Herr Erzbischof, fast täglich werden neue Fälle sexuellen Missbrauchs durch katholische Geistliche bekannt. Was hat die Kirche falsch gemacht?
Ich drehe Ihre Frage einmal um: Was macht die Kirche richtig? Ich glaube nämlich, dass wir durch unsere "Leitlinien" aus dem Jahr 2002 dazu beigetragen haben, Tabus zu brechen und die Opfer zu ermutigen, sich zu melden. Und ich bin jedem dankbar, der sich zu dem - wie ich mir vorstelle - schweren Schritt entschließt und sich offenbart.
Werner Thissen, geb. 1938, war von 1971 bis 1977 in der Priesterausbildung des Bistums Münster tätig, danach in der Bistumsleitung. Von 1986 an war Thissen Generalvikar des Bistums Münster.
1999 wurde er dort Weihbischof. Seit seinem Amtsantritt als Erzbischof von Hamburg 2003 gab es dort nach Thissens Angaben einen Missbrauchsfall. Im Erzbistum Hamburg sind derzeit 160 Priester tätig.
Leitlinien gut, alles gut?
Nein, die Leitlinien selbst können aus meiner Sicht durchaus noch verbessert werden - etwa in der Formulierung eines sehr detaillierten Vorgehens bei sexuellem Missbrauch. Im Erzbistum Hamburg haben wir eine entsprechende Ordnung verabschiedet.
Die Sie für besser halten als die Leitlinien?
Nicht besser, sondern konkreter. Insgesamt glaube ich, an drei Punkten kommt kein Bistum vorbei: 1. Der Bischof muss jeden Fall zur Chefsache machen. 2. Lückenlose Aufklärung. 3. Sorge für die Opfer.
Übernimmt das bei Ihnen auch ein Mitglied der Bistumsleitung?
Ja, der Personalreferent, zusammen mit der Leiterin einer Beratungsstelle.
Beide sind doch nicht unabhängig. Machen Sie es dadurch den Opfern nicht unnötig schwer?
Kein Opfer muss sich zwingend bei der Kirche melden. Es gibt etwa in Hamburg ein dichtes Hilfenetz, in dem Betroffene einen Ansprechpartner ihres Vertrauens finden können. Intern aber brauchen wir jemanden, der die Dinge in die Hand nimmt. Das wiederum kann niemand außerhalb des Bistums sein. Aber die Verantwortlichen haben von mir die strikte Weisung, mir jeden einzelnen Fall, jeden Verdacht unverzüglich und persönlich vorzulegen.
Die schönsten Ordnungen helfen nichts, wenn sie - wie im Bistum Regensburg - nicht konsequent angewandt werden.
Für Regensburg bin ich nicht zuständig. In Hamburg werden sie konsequent angewandt. Ich muss allerdings sagen, dass unsere Ordnung ihre Feuerprobe noch nicht bestanden hat, weil es seit dem Inkrafttreten keinen Missbrauchsfall gegeben hat. Gott sei Dank.
Geht es aus Ihrer Sicht um individuelles Versagen einzelner Priester?
Wir haben es mit einem Strukturproblem zu tun, von dem die ganze Gesellschaft betroffen ist. Bei aller Bitterkeit und aller Scham, die ich auch persönlich über diese schlimmen Vergehen von Priestern empfinde, glaube ich doch, dass wir als Kirche jetzt eine Vorreiterrolle einnehmen können - mit aktiver Aufklärung. Einmal im eigenen Interesse, denn eine Kirche mit morschem Gebälk hat keinen Bestand. Mit energischer Aufklärung könnten wir darüber hinaus aber auch andere Gruppen der Gesellschaft motivieren, sich genauso zu verhalten.
Sie beschreiben die Kirche als Teil der Gesellschaft. Sehen Sie darüber hinaus in den Missbrauchsfällen spezifisch kirchliche Probleme?
Ja, schon allein deshalb, weil wir einer der größten Akteure in der Kinder- und Jugendarbeit sind. Unbestreitbar ist auch, dass katholische Priester in ihrer ehelosen Lebensform besonders herausgefordert sind. Umso wichtiger ist es, dass in Aus- und Fortbildung sehr deutlich zur Sprache kommt, wie Priester mit ihrer Sexualität umgehen. Das geschieht zwar bereits, aber wir werden darüber sprechen müssen, das noch zu intensivieren. Ich könnte mir vorstellen, dass wir dazu für alle Bistümer Regeln schaffen, ähnlich wie wir es mit den "Leitlinien" getan haben.
Wie ernst nehmen die Bischöfe das Thema Homosexualität im Klerus?
Möglicherweise nicht ernst genug. Aber mir ist wichtig, dass wir hier die Themen Pädophilie, Homosexualität und Zölibat nicht vermischen.
Was halten Sie von der These, dass die sexuelle Revolution der 68er die Wurzel allen Übels sei?
Ich halte nichts für hilfreich, was Schuld zuweist. Und dass wir als Kirche jetzt besonders an den Pranger gestellt werden, ist verständlich. Wir treten als Kirche mit einem hohen moralischen Anspruch auf. Daran müssen wir uns dann eben auch messen lassen - und die Kritik annehmen. Und wir können nur sagen: Es gibt in unseren Reihen sexuellen Missbrauch in einem erschreckenden Maße, das wir nicht für möglich gehalten hätten. Und unsere Pflicht und Schuldigkeit heißt: Aufklärung und Prävention.
Sollen Priester, die Kinder oder Jugendliche missbraucht haben, jemals wieder in der Seelsorge eingesetzt werden können?
Da bin ich sehr zurückhaltend. Wir wissen heute, dass pädophile Neigungen häufig irreversibel sind. Dementsprechend muss für die Frage eines erneuten Einsatzes Betroffener in der Seelsorge gelten: im Zweifelsfalle nein. Das hat man aber vor 20 Jahren noch anders gesehen.
(Interview: Joachim Frank)
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