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Exil-Kubaner: Neue Töne in Little Havanna

Unter Exilkubanern wächst die Fraktion der Obama-Anhänger. Ein Besuch bei Castro-Gegnern in Miami. Von Dietmar Ostermann

Auf die Rolle genommen: Ein Kuba-Laden in Miami führt auch Protestpapier.
Auf die Rolle genommen: Ein Kuba-Laden in Miami führt auch Protestpapier.
Foto: afp

Im Maximo Gomez Park im Südwesten Miamis sitzt schon früh am Morgen ein Häuflein sonntäglich gekleideter Greise im Schatten hölzerner Sonnendächer und der gnädigen Brise träger Rotoren. Über ein knappes Dutzend Tische gebeugt, schieben sie klappernde Steine hin und her. Es wird gelacht und geflucht oder stumm auf kalten Zigarren gekaut, denn selbst im Dominopark gilt ein behördliches Rauchverbot.

Ein paar Querstraßen weiter spucken Reisebusse Touristen aus, die für ein paar Stunden Little Havana erleben wollen, das berühmte Kubanerviertel von Miami. Doch außer mehr oder weniger guten karibischen Restaurants, teuren Tabakläden, kitschigen Souvenirgeschäften und ein paar Kunstgalerien braucht man viel Fantasie, sich in dem eher gesichtslosen Vorort ein kleines Exilkuba vorzustellen.

Nostalgie im Domino-Klub

Little Havana hat nichts von der auch im realsozialistischen Verfall noch immer grandiosen Kolonialarchitektur des kubanischen Originals. Obwohl viele Exilanten es sich nicht eingestehen wollen, sind sie doch längst in die US-Gesellschaft integriert. Statt süßen kubanischen Kaffee aus fingerhutgroßen Näpfen trinken die gelangweilten Töchter und Söhne der Konterrevolution lieber Cola bei McDonald's und Burger King.

Die Alten vom Dominoklub aber sind ein Stückchen waschechtes Kuba. Wie durch ein Zeitloch betritt man mit dem kleinen Park eine Epoche aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Maria hat gerade ein Doppel mit ihrem Mann verloren. "Früher in Kuba wurde bei uns jeden Abend Domino gespielt", erzählt sie. "Domino und Baseball, das war unser Leben", sagt ihr Mann und beginnt von der fernen Jugend zu schwärmen.

Maria hat Kuba vor 45 Jahren verlassen. Nur wenige Jahre nach der Revolution strandete sie als junge Frau mit der ersten Einwandererwelle in Miami. Sie borgte sich ein Wörterbuch, lernte Englisch, heiratete, schaffte es zu bescheidenem Wohlstand. Ihre Kinder und ihre Enkel haben Kuba nie gesehen. Großmutter Maria lebt zwar in den Erinnerungen ihrer Kindheit, doch zurück will sie erst, wenn die verhassten Castro-Brüder nicht mehr an der Macht sind.

Dass die Obama-Regierung das US-Embargo gelockert und Exilanten unbeschränkt Reisen nach Kuba erlaubt hat, kann sie so wenig verstehen wie die Menschen, die jetzt in Scharen ihre Verwandten besuchen. "Diese Leute sind doch vor Castro geflohen", sagt Maria, "und jetzt fahren sie zu ihm in den Urlaub?" Nein, Maria wird in Little Havana bleiben und warten. Wie alle hier im Dominoklub spielt sie weiter das tief traurige Spiel um Leben und Tod: Man schiebt Steine herum, starrt auf die in den Tisch eingelassene Landkarte Kubas und wartet, wer zuerst stirbt: Sie hier im Exil oder Fidel und Raúl Castro 150 Kilometer entfernt in Havanna.

Viele Jahre hatte diese Haltung das Leben in Little Havanna geprägt. "Die Exilanten der ersten Generation sind vor Castros Gewehren geflohen. Angehörige wurden erschossen, sie haben Schreckliches erlebt", sagt Omar Lopez, "da gibt es starke Emotionen gegenüber dem Regime." Lopez, 54, ist Menschenrechtsbeauftragter der Cuban-American National Foundation (Canf). Auch in seinem Büro hängt eine Inselkarte an der Wand. Im Regal liegen vergilbte Schwarzweiß-Fotos aus der Heimat.

Gandhi-Texte für die Insel

Lopez' Onkel gehörte zur ersten Flüchtlingsgeneration. Als Gewerkschaftsführer hatte er mit Castro gegen die Batista-Diktatur gekämpft, dann gegen ihn, als der Revolutionsführer sich zum Kommunisten ausrief. Lopez selbst kam 1992 in die USA. Da hatte sich die Hoffnung des Dissidenten, nach dem Ende des Sowjetimperiums auch in Kuba mit friedlichen Protesten den Systemwechsel zu erzwingen, vorerst zerschlagen. "Wir haben Demonstrationen vor dem spanischen Konsulat und dem Hauptquartier der Geheimpolizei organisiert", erzählt er, "aber es kamen nur zwei Dutzend Leute. Wir hatten keinen Plan, wir waren naiv." Lopez wurde verprügelt, verhaftet und schließlich abgeschoben.

In Miami gehört der 54-Jährige zu einer neuen Generation von Castro-Gegnern, jener jungen Garde, die das alte Spiel nicht mehr spielen will. Geprägt hat Lopez nicht das Debakel der Schweinebucht-Invasion 1961, sondern der Mauerfall in Berlin. "Veränderung kann nur von innen kommen", ist er überzeugt, "von unten nach oben, nicht umgekehrt." Sein Vorbild ist die polnische Solidarnosc oder die schwarze Bürgerrechtsbewegung der USA. "Viele totalitäre Regime wurden durch gewaltfreie Aktionen gestürzt", sagt Lopez, "das wollen wir jetzt auch in Kuba." Deshalb übersetzt er Texte von Gandhi und Martin Luther King und schleust sie über Freunde auf die Insel. Deshalb auch sagt er einen Satz, für den ein Canf-Funktionär noch vor wenigen Jahren hochkant gefeuert worden wäre: "Natürlich unterstützen wir Barack Obama, wenn er Exilkubanern Reisefreiheit gewährt."

Die dramatische Wende der Canf ist eines der deutlichsten Anzeichen, dass die Uhren in Little Havana endlich wieder zu ticken beginnen. 1981 als politischer Arm radikaler Castro-Hasser gegründet, war die Organisation rasch zur einflussreichsten Interessenvertretung der Exilkubaner aufgestiegen. Noch im Streit um den aus dem Meer gefischten Flüchtlingsjungen Elian Gonzalez organisierten Canf-Hardliner Demonstrationen, als die Clinton-Regierung den Buben Anfang 2000 an seinen in Kuba gebliebenen Vater zurückgab.

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Autor:  DIETMAR OSTERMANN
Datum:  12 | 5 | 2009
Seiten:  1 2
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