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07. Juni 2012

Femen Protest EM 2012: "Wir wollen den EM-Pokal kaputtmachen"

 Von Anne Lena Mösken
Sie sind auf die EM nicht gut zu sprechen: Anhängerinnen der ukrainischen Frauenrechts-Bewegung Femen. Foto: AFP

Seit einigen Jahren macht die ukrainische Gruppe Femen mit Protesten auf sich aufmerksam, bei denen sich die Aktivistinnen mit nacktem Oberkörper präsentieren. Jetzt haben die Frauen die EM im Visier. Sie kämpfen für Frauenrechte und gegen Sexismus und Korruption.

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Kiew –  

Seit Wochen trainiert Inna Schewtschenko für die Europameisterschaft. Ihr Trainingszentrum ist ein Raum im Erdgeschoss eines Altbaus, nicht weit vom Majdan Nesaleschnosti, dem Unabhängigkeitsplatz im Zentrum von Kiew. An der Wand lehnt ein Spiegel, davor steht sie, in hohen Schuhen und Hotpants, mit erhobenem Kopf und geschwellter Brust, neben ihr ein Barhocker, darauf ein Mülleimer.

Inna Schewtschenko winkt ihrem Spiegelbild zu, sie lächelt, sie wirft ihre langen blonden Haare über die Schulter. Sie kann das gut, aussehen wie ein harmloses, hübsches Mädchen. Dann reißt sie ihr T-Shirt hoch und wirft sich mit nackten Brüsten auf den Mülleimer.

Angriffsziel: EM-Pokal

Inna Schewtschenko

… aus Cherson ist 21 Jahre alt und eine von vier Anführerinnen der Protestgruppe Femen. Sie zieht sich für Gleichberechtigung und Menschenrechte aus. Mehrmals wurde die ehemalige Publizistikstudentin verhaftet und landete im Gefängnis.

„Ganz schnell muss es gehen“, sagt Inna Schewtschenko, „wir wollen uns nicht nur ausziehen, sondern den EM-Pokal kaputtmachen.“ Es gibt keine Zeit für Zweifel.
Inna Schewtschenkos Training ist effektiv. Ein paar Tage später fährt sie nach Dnipropetrowsk, reiht sich in die Schlange ein, in der die Fans darauf warteten, ein Foto mit dem Pokal zu machen. Für eine kurze Sekunde steht sie schließlich entblößt neben der Trophäe, es gelingt ihr auch, ihm den kräftigen Stoß zu versetzen, den sie an dem Mülleimer geübt hat. Dann stürzen sich die Sicherheitsmänner auf sie.

Es ist das dritte Mal, dass eine Aktivistin der Protestgruppe Femen in den Wochen vor dem Turnier den EM-Pokal auf seiner Reise durchs Land vom Sockel stößt. „Wir wollen diese EM nicht“, sagt Inna Schewtschenko. Es geht um mehr als Fußball.

In den vergangenen drei Jahren hat Inna Schewtschenko mit nackten Brüsten gegen die Unterdrückung der ukrainischen Frau protestiert. Als Ministerpräsident Mykola Asarow vor zwei Jahren öffentlich verlauten ließ, Politik sei nichts für Frauen, forderten Femens Aktivistinnen die Frauen der Minister zum Sexboykott auf. Als im März das Parlament darüber debattierte, Abtreibungen zu verbieten, stiegen sie auf den Turm der Sophienkathedrale und läuteten mit nacktem Oberkörper und Blumen im Haar schreiend die Glocken.

Aktionen in Davos, Rom, Istanbul

„Wir haben eine neue Form von Frauenprotest ins Leben gerufen“, sagt Inna Schewtschenko. Sie haben ihn durch ganz Europa getragen. Vor dem Haus von Dominique Strauss-Kahn in Paris brüllten sie „Schande“ und vor einer Absperrung des Weltwirtschaftsforums in Davos „arm wegen euch“. Sie wurden in Rom nach einem Protest gegen Berlusconi auf dem Petersplatz verhaftet, in Istanbul schrien sie gegen häusliche Gewalt. Inna Schewtschenko nennt das „Frauen-Spam“. Immer sind Kameras bei ihren Aktionen dabei. Wenn Femen auftaucht, dann sind die Bilder Stunden später überall. „Es sind auch immer Frauen betroffen, wenn es irgendwo Ungerechtigkeit gibt“, sagt Inna Schewtschenko. „Wir wollen zeigen, dass sie etwas zu sagen haben.“ Auch wenn es um Fußball geht.

