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Facebook und Co.: Gauckomanie im Netz

Im Netz hätte Gauck die Wahl gewonnen. Die Verschmelzung von Fußball- und Gauck-Begeisterung nahm zwischenzeitlich skurrile Züge an. Von Marin Majica

Gauck umringt von seinen Unterstützern.
Gauck umringt von seinen Unterstützern.
Foto: dpa

Die Wahl des Bundespräsidenten passte am Mittwoch gut in eine Programmlücke. Da die Fußball-WM in Südafrika vor dem Viertelfinale pausierte, richteten sich im Internet vielerorts Augen, sportlicher Ehrgeiz und entsprechende Diktion auf die Vorgänge in der Bundesversammlung. Schließlich hatte Joachim Gauck mit seiner Kandidatur für SPD und Grüne eine durchaus rege Unterstützerbewegung im Netz in Gang gesetzt. Da wollten viele dabei sein bei diesem Berliner Finale der anderen Art.

Allerdings nahm die Verschmelzung von Fußball- und Gauck-Begeisterung zwischenzeitlich so skurrile Züge an, dass Alphablogger Sascha Lobo sich genötigt sah, auf Twitter und Facebook zur Staatsräson zu rufen: "Eure Bundespräsidenten-Fußball-Gags sind so schlecht, die muss man zweimal umschreiben, bevor man sie wegschmeißen kann." Was ihn freilich nicht davon abhielt, nach zwei gescheiterten Wahlgängen ebenfalls tief in die Kalauer-Kiste zu greifen und seinen 39 443 Twitter- und 4999 Facebook-Freunden Aphorismen zu servieren wie "Christian Simonis".

Nach der Entscheidung für Christian Wulff im dritten Wahlgang allerdings kippte der humorige Ton vielfach in aggressive Ablehnung um. Am Abend sahen sich die Administratoren der Facebook-Gruppe "Joachim Gauck als Bundespräsident", der immerhin fast 37000 Mitglieder des Sozialen Netzwerkes angehören, zu Ermahnungen gezwungen. Diffamierende Kommentare entsprächen nicht der Netiquette und würden ebenso gelöscht wie Verweise auf beleidigende Anti-Wulff-Seiten, teilten die Anmelder der Gauck-Gruppe mit. Viele Kommentatoren widmeten auch der Linkspartei kritische bis wütende Anmerkungen.

Die Schuld für Gaucks Niederlage sieht auch das Blog Spreeblick bei den Linken: "Tatsächlich weigert sich die Linke seit einiger Zeit beharrlich, Politik zu machen." Die Kandidatin der Linkspartei, Luc Jochimsen, sei nie eine echte Kandidatin gewesen, "sondern immer nur eine Wand mitten im Zimmer, hinter der man all die Ressentiments gegen Gauck verstecken konnte". Das tazblog ist einer von vielen Orten, an denen der unsägliche Vergleich des Linke-Vorsitzenden in Niedersachsen, Dieter Dehm, kritisiert wird. Dehm hatte vor laufender Fernsehkamera gesagt, die Wahl zwischen Wulff und Gauck sei wie jene zwischen Stalin und Hitler. Dies nennt Daniel Erk "politisch, moralisch, historisch und und überhaupt in jeder Hinsicht unredlich". Der Link zum Mitschnitt des Interviews kursiert derzeit durchs Internet.

Noch während die Wahl lief, beschäftigte sich Markus Beckedahl in seinem Blog Netzpolitik mit dem Einfluss des Netzes auf die Wahl: "Ich gehe nicht davon aus, dass die Netzaktivitäten viel Einfluss bei dieser Wahl gehabt haben. Viel wirkungsvoller dürften die traditionellen Medien gewesen sein, die Gauck sehr schnell hochgeschrieben haben. Aber trotzdem lustig, dass in Medienkreisen dem Internet mittlerweile soviel Bedeutung zugeschrieben wird und 30 000 Menschen angesichts von 80 Millionen Einwohnern als relevante Menschenmasse angesehen wird."

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Autor:  Marin Majica
Datum:  1 | 7 | 2010
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