kalaydo.de Anzeigen

EU-Sorge vor Konjunkturpaket: Mehr Kindergeld, mehr Schulden

Das neue Konjunkturpaket der Regierung ist unter Experten umstritten. Ob es wirklich Wachstum bewirkt - niemand weiß es. Von Markus Sievers und Werner Balsen

Wo bleibt mein Kindergeld?
Wo bleibt mein Kindergeld?
Foto: ddp

Berlin. Die Steuersenkungen im kommenden Jahr werden nach Einschätzung der Deutschen Bank das Wachstum um einen halben Prozentpunkt erhöhen. Mit der Entlastung von insgesamt 21 Milliarden Euro erlasse der Staat Bürgern und Unternehmen ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts, sagte Deutsche-Bank-Ökonom Stefan Bielmeier der Frankfurter Rundschau. Dies werde den privaten Konsum stützen, auch wenn ein Teil gespart werde.

Allerdings kann die neue Regierung nur ein Drittel der Steuersenkung und damit der Wachstumsankurbelung für sich verbuchen. Zwei Drittel gehen auf das Konto der alten Regierung. So steigt 2010 durch die von Schwarz-Rot verabschieden Gesetze der Grundfreibetrag bei der Einkommensteuer um 170 Euro auf 8004 Euro. Vor allem können Arbeitnehmer ihre Beiträge für die Kranken- und Pflegeversicherung besser absetzen, was allein rund zehn Milliarden Euro bringt.

Schwarz-Gelb setzt darauf noch die Erhöhung von Kindergeld und Kinderfreibetrag sowie Erleichterungen für Unternehmen und Erben. Das Paket, "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" genannt, billigten am Montag das Bundeskabinett sowie die Fraktionen von Union und FDP. Bundestag und Bundesrat sollen vor Weihnachten zustimmen.

Bei Ökonomen stoßen die Entlastungen überwiegend auf Kritik, da sie auf auf Pump finanziert sind. Das Programm sei nicht nachhaltig, betont Deutsche-Bank-Experte Bielmeier: "Der Wachstumimpuls geht vorbei, die Schulden bleiben." Auch Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomie beim Institut für Wirtschaftsforschung in Halle, vermisst die Gegenfinanzierung. "Ich halte den Namen Wachstumsbeschleunigungsgesetz nicht für passend", meint Holtemöller. Man könne diskutieren, ob Erleichterungen für Familien und Erben sinnvoll seien. "Das Wachstum beschleunigen diese Steuerbeschlüsse nicht", so Holtemöller im Gespräch mit der FR. Seine Prognose: "Die Bürger werden für diese Steuersenkungen noch zahlen."

Zinslast steigt

Durch die höhere Verschuldung steige die Zinslast der öffentlichen Haushalt und sinke der Spielraum der Politik in der Zukunft. Dies treffe die Schwächsten, die sich am wenigsten gegen Einsparungen oder Mehrbelastungen wehren könnten.

Die Europäische Union beäugt die Steuerpläne der Bundesregierung mit Skepsis. Das zeigte sich beim Treffen der Finanzminister aus den 16 Ländern der Eurozone am Montag. Es sei nicht der ideale Weg, Steuern zu senken, wenn das Haushaltsdefizit abgebaut werden soll, kritisierte der niederländische Finanzminister Wouter Bos mit Blick auf Berliner Pläne.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der erstmals in diesem Gremium dabei war, musste Sorgen von Europartnern und EU-Kommission über den steuerpolitischen Kurs der schwarz-gelben Koalition in Berlin zerstreuen. Das ist ihm bis auf weiteres offenbar gelungen. Er sicherte zu, dass Deutschland auch mit den Plänen für weitere milliardenschwere Steuersenkungen strikte Haushaltsdisziplin wahren und die strengen Kriterien des Stabilitäts-und Wachstumspaktes einhalten wird.

Deutschland muss bis 2013 das staatliche Defizit reduzieren

Der zuständige EU-Kommissar Joaquín Almunia, der an der Sitzung der Finanzminister teilnimmt, nannte Schäuble danach einen "sehr glaubwürdigen Gesprächspartner", dem klar sei, was der Pakt verlange. Dabei hat der deutsche Minister im Grunde die Quadratur des Kreises angekündigt.

Denn die Kommission setzt den Eurostaaten, deren Defizite teils weit über den vom Stabilitätspakt vorgeschriebenen Grenzen liegen, enge Fristen für die Rückkehr zur Haushaltsstabilität. In der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise hat Brüssel die strengen Regeln für die fiskalische Disziplin weitgehend gelockert. Das hat die Budgetdefizite in 13 der 16 Eurostaaten in unzulässige Höhen getrieben. "Eine solche Situation hat es noch nie gegeben", unterstrich der Kommissar, der sich jetzt darum sorgt, dass die einzelnen Staaten ihre Haushalte wieder in den Griff kriegen.

Am Mittwoch wird Almunia deshalb einen Fahrplan der Kommission vorlegen, der den einzelnen "Defizitsündern" aufgibt, bis wann ihre Staatskassen wieder saniert sein müssen. Die Bundesregierung hat bis 2013 Zeit, das staatliche Defizit wieder auf die vorgeschriebene Marke von maximal drei Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) zu reduzieren. EU-Prognosen zufolge wird das Minus in Deutschland im nächsten Jahr bei fünf Prozent liegen. Allerdings verpflichtet die Kommission Berlin auch, bereits 2011 einen klaren Sparkurs einzuschlagen.

Wie Schäuble das mit der angekündigten Steuerentlastung schaffen will, ist nicht klar. Optimismus in diesem Punkt verbreitete aber der österreichische Finanzminister Josef Pröll, der seinem deutschen Kollegen beisprang: "Wir haben in Österreich im vergangenen Jahr die Steuern um knapp drei Milliarden Euro gesenkt und trotzdem ein Budgetdefizit unter vier Prozent für dieses Jahr realisieren können", sagte der Politiker der konservativen Österreichischen Volkspartei vor dem Treffen mit seinen Kollegen. Es sei "also beides möglich".

Die schwarz-gelben Steuersenkungen kosten Bund, Länder und Gemeinden laut Finanzplan im ersten Jahr 6,1 Milliarden und anschließend, wenn sie voll greifen, 8,5 Milliarden Euro. Davon profitieren am stärksten Familien, die von Januar an 4,6 Milliarden Euro mehr auf dem Konto haben. Für Haushalte mit kleinen und mittleren Einkommen steigt das Kindergeld um je 20 Euro pro Monat - auf 184 Euro für das erste und zweite Kind, 190 Euro für das dritte und je 215 Euro für alle weiteren Kinder.

Der jährliche Kinderfreibetrag, der Eltern mit höheren Einkommen nützt, wird von 6024 auf 7008 Euro angehoben. Für Firmen sind Steuersenkungen von knapp 2,4 Milliarden Euro vorgesehen. Dafür entschärft Schwarz-Gelb die Instrumente, mit denen Schwarz-Rot die Tarifsenkung der Unternehmensteuerreform 2008 zum Teil gegenfinanziert hatte. So greift durch eine Anhebung des Freibetrags für weniger Firmen die Zinsschranke. Diese begrenzt die Möglichkeiten, Zinsausgaben vom Gewinn abzuziehen, um die Steuerlast zu senken. Dieses Instrument hatte die große Koalition geschaffen, um Missbrauch entgegenzuwirken.

Autor:  Markus Sievers und Werner Balsen
Datum:  9 | 11 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!