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Politik
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27. August 2014

Familienpolitische Leistungen: „Geburtenrate lässt sich nicht steuern“

 Von 
In Deutschland seien die Erwartungen an Eltern enorm hoch: Wer sich für Kinder entscheide, wolle es perfekt machen, so der Experte. "Ein bisschen mehr Gelassenheit wäre angeraten."  Foto: Imago

Bevölkerungsforscher Martin Bujard spricht im Interview über tradierte, strukturelle Vorstellungen der Deutschen vom Kinderkriegen.

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Herr Bujard, warum haben all die vielen familienpolitischen Leistungen nur einen so geringen Effekt auf die Geburtenrate?
Die Entscheidung für ein Kind ist eine sehr intime Entscheidung, bei der nicht sämtliche finanziellen Leistungen gegengerechnet werden. Kulturelle Effekte, zum Beispiel die Akzeptanz von Mehrkindfamilien und Leitbilder spielen dabei eine ganz zentrale Rolle.

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW)  schätzt, dass die Geburtenzahlen um zehn Prozent niedriger in Deutschland wären, wenn es die öffentliche Kinderbetreuung nicht gäbe. Klingt das plausibel?

Es ist schwierig, einer einzelnen Maßnahme einen exakten Effekt zuzuordnen. Generell ist die niedrige Geburtenrate eine strukturelle und weniger eine ökonomische Frage. Es gibt nicht nur einen Hebel oder eine Maßnahme. Die Geburtenrate lässt sich nicht steuern. Damit die Kinderbetreuung aber wirklich einen solchen Effekt hat, muss es auch Ganztagsschulen geben, das zeigen Forschungen aus anderen Ländern. Es nutzt nichts, wenn es viele Krippen gibt, die Kinder ein paar Jahre später aber schon mittags zu Hause sind, weil die Schule so früh aus ist.

Woran liegt es dann, dass eine 25 Jahre alte Französin eher geneigt ist, Kinder zu bekommen als die gleichaltrige Deutsche?
Dafür muss man sich die Geburtenrate etwas genauer anschauen. Unsere ist deshalb so niedrig, weil wir einen extrem kleinen Anteil von Mehrkindfamilien mit drei oder mehr Kindern haben. Das ist der große Unterschied zu Frankreich, den USA oder Schweden. Dahinter steckt tatsächlich eine kulturelle Akzeptanz der kinderreichen Familie, die es bei uns im Gegensatz zu anderen Ländern nicht so gibt.

Hierzulande herrscht das Leitbild der Zwei-Kind-Familie?
Ja. Selbst wenn ein Paar jung genug ist, um noch mehr Kinder zu kriegen, sie beruflich angekommen sind und es ihnen auch ökonomisch gut geht, wollen sie in der Regel kein drittes Kind. Das gleiche Paar in Frankreich würde dagegen noch ein drittes oder sogar viertes Kind bekommen. Dieser Faktor führt zu den großen Unterschieden in der Geburtenrate.

Martin Bujard arbeitet beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.  Foto: Privat

Warum gibt es bei uns dieses Ideal von Vater, Mutter und zwei Kindern?
Wir haben die familienpolitischen Einstellungen gegenüber Mehrkindfamilien untersucht und herausgefunden, dass die Menschen erwarten, dass die Mehrkindfamilie negativ besetzt ist, selbst finden sie eine Großfamilie aber sehr positiv. Das heißt, die negativen Einstellungen gegenüber der Mehrkindfamilie hat gar keine Grundlage mehr, es ist eine Fehlwahrnehmung. Dazu kommt, dass viele Sachen wie beispielsweise Wohnungen, selbst der ärztliche Mutterpass auf Zwei-Kind-Familien ausgerichtet sind.

Wenn es um die sinkende Geburtenrate geht, ist immer nur von den Frauen die Rede. Was weiß die Forschung eigentlich über den Kinderwunsch von Männern?
Sehr wenig leider. Wir wissen, dass der Kinderwunsch bei Männer wie Frauen ungefähr gleich hoch ist. Im Unterschied zu Männern ist der Kinderwunsch bei Frauen latent entwickelt, auch wenn sie keinen Partner haben. Bei Männern entsteht der dagegen erst in der Partnerschaft. Generell kann man sagen – für Männer wie für Frauen – dass der Kinderwunsch höher ist als die Geburtenzahl. Aber wenn bei Paaren nur einer Kinder möchte, setzt sich meistens derjenige durch, der keinen Nachwuchs möchte.


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Sind die Deutschen vielleicht auch zu perfektionistisch und trauen sich nicht, Kinder zu bekommen, weil nicht alle Voraussetzungen stimmen?
Sicher. Wir haben in Deutschland sehr hohe Erwartungen an Eltern. Mütter und Väter setzen sich selbst sehr unter Druck. Da gibt es das Leitbild der perfekten Mutter, dadurch fällt es manchen sicher schwer, sich für Kinder zu entscheiden. Man sieht das ja schon an den vielen Erziehungsratgebern: Die, die sich für Kinder entscheiden, wollen das perfekt machen. Dieser Perfektionismus ist natürlich problematisch. Ein bisschen mehr Gelassenheit wäre angeraten.

Interview: Mira Gajevic

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