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25. Juni 2014

EU Albanien: In Riesenschritten Richtung EU

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Sprung nach Europa? Ein Junge am Meeresbad Durres, 40 Kilometer von Albaniens Hauptstadt Tirana entfernt.  Foto: rtr

Für Albanien kommt der Status als Beitrittskandidat gerade zur rechten Zeit. Ministerpräsident Rama braucht für die Modernisierung des Landes Autorität - und über die verfügt die EU: 90 Prozent aller Bürger sind stabil für den Beitritt.

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Freudenfeuer stellt man sich anders vor. Als in der vorigen Woche Europas Diplomaten die letzten Weichen für den Kandidatenstatus des Landes stellten, lagen Flammen und schwerer Qualm über der griechisch-albanischen Grenze. Spezialpolizisten mit MP und kugelsicherer Weste filzten alle vorbeifahrenden Autos. Aber das apokalyptische Bild trog: Albanien nähert sich mit großen Schritten Europa.

Der massive Polizeieinsatz vergangene Woche galt dem letzten Rückzugsgebiet der albanischen Anarchie. Mehr als 15 Jahre lang war das Marihuana-Dorf Lazarat bei Gjirokastra ein rechtsfreier Raum gewesen. Immer wieder hatte der Polizeiminister in Tirana einen „großen Schlag gegen den Drogenhandel“ im Süden des Landes gemeldet – hier wurden mal fünf Kilo, dann wieder ein Zentner Haschisch in einem Auto sichergestellt. Aber ins Zentrum des Cannabis-Anbaus drang niemand vor.

Dass es irgendwann so weit kommen würde, galt bis vor einem Monat noch als Illusion. Uneinnehmbar schienen die riesigen Villen der Hanfbauern mit ihren gedrechselten Betonsäulen, dem Messing und dem falschen Marmor. Ihre Besitzer gingen in den Ministerien ein und aus und lobbyierten – sogar über eine Autonomie für die Drogenoase wurde diskutiert. Dass hier der Rechtsstaat irgendwann siegen könnte, schien ausgeschlossen. Die privaten Luxuslimousinen der Richter im Hof des Obersten Gerichtshofs zu Tirana machten für jeden sichtbar, wer hier allein regierte: das Geld.

Seit September 2013 hat das Geld immerhin einen lästigen Mitregenten: Edi Rama. Zur Macht hat der neue Premierminister einen langen, steinigen Weg zurückgelegt. Mit 35 Jahren war der parteilose Künstler erstmals überraschend zum Bürgermeister von Tirana gewählt worden. Dass es so etwas wie eine Stadtregierung überhaupt gab und dass sie etwas ändern konnte, war den Bewohnern der Hauptstadt bis dato unbekannt gewesen. Rama öffnete das Rathaus für die Bürger, redete mit jedem, zog in Jeans und mit einem Tross von jungen Mitarbeitern durch die Stadt und nahm sich das Chaos, die Bausünden und die traurigen Ruinen des Sozialismus vor.

Fatales kulturelles Erbe

Als der baumlange Ex-Basketballer die Plattenbauten an der Ausfallstraße nach Durres bunt anstreichen ließ und tatsächlich die Tausende illegal gebauten Cafés und Kneipen im Rinia-Park mit Bulldozern abreißen ließ, wurde auch das bis dahin eher zynische Ausland auf den neuen Star aufmerksam.

Bis zur Jahrtausendwende fand Albanien in Europa, wenn überhaupt, nur als Witz Erwähnung. Vor dem Umsturz des Jahres 1991 war das Land eine Art europäisches Nordkorea gewesen – hermetisch abgeschlossen von der Außenwelt, international isoliert, über Jahrzehnte mit einem ebenso brutalen wie absurden Diktator an der Spitze.


