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15. März 2013

Femen: Sextremismus in Paris

 Von 
Femen-Aktivistinnen im Februar 2013 in der Pariser Notre Dame. „Nacktheit ist Freiheit“, schallte es durchs Kirchenschiff.  Foto: AP

Die ukrainische Frauenrechtsgruppe Femen, die mit bloßen Brüsten, viel Tatendrang und wenig intellektuellem Beiwerk die feministische Sache verficht, hat in Paris ihr neues Hauptquartier eröffnet – Trainingscamp inklusive

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PARIS –  

Das Pariser Theater Lavoir Moderne scheint Mittagsschlaf zu halten. Ganz still ist es im Foyer. Der Lärm des von Schwarzafrikanern und Arabern belebten Stadtviertels Goutte d’Or im Norden der Stadt findet nicht den Weg ins Foyer. Das grelle Sonnenlicht auch nicht. Im Halbdunkel zeichnen sich die Umrisse mächtiger Balken ab. Ohne diese Stützen hatte das vor gut anderthalb Jahrhunderten als öffentlicher Waschplatz konzipierte Gebäude der Zeit kaum so lange getrotzt. Eine Holzstiege führt vom Foyer hinauf ins Obergeschoss. Die Tür am Ende der Stiege steht offen. Am Vortag war sie noch verschlossen. Die Mitarbeiter des Theaters sagen, dahinter sei es heftig zur Sache gegangen.

Inna Schewtschenko, die Gründerin der ukrainischen Frauenrechtsbewegung Femen, hat im ersten Stock des Gebäudes das neue Hauptquartier der Bewegung eingerichtet – Trainingscamp inklusive. Rund zwanzig Mitstreiterinnen hat die 22-Jährige angeworben. Sie haben ihrem Heimatland im vergangenen Sommer den Rücken gekehrt und in Frankreich Asyl beantragt. Kaum formiert, ging Femen France auch schon zum Angriff über, im Visier den alten Feind, das Patriarchat im Allgemeinen, die Kirche im Besonderen.

Tanzen zum Papst-Rücktritt

Die Brüste entblößt, schwarz glitzernde Parolen auf den Leib gepinselt mischten Schewtschenko und ihre Mitstreiterinnen Mitte November eine Massenkundgebung überwiegend konservativer, kirchentreuer Bürger in Paris auf, die gegen die geplante Einführung der Homo-Ehe auf die Straße gegangen waren. Schlägertrupps der rechtsradikalen Jeunesses Nationalistes (Nationalistische Jugend) machten Jagd auf die ungebetenen Demonstrantinnen und richteten sie teilweise übel zu.

Halbnackt in der Öffentlichkeit

Femen wurde im April 2008 in Kiew gegründet. Die Aktivistinnen kämpfen nach eigenen Angaben gegen Frauenfeindlichkeit, Prostitution, Homophobie, Kirche, Islamismus, Rechtsextremismus und Sexismus.

Bei ihren Aktionen lassen sich die halbnackten Frauen meist öffentlichkeitswirksam von Polizisten festnehmen. Sie protestierten unter anderem im ukrainischen Parlament, auf der Berlinale 2013, im Pariser Louvre, gegen Silvio Berlusconi bei der Italien-Wahl und bei der Papst-Wahl in Rom.

Im Februar folgten in der Kathedrale Notre-Dame in Paris Freudentänze zur Feier des Papst-Rücktritts. Am Körper einen schwarzen Slip und Parolen wie „Pope – Game over“ oder „Saved by the Hell“, bearbeiteten die Femen-Frauen Glocken mit Fäusten und Stöcken. „Nacktheit ist Freiheit“, schallte es durchs Kirchenschiff. Touristen schauten gebannt zu oder entschlossen weg.

Der Boden im ersten Stock des Theaters Lavoir Moderne ist mit Matten ausgelegt. Hier also trainieren sie. Von Deckenbalken baumeln Stromkabel und ein an Metallketten befestigter Punchingball. Zersprungene Fensterscheiben, von den Wänden blätternder Putz und ukrainisch anmutende Kälte verbreiten Arbeitsatmosphäre. Ein Transparent appelliert an Novizinnen: „Seid sextremistisch, geht raus, zieht euch aus und gewinnt!“ Auf einer zweiten Banderole prangt das Femen-Credo: „Unsere Mission ist der Protest, unsere Waffe sind unsere bloßen Brüste.“

Vor dem geistigen Auge laufen Szenen der Dokumentation „Unsere Brüste, unsere Waffen“ ab, die die französische Journalistin Caroline Fourest gedreht hat. Schewtschenko hält in dem Film eine Ansprache an „neue Soldatinnen“. Der Femen-Nachwuchs steht vor ihr in Reih und Glied, Arme und Beine gespreizt, ein lebendiges X am anderen. Dann liegen die Frauen am Boden, winden sich aus imaginären Polizeigriffen und brüllen aus Leibeskräften. Auch die Grundausbildung wird gezeigt. Sie besteht aus Liegestützen, Sit-ups und Boxen.

