kalaydo.de Anzeigen

Experte iim FR-Interview: „Seriöse Vereine legen ihre Finanzen offen“

Der Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen fordert von gemeinnützigen Organisationen wie „Innocence in Danger“ Transparenz. Außerdem nennt er Kriterien, auf die Spender in der Weihnachtszeit achten sollten.

Burkhard Wilke, 46, ist Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI).
Burkhard Wilke, 46, ist Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI).
Foto: dpa

Herr Wilke, der Verein „Innocence in Danger“ gibt keine Auskunft zu seinen Finanzen. Ist das in Ordnung?

Eine gemeinnützige Organisation, die so in der Öffentlichkeit steht wie „Innocence in Danger“ und erkennbar um finanzielle öffentliche Unterstützung bittet, sollte der Öffentlichkeit auch aussagekräftige Finanzberichte zur Verfügung stellen. Das kann man von solchen Organisationen verlangen. Es geht dabei um eine Basistransparenz. „Innocence in Danger“ ist nicht zuletzt seit der TV-Aktion „Tatort Internet“ gemeinsam mit RTL 2 eine stark öffentlich wahrgenommene Organisation. Dieser Präsenz würde es entsprechen, wenn ein Finanzbericht öffentlich zugänglich wäre.

Die Spender
Die Wirksamkeit
Die Kritiker

Durchschnittlich 25 Millionen Bürger in Deutschland spenden jährlich Geld. Rund drei Milliarden Euro fließen jährlich hierzulande an gemeinnützige Organisationen, wobei in Jahren mit großen Katastrophen – wie etwa im Jahr 2005 beim Tsunami in Asien – auch schon mal mehr Geld zusammenkommen kann.
Frauen spenden häufiger als Männer, zeigen Studien. Aber sie spenden im Vergleich zu Männern kleinere Beträge. Je gebildeter und älter Menschen sind, desto lieber spenden sie: Am höchsten ist der Anteil der Spender in der Bevölkerungsgruppe ab 75 Jahren. Rund 90 Prozent dieser Altersgruppe geben Geld für gute Zwecke.
Am meisten spenden Beamte und Selbstständige, Kirchenmitglieder geben mehr als Konfessionslose, Westdeutsche mehr als Ostdeutsche, Süddeutsche mehr als Norddeutsche. Und wie eine Umfrage des deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) aus dem Jahr 2008 zeigt, spenden Personen mit einem Monatseinkommen bis 1500 Euro prozentual mehr als solche, die 2500 Euro und mehr verdienen.
Über die Wirksamkeit der Geldzuwendungen gibt es viele Untersuchungen. Aktuell diskutiert die Hilfsbranche über Linda Polmans Buch „Die Mitleidsindustrie“. Die niederländische Journalistin beschreibt detailliert, wie die sogenannte humanitäre Hilfe die Korruption befeuert, Warlords stützt, Abhängigkeiten schafft und als Kriegswaffe eingesetzt wird. Wie etwa Hilfsorganisationen oft große Beträge an lokale Machthaber zahlen müssen, um überhaupt Zutritt zum Krisengebiet zu bekommen.
Shaking hands with the devil, nennt Polman diese Abmachungen, die oft direkt korrupten Herrschern oder kriegstreibenden Gruppen nützen. Ein Teil von Hilfslieferungen wird zweckentfremdet. Es wird auf Schwarzmärkten verscherbelt, Lebensmittel vergammeln, weil sie nicht aufgebraucht werden. Teilweise können große Mais- und Reislieferungen die Lebensgrundlage von Bauern zerstörern.
Auch der Chirurg Richard Munz räumte in seinem Buch „Im Zentrum der Katastrophe“ mit vielen Mythen über die schnellen und unbürokratischen Superretter auf. Die Katastrophe banne den Blick der Spender und langfristige Entwicklungshilfe leide darunter, kritisiert der verstorbene Munz. Viele Akteure im Nothilfesektor rangelten mittlerweile um Aufmerksamkeit, was zu einem „humanitären Showbusiness“ geführt habe. Die Humanitäre Hilfe gerate zunehmend in Gefahr, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.
Auch William Easterly geht hart ins Gericht mit der globalen Entwicklungshilfe-Gemeinschaft. In seinem Buch „Wir retten die Welt zu Tode“ wirft er Entwicklungsexperten vor, zu versagen. Selten seien die Projekte auf die Bedürfnisse der Armen abgestimmt. Anstatt auf gigantischen Gipfeltreffen immer neue Versprechen abzugeben, sollte den Armen konkret im Kleinen geholfen werden. Eine neue Straße für ein Dorf in Ghana, ein Brunnen in Botsuana, Schulunterricht für Mädchen in Äthiopien. Der Ökonom und Afrika-Experte, der an der New York University lehrt, stellt sich mit seinem Werk gegen die Entwicklungselite der Vereinten Nationen, allen voran dem geistigen Vater der Millenniums Entwicklungsziele, Jeffrey Sachs, dem er utopisches Denken vorwirft.
Eine Fortsetzung des Kolonialismus sieht Easterly in der heutigen Entwicklungshilfe. Er fordert, dass die Welt mehr auf die Armen und ihre Bedürfnisse berücksichtigt, anstatt alle Nationen dem westlichen Vorbild anpassen zu wollen.

