Herr Professor Virchow, muss man die Morde in Norwegen eher als Amoklauf oder eher als Terroranschlag werten?
Anders als Amokläufer, die ihre Taten meist aus privatem Kontext heraus verüben, hat der Oslo-Attentäter seine Tat programmatisch stark unterfüttert und ideologisch legitimiert. Zum Terrorismus zählt ja durchaus das Mittel zielloser Gewalt zur Einschüchterung von Menschen. Zudem hat der Täter umfangreiche Schriften zu seiner Erklärung hinterlassen.
Welche „Programmatik“ findet sich darin?
Das reicht von Verschwörungstheorien über die EU als kommunistische Mega-Struktur bis zur Okkupation Europas durch den Islam. Als einen Verantwortlichen dafür nennt er die sozialdemokratische Partei – die er mit den Anschlägen aufs Regierungsviertel und ihr Jugendcamp gezielt treffen wollte. Die Ziele aufgrund der Weltanschauung zu wählen, ist ein klar terroristisches Vorgehen.
Fabian Virchow ist Soziologe und Politikprofessor und forscht seit Jahren über rechte Ideologie, Extremismus und Gewalt. Er ist Autor zahlreicher Bücher und leitet den Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus der FH Düsseldorf.
Ist sein Weltbild schlicht wirr oder typisch für eine Szene?
Soweit zu erkennen, ist er ein Einzeltäter. Er schrieb zwar auf neonazistischen Internet-Boards, suchte aber offenbar eher nach Orientierung, als dass er zu einer Gruppe gehörte. Andererseits ist er mit seiner Ideologie nicht allein. Er bedient sich der Symbolik des christlichen Fundamentalismus, etwa mit Verweisen auf die Kreuzzüge. Diese Ideologie trägt immer auch anti-kommunistische Elemente in sich, wie sie in der Schrift und der Videobotschaft des Norwegers auftauchen.
Gibt es diese Szene auch in Deutschland?
Europaweit wächst die Muslimfeindschaft, der anti-islamische Rassismus, die sich bei ihm sehr stark wiederfinden. Er hat aber auch auf Webseiten geschrieben, die Israel-freundlich waren. Der für Deutschland typische Antisemitismus ist bei ihm nicht ausgeprägt, das grenzt ihn von der deutschen Neonazi-Szene ab.
Ist die Tat also im Ansatz eher vergleichbar mit dem einzelnen Islamhasser, der 2009 in Dresden eine Muslima ermordete?
Schwer zu sagen, weil der Täter in Dresden kein solches „Programm“ verfasst hat. Es gibt aber immer öfter diese Individuen, die in ihrem Wahn über eine massive Bedrohung durch den Islam zu solcher Gewalt greifen. Sie sehen in einzelnen Menschen, in jedem Opfer, den Feind, der auszulöschen sei. Und sie drohen nicht nur, sie setzen es um – auch als Symbol, denn sowohl im Gerichtssaal in Dresden, als auch auf der Insel bei Oslo war klar, dass der Täter gefasst werden würde.
Ein einzelner rechter Terrorist, der ein Fanal setzen will – das erinnert an Tim McVeigh, der 1995 mit einem Bombenanschlag 168 Menschen in Oklahoma tötete.
In den USA dominieren eher rechte Milizen, die gegen den Zentralstaat kämpfen – die aber ähnliche Verschwörungstheorien pflegen. Da gibt es durchaus Parallelen zum Dokument des Oslo-Täters. Hinter den US-Milizen stehen freilich stabilere Strukturen, so umfassend ist das Phänomen in Europa nicht. Aber es kann überschwappen: Die berüchtigten „Turner-Tagebücher“, Bibel der US-Neonazis, mit der Vision eines Aufstands der Weißen haben einen ähnlichen Charakter wie das, was der Norweger schrieb: die Bedrohung des weißen Europa, der bewaffnete Kampf als Ausweg.
Hat sich die Terrorabwehr in Europa und auch in Deutschland zuletzt zu sehr auf den Islamismus konzentriert und die rechte Szene vernachlässigt?
Ein Stück weit schon. Eine englische Studie befand 2010, dass die Sicherheitsbehörden dem großen Potenzial solcher Männer, die sich in Bedrohungsvorstellungen hineinsteigern und politisch radikalisieren, zu wenig beachten. Allerdings sind deren Taten extrem unberechenbar, wie sich jetzt zeigte. Und dass aus der extremen Rechten terroristische Anschläge mit großen Opferzahlen verübt werden, wissen wir mit Blick auf das Nachkriegseuropa seit den Anschlägen aufs Oktoberfest 1980 und in mehreren Fällen aus Italien. Eine Konsequenz muss jetzt sein, genauer zu verfolgen, welche Entwicklungen die verschiedenen fundamentalistischen Kräfte nehmen und wie sich ihre Ideologie zu solcher Gewalt verdichtet.
Interview: Steven Geyer
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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