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19. Dezember 2012

Ex-Verteidigungsminister : Peter Struck ist tot

 Von Steffen Hebestreit
Der frühere Bundesminister für Verteidigung, Peter Struck (SPD). Foto: dapd

Der SPD-Politiker Peter Struck ist nach einem schweren Herzinfarkt gestorben. Mit ihm verliert die Politik ein Original und seine Partei einen feinen Menschen. Ein Nachruf.

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Berlin –  

Es ist nicht einmal acht Wochen her, da hat Peter Struck eine Hand voll Journalisten in Berlin zu einem Hintergrundgespräch geladen. Offiziell war das Thema eine Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung zu Werten in der Politik. Doch nicht weniger wichtiger war es dem 69-Jährigen, den Kontakt zum „Geschäft“ nicht zu verlieren. Was spricht man in Berlin über die Koalition, über die Regierung, über den Euro, und vor allen Dingen, über seine SPD? Peter Struck wollte es genau wissen, zündete immer wieder seine Pfeife an – und sparte nicht mit flotten Sprüchen über die aktuelle Lage. Ihm fehlte ganz offenkundig die direkte Verbindung zur Politik.

Obwohl er es sich doch fest vorgenommen hatte, den klaren Schnitt: 2009 trat er als Fraktionsvorsitzender ab, nach fast 30 Jahren im Bundestag. Mit einem bisschen Wehmut, aber auch mit viel Stolz auf das, was er erreicht hat in seiner Zeit als Parlamentarier. Klavierspielen lernen wollte er jetzt, mehr Motorrad fahren – und mit den Enkeln spielen. Daheim, in Uelzen, wo der die vergangenen drei Jahrzehnte doch eher Gast im eigenen Hause war, weil die Bundespolitik ihn so viel beschäftigte. „Mal sehen, ob meine Frau mich überhaupt so lange zu Hause erträgt“, sagte er.

Schnodderschnauze und Lederjacke

Als er Anfang der achtziger Jahre nach Bonn gekommen war, gehörte er mit seinem rotblonden Schnauzbart, der Schnodderschnauze und der Motorrad-Lederjacke zu den jungen Wilden. „Ein echter Linker bin ich gewesen“, sagte er einst mit einem versonnenen Lächeln. Einer, der schon mal einen flotten Spruch raushaute, bevor er über die Konsequenzen nachdachte. Trotz, oder vielleicht wegen seiner kantigen Art errang er sich rasch den Respekt des politischen Gegners. Selbst Helmut Kohl, der einem klaren Freund-Feind-Schema folgte und jeden, der kein Parteibuch von CDU oder zumindest CSU hatte, als Feind betrachtete, knüpfte einen verlässlichen Draht zu Struck. Man verstand und vertraute sich.

Der unkonventionelle Anwalt aus Uelzen stieg auf in den parlamentarischen Rängen – wurde Geschäftsführer und dann, als Rot-Grün 1998 an die Macht kam, das erste Mal Vorsitzende der SPD-Fraktion. Ruppig konnte er sein, aber auf eine liebevolle Art. Struck war kein Stratege, keiner der oberschlauen Vordenker der Sozialdemokratie, sondern eher einer für den Maschinenraum der Macht. Einer, der Mehrheiten organisieren und Kompromisse herbeiführen konnte. Einer, auf dessen Wort Verlass war – immer. Einen, den man braucht, wenn man regieren will.

"Er mochte die Soldaten"

Nach der Wahl 2002 brauchte die SPD plötzlich einen neuen Verteidigungsminister, weil Rudolf Scharping in Ungnade gefallen war – Struck musste ran. Er wollte eigentlich nicht – und doch sagte er rückblickend, es wäre das einzige Amt, das ihn doch noch einmal reizen würde. „Er hat die Soldaten gemocht“, würdigt ihn sein Nach-Nachfolger Thomas de Maizière (CDU) am Mittwoch, „und sie ihn.“ Tatsächlich gibt es wenige Wehrressortchefs, die noch einen so guten Ruf in der Truppe haben wie Peter Struck. Nebenbei reformierte er die Bundeswehr und verkleinerte sie.

„Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt“, ist der Satz, der aus dieser Zeit hängen geblieben und längst in die Geschichte eingegangen ist. Am 5. Dezember 2002 sprach Struck ihn – und unternahm damit als erster deutscher Regierungsvertreter zumindest den Versuch, den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan in einen größeren strategischen Zusammenhang zu stellen. Zwei Jahre später erlitt Struck im Amt einen schweren Schlaganfall – den er der Öffentlichkeit allerdings monatelang verschwieg. Offiziell laborierte er an einer Erkältung.

Sozialdemokratischer Klartext

In der großen Koalition ab 2005 kehrte Struck noch einmal zurück ins Amt des Fraktionschefs – und bildete gemeinsam mit seinem Duz-Freund Volker Kauder (CDU) ein kongeniales Duo, das ein zentrale Grund dafür gewesen ist, dass CDU/CSU und SPD vier Jahre lang als Koalition sehr ordentlich funktioniert haben. Struck übernahm zugleich des Öfteren die Rolle des Raubauzes, der gegen die geschmeidige Kanzlerin polterte und schon mal sagen durfte: „Die kann mich mal.“ Dafür bejubelten ihn die eigenen Truppen, während die Christdemokraten schäumten. Für den sozialdemokratischen Klartext in der Kuschelkoalition war er verantwortlich.

Peter Struck, der Grantler: "Drei Mal auspeitschen ist zu wenig"

Und ihm wurde klar, dass es Zeit wurde aufzuhören. Er, der in Zeiten in die Politik gegangen war, als man auf dem Weg zu einem Termin noch eine bestimmte Kneipe anfahren musste, um sich dorthin aktuelle Meldungen via Fax schicken zu lassen, konnte nicht mehr viel anfangen mit der ungeheuren Beschleunigung des Politikbetriebs, wo jede Äußerung sofort eine Entgegnung und jeder politische Kompromiss sofort eine Gegenreaktion erfordert.

Wobei ihn die Politik nicht ganz losließ. Gegen den Willen von SPD-Chef Sigmar Gabriel wurde Peter Struck vor ziemlich genau zwei Jahren an die Spitze der parteinahen Friedrich-Ebert-Stiftung gewählt. Der Niedersachse bereitete in dieser Zeit die Feierlichkeiten zum 150. Geburtstag der SPD für das kommende vor. „Eine Amtszeit mache ich noch“, sagte er bei jenem Treffen mit Journalisten jetzt – und wurde vergangene Woche erwartungsgemäß im Amt bestätigt.

Am Mittwoch verstarb Peter Struck nach einem schweren Herzinfarkt in einem Berliner Krankenhaus. Die deutsche Politik verliert ein Original und die SPD einen feinen Menschen.

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