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EU-Ratspräsident Van Rompuy: Der siebzehnsilbige Philosoph aus Belgien

Der Hobbydichter Herman Van Rompuy ist ein untypischer Politiker: Dem neuen Präsidenten des Europäischen Rats fehlt der Hang zur Eitelkeit. Die Belgier lassen ihn ungern ziehen. Von Werner Balsen

Herman Van Rompuy
Herman Van Rompuy
Foto: rtr

Drie golven rollen samen, de haven binnen, het trio is thuis": Nur wenige Politiker dürften in der Lage sein, aktuelle Ereignisse im siebzehnsilbigen Versmaß eines japanischen Haiku auszudrücken. Herman Van Rompuy, der frisch gekürte Präsident des Europäischen Rates, kann das. "Drei Wellen rollen gemeinsam in den Hafen, das Trio ist daheim", teilte der belgische Premierminister mit, als er zusammen mit seinen Kollegen aus Spanien und Ungarn die nächsten drei EU-Ratspräsidentschaften vorstellte. Auf seiner Website präsentiert der 62-jährige studierte Philosoph und Betriebswirt allwöchentlich das Gedicht der Woche.

Hobbydichter und Ratspräsident, geht das? Das werde er in seinen Memoiren beantworten, teilte der kauzige, mit schlitzohrigem Humor ausgestattete Christdemokrat mit. Zum ersten Mal habe er Lust, Erinnerungen zu Papier zu bringen. Bislang habe er das "für eine eher eitle Tätigkeit" gehalten.

Präsident des Europäischen Rates

Kontinuität ist das Schlüsselwort für die Arbeit des zukünftigen Präsidenten des Europäischen Rates. Dank der neuen Funktion sollen die Entwicklungen in der EU und in ihren Außenbeziehungen gleichmäßiger laufen als bisher.

Bisher wechselt der Vorsitz des Rates der Regierungen der Mitgliedsländer alle sechs Monate. Je nachdem, welches Land den Vorsitz hat, ändern sich die Schwerpunkte teils erheblich. So hatte Nicolas Sarkozy seine Idee einer Mittelmeerpartnerschaft forciert; sein Nachfolger, der Tscheche Mirek Topolanek, sorgte sich vor allem um wirtschaftliche Themen.

Die neue Funktion verbietet ein nationales Mandat. Dadurch könnte der Präsident zwischen den Interessen der Mitgliedstaaten leichter vermitteln. (vf)

Der Flame ist ein untypischer Politiker, weil er keinen Hang zur Eitelkeit erkennen lässt. Er hat sich nicht danach gedrängt, belgischer Premier zu werden, und auch den europäischen Spitzenposten nicht angestrebt. "Wie kann man überhaupt auf mich kommen", gab er der Zeitung Le Soir zu Protokoll, "ich bin gerade mal seit elf Monaten Premierminister." Dass er in sein neues Amt eher geschoben werden musste, wird ihm im komplizierten Wechselspiel mit der EU-Kommission und den Mitgliedstaaten nur nützen. Denn das verleiht ihm die Unabhängigkeit, die der Präsident der EU-Kommission, José Manuel Barroso, nicht mehr hat. Der war so erpicht darauf, seinen Job weiterzumachen, dass er seinen Gönnern in Berlin und Paris ewig verpflichtet sein muss.

Für Van Rompuy dagegen ist "Politik nur einer von mehreren Teilen meines Lebens". Diese Aussage darf dem tief gläubigen Katholiken und Vater von vier Kindern abgenommen werden. Er schlug vor 15 Jahren die Chance aus, schon damals belgischer Premier zu werden. Dennoch wurden ihm immer wieder verantwortungsvolle Ämter angetragen. Denn er kann zuhören, ist unauffällig, aber effizient bei der Suche nach Kompromissen und kann so Freunde und Gegner für sich einnehmen. Seine Maxime: "Jeder muss als Sieger aus Verhandlungen hervorgehen. Gibt es Verlierer, wurde schlecht verhandelt."

Deshalb lassen ihn die Belgier - bei allem Stolz auf einen Landsmann als ersten EU-Ratspräsidenten - nur ungern ziehen. Denn ihm gelang das schier Unmögliche: Er sorgte in der gelegentlich bizarren belgischen Politik für den Ausgleich zwischen Frankophonen und Flamen. Seit er vor einem knappen Jahr Premierminister wurde, ist Ruhe eingekehrt in dem bis dahin von einer Dauerkrise geschüttelten Land.

Van Rompuy trauen die Menschen zwischen Arlon und Ostende, die sonst eine verheerende Meinung von ihren Politikern haben, sogar zu, die politische Zeitbombe Brüssel-Halle-Vilvoorde zu entschärfen, eine Lösung für diesen zwischen den Sprachgruppen umkämpften Wahl- und Gerichtsbezirk zu finden. Ob er das Dauerproblem mit seiner Erfahrung und seinem Enthusiasmus wirklich hätte lösen können, muss er nun nicht mehr beweisen.

Wer sich nun der drängendsten Aufgabe in Belgien annehmen wird, ist unklar. Dass Van Rompuys Vorgänger und Parteifreund, der Flame Yves Leterme, auch sein Nachfolger werden könnte, erfüllt vor allem die frankophonen Belgier mit Panik. Leterme, titelte Le Soir, sei die Rache für Van Rompuys europäische Weihen.

Autor:  Werner Balsen
Datum:  21 | 11 | 2009
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