieser Kombipflege 150 Euro. Der Rest der 1 110 Euro geht als Sachleistung an den Pflegedienst. Für den Vater übernimmt die Tochter alles und hat dafür Pflegegeld beantragt. Das sind 440 Euro im Monat, sollte eine Demenz vorliegen, 525 Euro.

"Angehörige zahlen drauf"

Ein Pflegeplatz in einem Heim mit Standardversorgung im Doppelzimmer kostet hingegen 3 000 bis 3 500 Euro. Das deckt auch die höchste Pflegestufe III mit 1 550 Euro nicht ab. Kann der alte Mensch die Differenz nicht zahlen, springt der Staat ein. Das ist bereits für jeden vierten Heimplatz nötig.

„Die häusliche Pflege muss endlich nicht nur verbal, sondern auch finanziell stärker unterstützt werden“, fordert daher auch Autorin Rosenberg. „Bislang zahlen die Angehörigen immer nur drauf, das versteht doch keiner.“

Martina Rosenberg, Mutter, wann stirbst Du endlich, 2012, 19,99 Euro

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