Denn die Europameisterschaft findet in ihrem Land statt und ihr Präsident ist einer, der sagt: Wenn in Kiew die Kastanien blühen, lassen unsere Frauen ihre Hüllen fallen. Viktor Janukowitsch ließ Stadien für Millionen von Euro bauen, während die Menschen in der Ukraine durchschnittlich 260 Euro im Monat verdienen.

„Wir wollen diese sexistische EM-Mafia stoppen, die sich selbst Organisatoren nennen“, sagt Inna Schewtschenko und schlägt ihre nackten Beine übereinander. Sie schrieben all das in einen Brief an Michel Platini. Er antwortete nicht. Also schreien die Femen-Aktivistinnen, wann immer es eine Gelegenheit gibt: „Fuck Euro 2012!“

Vor ein paar Tage erst liefen zwei Aktivistinnen nackt auf ein Rasenstück im Zentrum von Kiew, auf dem mit Blumen die EM-Maskottchen geformt sind. Sie stülpten sich Penishauben aus Schaumstoff über die Köpfe und stellten sich in den Schritt der Blumenmännchen.

Zuspruch von Alice Schwarzer

Die Frauen wissen, wie man Bilder entwirft, die stark sind. Auf den Titelseiten von Magazinen, bei Facebook und Youtube wirkt der Protest von Femen bunt und sexy. Sie verkaufen Pullis und Tassen mit dem Femen-Logo darauf. Oder Farbabdrücke von ihren Brüsten. So finanzieren sie ihre Aktionen. Sie sind die Popstars eines neuen Feminismus, der sich gut macht in Hochglanz. In der Realität aber enden Femens Proteste auf Polizeistationen und in Gefängnissen.

Klare Botschaft: Inna Schewtschenko (rechts) und Yana Zhdanova von Femen halten nichts von der EM.
Klare Botschaft: Inna Schewtschenko (rechts) und Yana Zhdanova von Femen halten nichts von der EM.
Foto: REUTERS

Längst sagen einige, nackte Brüste schockierten niemanden mehr, es könne nicht funktionieren, Sexismus oben ohne zu bekämpfen, das lenke ab von den Inhalten, um die es den Aktivistinnen geht.

Alice Schwarzer hingegen zeigte die nackten, blonden Aktivistinnen auf dem Cover der aktuellen Emma-Ausgabe. Sie nennt die Freizügigkeit der Mädchen „blanke Strategie“, findet sie mutig und clever.

Inna Schewtschenko sagt: „Unsere Brüste sind unsere Waffen.“

Drei Jahre ist es her, dass aus Inna Schewtschenko, die vom Schwarzen Meer in die ukrainische Hauptstadt kam, um Journalismus zu studieren, die dann angestellt bei der Pressestelle der Stadt freundliche Texte über den Bürgermeister schrieb, eine Feministin wurde. Im Internet war sie auf eine kleine Gruppe Studentinnen gestoßen, die sich Femen nannten und mit pinkfarbenen Luftballons in der Hand Gleichberechtigung forderten.

Inna Schewtschenko ahnte, worum es Femen ging. Nur ein anderes Mädchen aus ihrer Klasse hatte es an die Universität geschafft, die anderen blieben in der kleinen Stadt, träumten von einem reichen Mann. Weil sie kein Geld hatten, sagt Inna Schewtschenko, um den Studienplatz zu bezahlen. Vielleicht auch, weil das einfacher war in einem Land, in dem achtzig Prozent der Arbeitslosen Frauen sind. Ihre Lage hat sich im Ausland so zu einem Klischee geformt: In der Ukraine gibt es hübsche Mädchen, die Sex für wenig Geld verkaufen.

"Die Ukraine ist kein Bordell"

Inna Schewtschenko ging also mit Femen auf den Majdan. Sie hielten Transparente, auf denen stand: „Die Ukraine ist kein Bordell“. Sie trugen Blumen im Haar und knappe Bikinis. Viele Journalisten kamen, um die Frauen zu fotografieren. Als Inna Schewtschenko am nächsten Tag ins Büro ging, empfing sie der Chef mit Bildern, ausgedruckt aus dem Internet. Du willst eine von denen sein? Dann geh. Da verstand Inna Schewtschenko, nahm die Bilder und ging. „Femen ist jetzt meine Arbeit“, sagt sie.