Matthias Thieme und Olivia Schöller

Über die Wirksamkeit der Geldzuwendungen gibt es viele Untersuchungen. Aktuell diskutiert die Hilfsbranche über Linda Polmans Buch „Die Mitleidsindustrie“. Die niederländische Journalistin beschreibt detailliert, wie die sogenannte humanitäre Hilfe die Korruption befeuert, Warlords stützt, Abhängigkeiten schafft und als Kriegswaffe eingesetzt wird. Wie etwa Hilfsorganisationen oft große Beträge an lokale Machthaber zahlen müssen, um überhaupt Zutritt zum Krisengebiet zu bekommen.
Shaking hands with the devil, nennt Polman diese Abmachungen, die oft direkt korrupten Herrschern oder kriegstreibenden Gruppen nützen. Ein Teil von Hilfslieferungen wird zweckentfremdet. Es wird auf Schwarzmärkten verscherbelt, Lebensmittel vergammeln, weil sie nicht aufgebraucht werden. Teilweise können große Mais- und Reislieferungen die Lebensgrundlage von Bauern zerstörern.

Auch der Chirurg Richard Munz räumte in seinem Buch „Im Zentrum der Katastrophe“ mit vielen Mythen über die schnellen und unbürokratischen Superretter auf. Die Katastrophe banne den Blick der Spender und langfristige Entwicklungshilfe leide darunter, kritisiert der verstorbene Munz. Viele Akteure im Nothilfesektor rangelten mittlerweile um Aufmerksamkeit, was zu einem „humanitären Showbusiness“ geführt habe. Die Humanitäre Hilfe gerate zunehmend in Gefahr, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.
Auch William Easterly geht hart ins Gericht mit der globalen Entwicklungshilfe-Gemeinschaft. In seinem Buch „Wir retten die Welt zu Tode“ wirft er Entwicklungsexperten vor, zu versagen. Selten seien die Projekte auf die Bedürfnisse der Armen abgestimmt. Anstatt auf gigantischen Gipfeltreffen immer neue Versprechen abzugeben, sollte den Armen konkret im Kleinen geholfen werden. Eine neue Straße für ein Dorf in Ghana, ein Brunnen in Botsuana, Schulunterricht für Mädchen in Äthiopien. Der Ökonom und Afrika-Experte, der an der New York University lehrt, stellt sich mit seinem Werk gegen die Entwicklungselite der Vereinten Nationen, allen voran dem geistigen Vater der Millenniums Entwicklungsziele, Jeffrey Sachs, dem er utopisches Denken vorwirft.
Eine Fortsetzung des Kolonialismus sieht Easterly in der heutigen Entwicklungshilfe. Er fordert, dass die Welt mehr auf die Armen und ihre Bedürfnisse berücksichtigt, anstatt alle Nationen dem westlichen Vorbild anpassen zu wollen. Matthias Thieme und Olivia Schöller

Das ist aber nicht der Fall. Sollen Bürger trotzdem spenden?

Ich kann Spendern generell keine Organisation empfehlen, bei denen der Appell an Spender und die Bitte um Mittel nicht einhergehen mit der Bereitschaft, Finanzzahlen zu veröffentlichen. Fehlt diese Transparenz, sollte man lieber eine der vielen transparenten Organisationen bevorzugen.

Welche Kriterien sollten Spender in der Weihnachtszeit beachten?

Die Zahl der gemeinnützigen Organisationen, die um Spenden werben, ist enorm hoch. Spender dürfen sich nicht irre machen lassen. Sie sollten zwei oder drei Organisationen intensiver auf Seriosität überprüfen. Ein Anhaltspunkt ist unser Spendensiegel. Wir empfehlen Spenden ohne Zweckbindung.

Bei der Zweckbindung kann man bestimmen, wofür das Geld ausgegeben werden muss. Warum sind Sie dagegen?

Wenn ich mir ein Internetportal wie betterplace.org ansehe, wo ich eine fast atomisierte Zweckbindung habe und für einzelne Stühle in afrikanischen Hilfsprojekten spenden kann, dann erzeugt das einen fiktiven Eindruck von direkter und schneller Wirksamkeit, der einer näheren Überprüfung oft nicht standhält. Weil damit entweder unverhältnismäßig hohe Transaktionskosten verbunden sind oder die Zweckbindung so detailliert nicht eingehalten werden kann. Das ist nicht ehrlich.

Was bedeutet gute Mittelverwendung? Ist allein die Summe des in ein Hilfsprojekt gesteckten Geldes schon ein Gütesignal?

Wenn der Anteil des direkt in die Projekte geleiteten Geldes hoch ist im Vergleich zu den Verwaltungskosten, ist das eine notwendige Bedingung für eine sinnvolle Verwendung von Spendengeld. Aber noch keine ausreichende. Zur wirtschaftlichen Effizienz muss die Wirksamkeit der Hilfe hinzukommen. Die Wirksamkeit ist schwerer zu beurteilen.

Ist die schnelle Nothilfe nicht oft unwirksamer als die Hilfe, die Ursachen verändern will?

Man ist versucht zu glauben, dass bei Katastrophenfällen wie in Haiti oder in Pakistan nur eine schnelle Hilfe eine wirksame Hilfe ist. Das stimmt zwar, was die unmittelbare Versorgung von Opfern angeht. Aber die langfristige Aufbauhilfe kann viel bedeutsamer sein, auch wenn man die Ergebnisse zunächst kaum sieht. Noch mehr gilt das für die Prävention, deren Wirksamkeit sich erst nach Jahren zeigt, die aber sehr viel sinnvoller sein kann als das bloße Reparieren von Schäden.

Was sollten Spender lernen?

Hilfsorganisationen werden oft verzerrt wahrgenommen: entweder als Gutmenschen, bei denen nichts schiefgehen darf, oder als Schlechtmenschen, die nur den eigenen Vorteil suchen. Die Realität liegt in der Mitte. Aufgeklärtes Spenden würde bedeuten, sich mehr mit der Arbeitsweise der Organisationen zu beschäftigen.

Interview: Matthias Thieme

Datum:  27 | 11 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!