Die Krankheit wird unter der unscheinbaren Schlüsselnummer Z73.0 geführt: „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ heißt medizinisch korrekt die Diagnose – besser bekannt als Burn-out-Syndrom. Die Betroffenen fühlen sich völlig erschöpft und ausgebrannt. Diese psychische Erkrankung tritt bei deutschen Arbeitnehmern inzwischen in einem Ausmaß auf, das auch von der Wirtschaft nicht mehr ignoriert werden kann: Nach einer neuen Analyse sind hierzulande die Krankheitstage wegen eines Burn-outs zwischen 2004 und 2010 um fast das Neunfache angestiegen.
Ein Burn-out wird nach Erkenntnissen der Medizin unter anderem durch hohen Arbeitsdruck, schlechte Teamarbeit, Hierarchieprobleme oder mangelnde Arbeitsorganisation verursacht. Aber auch eigene, häufig unerfüllbare Ansprüche an die Tätigkeit verursachen dieses Leiden. Kennzeichnend ist, dass viele Menschen, die an einem Burnout leiden, vorher ganz besonders aktiv und engagiert waren. Dann folgt der völlige Zusammenbruch.
Das Wissenschaftliche Institut der Allgemeinen Ortskrankenkassen (Wido) hat nun die Daten der zehn Millionen AOK-Versicherten ausgewertet und festgestellt, dass die Krankheit auf dem Vormarsch ist. Entfielen 2004 auf je 1000 AOK-Versicherte noch acht Tage mit Krankschreibungen wegen Burn-outs, stieg die Zahl bis 2010 auf 72,3.
Hochgerechnet auf die mehr als 34 Millionen gesetzlich krankenversicherten Beschäftigten in Deutschland bedeutet das nach Berechnungen des AOK-Instituts: Im vergangenen Jahr wurden knapp 100.000 Menschen für insgesamt mehr als 1,8 Millionen Tage wegen eines Burn-outs krankgeschrieben.
„Zeitdruck und Stress nehmen offenbar zu und die Gefahr besteht, dass die Menschen von zwei Seiten gleichzeitig ausbrennen, vom Beruf her und durch familiäre Belastungen“, so die Einschätzung von Wido-Vizechef Helmut Schröder.
Frauen werden aufgrund eines Burn-outs doppelt so häufig krankgeschrieben wie Männer. So fallen bei Frauen auf je 1000 Versicherte 102 Ausfalltage an, bei Männern hingegen nur 50. Betroffen sind vor allem Frauen zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr. Die Daten zeigen außerdem, dass mit zunehmenden Alter das Risiko einer Krankmeldung wegen Burn-outs zunimmt.
Besonders häufig tritt die Krankheit der Analyse zufolge bei sozialen Berufen auf. So führt die Berufsgruppe der Sozialpädagogen und Heimleiter mit 233 Fehltagen je 1000 Versicherte die Statistik an. Das entspricht fast 24 Ausfalltagen pro Fall. Der Durchschnitt über alle Krankheiten hinweg beträgt dagegen nur 11,6 Tage. An zweiter Stelle der Statistik stehen mit 227 Fehltagen die Telefonisten, also zumeist Mitarbeiter in Call-Centern. Es folgen Sozialarbeiter, Helfer in der Krankenpflege, Krankenschwestern sowie Erzieherinnen.
Offenerer Umgang mit physischen Erkrankungen
Die Experten des Instituts räumen ein, dass ein verändertes Verhalten der Ärzte bei der Diagnose und ein spürbar offenerer Umgang mit physischen Erkrankungen in der Bevölkerung den Anstieg mit verursacht haben könnten. Sie gehen gleichwohl davon aus, dass insbesondere die allgemein gestiegenen Belastungen am Arbeitsplatz der Grund für die Entwicklung sind.
Das AOK-Institut fordert als Konsequenz aus den Daten, die Prävention in den Betrieben zu verbessern, besonders bei den stark betroffenen Beschäftigtengruppen. „Arbeitsbedingte Erkrankungen zu vermeiden, lohnt sich sowohl für die Mitarbeiter als auch für den Betrieb.“
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