Eine Gespür für Bilder: Femen-Aktivistin in einem Park in Kiew.
Eine Gespür für Bilder: Femen-Aktivistin in einem Park in Kiew.
Foto: REUTERS

Sie war am Anfang dagegen, mit freiem Oberkörper auf die Straße zu gehen. Oksana Schatschko, eine der Gründerinnen, hatte sich spontan bei einem Protest das T-Shirt vom Leib gerissen. Inna Schewtschenko dachte an ihre Mutter und blieb angezogen. Aber sie sah, dass die Zeitungen große Bilder druckten, wann immer sie ihre Brüste zeigten. „Nur so bekamen wir die Aufmerksamkeit, die wir wollten“, sagt sie. Schließlich tat sie es doch, am 24. Oktober 2010, das weiß Inna Schewtschenko genau, der Unabhängigkeitstag der Ukraine und, so erzählt sie es, nun auch der ihre.

Im Trainingsraum steht Oksana Schatschko in einem weiten Männerhemd vor ihr, malt mit einem Pinsel Da Vincis Vitruvianischen Menschen an die Wand, malt ihn mit prallen Brüsten. „So stellen wir uns eine Femen-Frau vor“, sagt Inna Schewtschenko, stark und schön.
„Seit wir in Minsk protestiert haben“, erklärt sie, „fürchte ich mich vor gar nichts mehr.“ Sie fährt mit den Fingern durch die langen Haare, die nicht die ihren sind. Denn an einem Dezembermorgen in einem Wald in Weißrussland verlor Inna Schewtschenko in Todesangst ihr schönes blondes Haar.

Mit verbundenen Augen in den Wald

Mit Oksana Schatschko und einer weiteren Aktivistin war sie in die weißrussische Hauptstadt gefahren, vor einem Gebäude der Geheimpolizei, die in Weißrussland noch immer KGB heißt, zogen sie ihre T-Shirts aus und hielten ein Schild in die Höhe: Freiheit für politische Gefangene. Dann rannten sie davon. Sie kamen bis zum Bahnhof.

Männer griffen die drei Frauen, verbanden ihnen die Augen, fuhren sie in einem Auto durch die Nacht, stellten immer wieder dieselben Fragen: Wer hat euch gesagt, dass ihr gegen Lukaschenko protestieren sollt? Wer hat euch bezahlt? Und dazwischen: Wir bringen euch um.

Im Morgengrauen hielten sie an, mitten im Wald, schlugen mit Holzknüppeln auf sie ein, gossen Öl über sie und schnitten ihnen die Haare ab. „Ich dachte, ich sehe die Ukraine niemals wieder“, sagt Inna Schewtschenko.

Die Männer ließen schließlich von ihnen ab. Im Auto der ukrainischen Botschaft, das die Frauen zurück nach Kiew fuhr, dachte Inna Schewtschenko: Was mache ich jetzt? Sie dachte ans Aufhören.

Kein Respekt für Timoschenko

Vorbereitungen auf EM-Protest: Yana Zhdanova, Alexandra und Inna Schewtschenko und Oksana Schatschko.
Vorbereitungen auf EM-Protest: Yana Zhdanova, Alexandra und Inna Schewtschenko und Oksana Schatschko.
Foto: REUTERS

„Es gibt für mich keine Alternative mehr zu diesem Leben“, sagt sie. Sie ist jetzt 21 Jahre alt. Und es gibt noch viel zu tun. Also klebte sie sich falsche Haare an. Weil das besser passt zu den Blumenkränzen, zu den nackten Brüsten und den Hotpants. Weil sie zeigen will, dass niemand sie einschüchtern kann.

Inna Schewtschenko lässt verächtlich Luft zwischen ihren rosa bemalten Lippen hindurchzischen, wenn sie hört, dass europäische Politiker seit ein paar Wochen zum Boykott gegen das Turnier aufrufen. „Ausgerechnet wegen Julia Timoschenko! Wegen einer Oligarchin, die ihre eigenen Probleme hat.“ Inna Schewtschenko spricht aus, was viele junge Ukrainer denken, die mit großen Hoffnungen und orangefarbenen Fahnen auf dem Majdan standen, um fünf Jahre später festzustellen, dass sich wenig verändert hat. „Femen kämpft nicht für die Rechte einer einzelnen, wir kämpfen für Tausende Frauen.“

Sie wollen die Spiele der EM attackieren, wollen den Fans am Flughafen entgegenbrüllen, dass Ukrainerinnen keine Prostituierten sind. „Wir wollen den Organisatoren diese Meisterschaft verderben“, sagt Inna Schewtschenko und schüttelt ihre falschen Haare. „Das ist unsere Mission.“

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