Die Linke hat die Suche nach einer neuen Parteiführung am Montag massiv vorangetrieben. Zwei Tage nach dem Rückzug von Parteichef Oskar Lafontaine debattierten fast alle wichtigen Parteigremien bis in die Nacht über die Führungskrise. Dabei zeichnete sich immer deutlicher ab, dass die Linke auf eine Doppelspitze mit einem West-Mann und einer Ost-Frau setzen wird. Dann fällt die Entscheidung.
Der 55-jährige Parteivize Klaus Ernst sowie die 48-jährige Haushaltspolitikerin Gesine Lötzsch sollen die Partei künftig führen. Parteikreise bestätigten der Deutschen Presse-Agentur dpa am Dienstagmorgen entsprechende Angaben des Berliner Landesvorsitzenden Klaus Lederer. Beide sind in der Partei allerdings nicht unumstritten - wobei der Widerstand gegen die aus Ost-Berlin stammende Lötzsch kurioserweise vor allem aus dem Osten kommt.
Osten gegen Ost-Frau
Der Hintergrund: Lötzsch gilt, wie auch Ernst, als enge Vertraute Lafontaines. In den östlichen Landesverbänden befürchtet man, es könnten künftig zwei Personen an der Spitze stehen, die dessen strikten Linkskurs fortsetzen. Lötzsch sei zwar eine Integrationsfigur, aber zu wenig profiliert, sagte ein Führungsmitglied aus der Partei der FR. "Sie ist die politisch bequemste Ossi-Frau, die man nehmen könnte." Von gewichtigen Linken im Osten wurde daher Bundestags-Vizepräsidentin Petra Pau favorisiert. Das Problem: Die winkte am Dienstag ab - ebenso wie die Geschäftsführerin der Linksfraktion im Bundestag, Dagmar Enkelmann.
Weniger umstritten schien auf den ersten Blick die Personalie Klaus Ernst zu sein. Das aber vor allem, weil es aus dem Westen keine ernstzunehmende Alternative zu dem Unterfranken gibt. Ernst wird insbesondere von linken Frauen abgelehnt. Er sei ein "Machotyp", der sich schwer damit tue, Frauen zu akzeptieren. Der ehemalige WASG-Chef kommt in weiten Teilen des Ostens inzwischen jedoch deutlich besser an als noch vor zwei Jahren.
Eine Schlüsselrolle kam am Dienstag Bundestags-Fraktionschef Gregor Gysi zu, der de facto längst die Parteiführung übernommen hat. Dass er dieses Amt auch offiziell noch einmal bekleiden wird, wie von vielen Anhängern gewünscht, galt jedoch als wenig wahrscheinlich.
Kränkelnder Hoffnungsträger
Der 62-jährige Gysi ist nach mehreren Infarkten und einer komplizierten Kopf-Operation ebenfalls gesundheitlich angeschlagen. Niemand in der Partei, so ein Vertrauter, wünsche sich, "dass es ihm in einem halben Jahr genauso geht wie Oskar Lafontaine". In etlichen Gesprächen mit den Linkenspitzen aus West und Ost mühte sich Gysi daher am Dienstag um einen von allen akzeptierten Personalvorschlag. Sein Ziel: Das Führungsvakuum so schnell wie möglich zu beenden. Das hat er erreicht.
Wie die Deutsche Presse-Agentur dpa am Dienstag aus Parteikreisen erfuhr, sollen der aus Hessen stammende Fraktionsvize Werner Dreibus und die Bundestagsabgeordnete Caren Lay neue Bundesgeschäftsführer werden. Damit soll die Partei auch hier wie beim Parteivorsitz eine Doppelspitze bekommen
Widerstand gegen das von Gysi vorgelegte Tempo kam erneut aus dem Osten. Für die verwaiste Parteispitze sei "eine Paketlösung" vonnöten, sagte Brandenburgs Linkenchef Thomas Nord der FR. "Dieses Paket muss mit den Landesverbänden in Ost und West sowie mit allen Strömungen diskutiert werden. Wir brauchen eine Parteispitze, die sich um die Zusammenführung der Partei kümmert - die findet man nicht über Nacht", so Nord.
Ähnlich äußerte sich Sachsen-Anhalts Parteichef Matthias Höhn. "Seit Samstag hat jeder verstanden, in welch schwieriger Situation wir sind", sagte er der FR. Nun gelte es, genau abzuwägen, wie die Führung aussehen solle. "Das Ganze funktioniert nur, wenn die jeweiligen Vertreter bereit sind, im Team zu arbeiten", so Höhn. "Ansonsten fliegt uns der ganze Laden auseinander." Bleibt die spannende Frage, ob das Führungsduo Ernst/Lötzsch diesem Anspruch gerecht werden kann.
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