Die Holztreppe knarrt. Schewtschenko und zwei Gefährtinnen stehen im Camp. Sie halten inne, mustern den Eindringling. Die Femen-Chefin erlaubt sich, was sie sich und ihren Mitstreiterinnen bei Protestaktionen strikt verbietet – ein Lächeln. Trotz hoher Absätze an den Schuhen ist sie kleiner, als Fotos und Filme glauben machen. Sehr bestimmt wirkt sie – und dann doch fast schüchtern. Was also streben die Femen-Frauen in Frankreich an? Bringen Aktionen, Provokationen, Nacktheit die feministische Sache voran? „Wir theoretisieren nicht gern, wir handeln lieber“, sagt Schewtschenko. Die Frauen erklimmen die nächste Holzstiege, die in den unterm Dach liegenden Wohnbereich führt. Als sie sich außer Hörweite wähnen, kichern sie.
Tags darauf ist Schluss mit lustig. Im Theater wird der Film von Caroline Fourest gezeigt. Die Regisseurin hat die Brutalität weißrussischer Polizisten festgehalten, die die Aktivistinnen nach einer Kundgebung vor dem Sitz des Geheimdienstes in Minsk misshandelten und nackt in einem verschneiten Wald aussetzten. Schewtschenko ist zu sehen, wie sie in Kiew mit einer Motorsäge ein hölzernes Christuskreuz fällt – eine Aktion, der eine Anzeige wegen Blasphemie, ein Haftbefehl und die Emigration nach Frankreich folgen sollten. Die Ägypterin Aliaa Magda Elmahdy kommt zu Wort, die in Schweden vor der Botschaft ihres Landes nackt gegen die Unterdrückung muslimischer Frauen protestierte. Als das Licht im Saal angeht, steht eine Zuschauerin auf. „Ich bin auch Muslimin, ich würde gern bei euch mitmachen“, sagt sie. Beifall brandet auf. Schewtschenko bittet sie auf die Bühne.

Auch Männer sind gekommen. Der mit dem Abdruck der Mohammed-Karikaturen ins Rampenlicht getretene Chefredakteur des Satiremagazins Charlie Hebdo, Stéphane Charbonnier, preist das Matriarchat als notwendigen Zwischenschritt zur Gleichberechtigung. „Männer dürfen bei Femen prinzipiell mitmachen, sind bei Aktionen aber unnütz“, stellt Schewtschenko klar.

Die Aktionen, von denen Schewtschenko spricht, werden in Frankreich jedoch unterschiedlich wahrgenommen. Frankreich ist keine Diktatur, so wie es von der Ukraine oft gesagt wird. Die von Femen geforderte Trennung von Staat und Kirche ist hier längst vollzogen. Nur drei bis vier Prozent der Bevölkerung gelten als praktizierende Katholiken. Auch gibt es im Land eine starke Frauenbewegung, die gesellschaftliche Debatten anstößt. Heftig gestritten wird zurzeit etwa darüber, ob Prostitution als freie Entscheidung der Frau über ihren Körper zu akzeptieren oder als patriarchale Ausbeutung strafrechtlich zu verfolgen ist. Wäre es da nicht nötig, das in der Ukraine entwickelte Konzept zu überdenken und an das westeuropäische Umfeld anzupassen?

„Schwafle nicht!“

Eine Aktivistin mit Plastikblumenkranz im Haar quittiert die Frage, ob Femen in Frankreich so wie in der Ukraine vorgehen könne, erst mit Ungläubigkeit, dann mit Missbilligung, ja Verachtung. „Schwafle nicht, formuliere bitte eine konkrete Frage“, fordert die Frau. Noemi Lendomer ist gnädiger. Die 20-Jährige hat sich Femen angeschlossen, weil ihr Freund sie verprügelte. Sie sagt, sie habe begriffen, „dass Gewalt gegen Frauen letztlich ein gesellschaftliches Problem ist“. Patriarchalische Strukturen gebe es überall, in der Ukraine wie in Frankreich. In einer von den Medien bestimmten Welt habe Femen die Konsequenzen gezogen und bediene sich der Medien, so wie sich diese der Frau als Sexobjekt bedienten.

Mit dem Umzug von Femen nach Paris ist in Frankreich eine Debatte entbrannt. Um ihren Beitrag zu leisten, haben Schewtschenko und drei Gründungsmitglieder mit der Journalistin Galia Ackerman nun ein Buch geschrieben. Es gilt als Versuch, intellektuellen Inhalt zu liefern, ohne den man in Paris kaum mitreden kann. Der Versuch wird von Frankreichs Feministinnen jedoch nicht immer gewürdigt. Vor allem das kriegerische Gehabe stoße ab, findet Clémentine Autain, Gründerin der Frauenrechtsbewegung Mix-Cité. Aber es gibt auch Zuspruch. Für die Soziologin Liliane Kandel hat Femen „gebracht, was uns hier fehlt: Courage nämlich“.

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