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04. März 2011

Facebook-Fans: Guttenberg? Gefällt mir

 Von Felix Helbig
Guttenberg hat viele Fans.  Foto: Screenshot

Bei der wundersamen Fan-Vermehrung des Ex-Ministers auf Facebook tauchen Ungereimtheiten auf. Immer mehr Fans sammeln sich auf den Anti-Rücktritts-Seiten. Experten rechnen mit Fälschungen.

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KT auf Facebook

Die Fanseite von Karl-Theodor zu Guttenberg auf Facebook sprengt mit ihren Zahlen die Rekorde der deutschen Ausgabe des Netzwerks. Zum Vergleich schaffte es etwa Dieter Bohlen trotz jahrelanger Unterstützung durch Bild und RTL mit der Seite für seine Show „Deutschland sucht den Superstar“ auf gerade einmal 145.000 Fans.

Die Ungereimtheiten der enormen und zudem auffällig gleichmäßigen Steigerung des Zuspruchs versucht seit Freitag auch der Blogger Sascha Lobo zu überprüfen. Er ruft auf seiner Internetseite dazu auf, die Plausibilität der Fanzahlen mithilfe einer von ihm beschriebenen Methode zu überprüfen. big

Der Leiter des Freiburger Polizeireviers Nord hat ein Profil im Sozialnetzwerk Facebook, er reist gerne, steht dort zu lesen, und er schaut gerne „Tatort“. Ein paar Wochen erst ist Harry Hochuli aktiv, er hat 23 Freunde, verfasst sporadisch Beiträge. An diesem Mittwoch schreibt Hochuli „Nach 1933 muss Deutschland endlich wieder aufstehen! KT, unser Führer!“ auf die Fanseite „Wir wollen Guttenberg zurück“.

Das Problem ist, das Harry Hochuli die Beiträge nicht verfasst und die Seite auch nicht eingerichtet hat. „Wir wissen nicht woher das kommt, lustig ist es nicht“, sagt ein Polizeisprecher auf FR-Anfrage. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun, bislang allerdings ohne Erfolg. Auch die Seite steht noch im Internet.

Hochuli ist Opfer des wachsenden Phänomens sogenannter Fake-Profile bei Facebook – und gleichzeitig eines noch größeren Phänomens: Seit dem Skandal um eine in Teilen gefälschte Doktorarbeit und dem darauffolgenden Rücktritt von Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) als Verteidigungsminister wachsen zwei Fanseiten bei Facebook rasant. Sie tragen die Titel „Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg“ und eben „Wir wollen Guttenberg zurück“ und verzeichnen zusammengenommen fast eine Million Anhänger. Sie sollen den breiten Rückhalt des gefallenen Politstars im Volk und den Zorn über seinen Rücktritt ausdrücken. Will sagen: Wir lassen uns nicht unterkriegen! Gebt uns unseren Liebling zurück! Guttenberg? Gefällt mir.

Nach FR-Recherchen geht es dabei anscheinend aber nicht mit rechten Dingen zu. Denn einer Fortsetzung der Guttenberg-Kampagne im Boulevardblatt Bild mit anderen Mitteln gleich, vermehren sich die Fans im Sozialnetzwerk auf wundersame Weise. So listet etwa der Medienberater Peter Berger, selbst einst lange als Reporter bei Bild, in seinem Internet-Blog zahlreiche Hinweise dafür auf, die ihn zu dem Schluss kommen lassen, die Guttenberg-Fanseiten könnten gefälscht sein. So entdeckte er etwa einen konstanten Zustrom neuer Guttenberg-Freunde zu allen Tages- und Nachtzeiten, ein für das Nutzerverhalten in Sozialnetzwerken absolut untypischer Vorgang. Viele vermeintliche Fans von „KTzG“ verfügen demnach zudem selbst über keine Freunde, ihre Profile wirken wie eigens angelegt zum Fansein des Ex-Ministers.

Auffällig erscheint zudem, dass zahlreiche der von Verschwörungstheorien um den Minister-Rücktritt geprägten Kommentare auf den beiden Fanseiten immer wieder auftauchen, wortgleich und manchmal sogar mit denselben Rechtschreibfehlern. Auch das spricht für Hilfsmittel, wie sie der so Geehrte einst in seiner Doktorarbeit verwendete.

Am Donnerstag schließlich entdeckt ein Berliner Blogger, dass sein eigenes Profil ihn als Fan ausweist, obwohl er sich nicht bewusst ist, den dafür notwendigen „Gefällt mir“-Knopf gedrückt zu haben. Er glaubt, dass neben sicherlich zahlreichen Fans und auch Gegnern, die nur mitmachen, um Widerworte zu geben, auch mit unlauteren Mitteln gearbeitet wird. „Es gibt längst Programme, mit denen sich automatisiert Profile erstellen lassen“, sagt er. Außerdem gebe es Möglichkeiten, den Auslöser des Fanseins zu verstecken, so dass Nutzer, wie womöglich in seinem Fall, unbewusst gezählt werden.

Und schließlich besteht noch eine dritte Möglichkeit, die eigene Facebook-Kampagne aufzuhübschen: der Stimmenkauf. Es gibt mittlerweile PR-Agenturen, die Zuneigung bei Facebook in 1000er-Paketen feilbieten.

Die wahre Zahl der Fans wird sich bei den Pro-Guttenberg-Kundgebungen heute zeigen

Seinen Namen möchte der Blogger nicht in der Zeitung lesen, er fürchtet mögliche Unterlassungsklagen eines der Gruppengründer. „Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg“ wurde initiiert vom Bezirksvorsitzenden der Jungen Liberalen Rheinhessen-Vorderpfalz, dem 29-jährigen Tobias Huch, einem umtriebigen Unternehmer mit besten Kontakten zur Bild-Zeitung, die ihn schon einen „Erotik-Millionär“ nannte. Seine Freunde, so es denn überhaupt wirklich welche sind, kann sich eben auch Karl-Theodor zu Guttenberg nicht aussuchen.

Ihre wahre Zahl könnte sich am heutigen Samstag zeigen, wenn der Internet-Furor in Pro-Guttenberg-Demonstrationen in Frankfurt (Hauptwache), Hamburg (Gänsemarkt) und Berlin (Reichstag) gipfeln soll. Dort werden bislang jeweils mehrere hundert Teilnehmer erwartet.

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