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Die Moderne brach über das Land herein wie eine Sturzflut. Über Nacht verwandelten sich die breiten, menschenleeren Boulevards der großen Städte in lärmende, stinkende, anarchische Lindwürmer aus schrottreifen Mercedes. Vor den bröckelnden Fassaden des Sozialismus sprossen auf den Bürgersteigen Millionen Kioske aus dem Boden, das leere Land wurde zum Basar. Die hoffnungslos überalterte Industrie mit ihren chinesischen Maschinen brach augenblicklich zusammen, ganz Albanien war arbeitslos. Als die neu entstandenen Banken des Landes sich fast alle als betrügerische Pyramidensysteme entpuppten, brachen 1997 schwere Unruhen aus: Wütende Bürger, die alle Ersparnisse ihrer illegal ausgewanderten Verwandten verloren hatten, plünderten öffentliche Gebäude, Sparkassen und die Munitionsdepots der Armee.

Neben dem kommunistischen hat das Drei-Millionen-Einwohner-Land auch schwer an einem fatalen kulturellen Erbe zu tragen: der Korruption und dem Mangel an Common Sense – und dem dafür umso stärker ausgeprägten Sinn für Feindschaft.

Wie aufs Blut verfeindete Stämme bekämpften sich die beiden großen Parteien, die „Demokraten“ und die „Sozialisten“. Keine Wahl wurde von der je unterlegenen anerkannt, bis heute sind im Parlament Schreiduelle und sogar Rangeleien keine Seltenheit. Dabei stritten beide Parteien nicht um Programme oder Ideologie, sondern um Posten und Ressourcen und ließen die Entwicklung im Lande einfach laufen. Bei jedem Machtwechsel wurden im ganzen Land Beamte zu Zehntausenden entlassen und durch Parteigänger der neuen Mächtigen ersetzt.

Regierungschef Edi Rama.  Foto: dpa

Der neue Bürgermeister Rama, der in Paris gelebt hatte, wusste, dass es auch anders ging. Statt sich zwischen den Mühlsteinen zerreiben zu lassen, schlug er sich auf eine Seite, trat den Sozialisten bei und wurde nach einem Machtkampf mit seinem korrupten Vorgänger Fatos Nano Parteichef. Um seine Partei bei Laune zu halten, musste auch Rama sich auf die Totalkonfrontation mit seinem Widersacher Sali Berisha, dem langjährigen Premierminister, einlassen. Die Kompromisse, die er dabei machen musste, kosteten den populären Politiker im ausgeplünderten Volk Sympathien – und so verlor Rama nach elf Jahren das Bürgermeisteramt an einen „demokratischen“ Konkurrenten. Erst als die Albaner bei der letzten Wahl im vorigen Juni der Korruption wieder einmal überdrüssig waren, schlug endlich Ramas Stunde.

Zu tun ist eine Menge. Das Sozialprodukt liegt bei rund einem Drittel des EU-Schnitts, der Durchschnittslohn bei 300 Euro. Das Bildungssystem liegt darnieder und hat allerlei fragwürdigen Privatunis Platz gemacht. Der wichtigsten wirtschaftlichen Ressource des Landes, den riesigen Sandstränden und der unberührten Bergwelt, haben die Schwäche des Staates und die Laissez-faire-Politik früherer Regierungen arg zugesetzt: Ein chaotischer Bauboom, beflügelt noch von Geldwäsche-Ambitionen der organisierten Kriminalität, hat einige Küstenorte schon unwiederbringlich zerstört.

Dass die neue Regierung mit dem Schlendrian Schluss machen will, hat sie schon unter Beweis gestellt – mit der Aktion gegen das Drogendorf, aber auch mit der Wiedereinführung einer progressiven Einkommensteuer, die auch dem Fiskus wieder Respekt verschaffen soll.

Nächster Schritt soll die Entrümpelung der Verwaltung werden – wo in zwölf Bezirken und 400 Kommunen vorwiegend beschäftigungslose Parteigänger ihre Gehälter verzehren. Wenn Rama das schaffen soll, braucht er Autorität – und über die verfügt in dem zerrissenen Land einzig Europa: Mehr als 90 Prozent der Bürger sind seit Jahren stabil für den Beitritt.

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