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Politik
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17. August 2014

Ferguson: Ein tief sitzender Rassismus

 Von Sebastian Moll
Demonstranten in Ferguson halten Schilder in die Höhe, mit denen sie auf die Vorgehensweise der Polizei aufmerksam machen wollen.  Foto: AFP

Innerhalb einer Woche also werden drei junge Afro-Amerikaner in verschiedenen US-Bundesstaaten erschossen. Die Häufung scheint ungewöhnlich, ist sie aber nicht.

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Der Fall des Teenagers Michael Brown, der am vorvergangenen Sonntag in Missouri von einem Polizisten niedergeschossen wurde, während er unbewaffnet nach Hause lief, hat in den USA und rund um die Welt für Empörung gesorgt.

Weniger Aufmerksamkeit bekam indes der Fall von Ezell Ford, der am selben Tag in Los Angeles erschossen wurde. Der geistig behinderte Junge wurde, und hier liegt die Parallele zu Brown, ebenfalls ohne ersichtlichen Grund von Polizisten zu Boden geworfen, die ihm danach in den Rücken schossen. Sein Verbrechen? Er lebte in einer „Problemgegend“ und war schwarz.

Nur Tage zuvor war in Dayton (Bundesstaat Ohio) John Crawford von Polizisten erschossen worden. Crawford war gerade dabei, seinem Sohn eine Spielzeugpistole zu kaufen. Die Beamten zogen die Waffen, ohne zu fragen, was Crawford vorhatte.

Innerhalb einer Woche also werden drei junge Afro-Amerikaner in verschiedenen US-Bundesstaaten erschossen. Die Häufung scheint ungewöhnlich, ist sie aber nicht. „Schwarze Männer“, schreibt Stephen Cotter auf dem Nachrichtenportal „The Root“, „werden in dieser Gesellschaft als gefährliche wilde Tiere angesehen. Ihnen wird weder Menschlichkeit noch Mitgefühl zugestanden.“

Das erste Mal, dass exzessive Polizeigewalt gegen Minderheiten in den USA nach der Bürgerrechts-Ära auf breite öffentliche Aufmerksamkeit stieß, war im Jahr 1990. Damals löste ein Video Unruhen auf den Straßen von Los Angeles aus, auf dem zu sehen war, wie Polizisten den Afro-Amerikaner Rodney King brutal zusammenschlugen.

In der Folge gaben verschiedene amerikanische Nichtregierungsorganisationen Studien über Menschenrechtsverletzungen durch die Polizei in Auftrag. Die Ergebnisse waren deprimierend. So kam Human Rights Watch in seinem Bericht zu dem Schluss, „dass exzessive Gewaltanwendung durch die Polizei gegen Afro-Amerikaner, asiatische Amerikaner, Indianer und Araber in den USA eines der größten Bürgerrechtsprobleme unserer Zeit“ ist.

Gebessert hat sich die Lage durch die Berichte und die gestiegene Aufmerksamkeit für das Thema freilich nicht. Im Gegenteil. Nach dem 11. September 2001 hat die Polizei stark aufgerüstet. Die Folgen bekommen in der Hauptsache die Minderheiten zu spüren. So sagte ein Vertreter der schwarzen Bürgerrechtsorganisation NAACP im Jahr 2006, dass „das Ausmaß der Polizeigewalt gegen Minderheiten in den USA so schlimm ist wie seit 50 Jahren nicht mehr.“


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Rodney King wurde 1990 von Polizisten brutal zusammengeschlagen. Bei einer Signierstunde im Jahr 2012 zeigt er, wie er zu Boden geschlagen wurde.  Foto: REUTERS

Zum gleichen Schluss kam ein Bericht der UN-Kommission zur Beseitigung von Rassendiskriminierung aus dem Jahr 2007. Darin hieß es, dass „die systematische Misshandlung von Afroamerikanern durch die Ordnungsmacht in den USA seit 2001 dramatisch angestiegen ist.“ Die US-Regierung, so der Bericht, komme ihrer Verpflichtung nicht nach, „exzessive Gewalt, Vergewaltigung, sexuellen Missbrauch und systematische Diskriminierung durch die Polizei zu verhindern und zu ahnden.“

Unter Afro-Amerikanern hat dieser Zustand zu einer tief sitzenden Ohnmacht geführt. Insbesondere Schwarze in vorwiegend schwarzen Wohngegenden fühlen sich in einer Art Belagerungszustand. So beklagte George Chapman, 50, aus Ferguson gegenüber dem Magazin „Time“, dass sein Ort bekannt für die Diskriminierung von Schwarzen sei: „Die Polizei respektiert uns nicht. Sie behandeln uns wie Dreck.“

Ferguson ist seit Jahren ein Pulverfass. In der nahen Millionenstadt St.Louis wohnen Schwarze und Weiße selten in den gleichen Stadtteilen zusammen. Innerhalb der vergangenen 20 Jahre hat es im Großraum St.Louis starke Wanderungsbewegungen gegeben. Die gut verdienende weiße Mittelschicht ist aus Außenbezirken geflohen, in die arme Schwarze zogen. Die Stadtregierung und -verwaltung, inklusive der Polizei, ist jedoch weiß geblieben. Ferguson liegt in unmittelbarer Nähe zu einem vornehmen weißen Wohngebiet, die Atmosphäre ist aufgeladen.

Der Gebrauch exzessiver Gewalt gegen die afro-amerikanische Minderheit hat laut dem UN-Bericht von 2007 eine lange Tradition, er geht auf die Kolonialzeit zurück. Mit der Militarisierung und Ermächtigung der Polizei nach 9/11 hat dieser Missbrauch jedoch eine neue Qualität gewonnen.

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Das Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft sitzt tief. US-amerikanische Intellektuelle sehen hinter der systematischen Gewalt gegen Minderheiten beunruhigende Mechanismen. So spricht der Journalist und Drehbuchautor David Simon mittlerweile von einem offenen Krieg des Landes gegen seine Armen und Unterprivilegierten, die zum Großteil ethnischen Minderheiten angehören. „Sie sind nutzlos für unsere Gesellschaft, weil sie oft schlecht ausgebildet sind und keine Arbeit finden“, sagt Simon, „doch anstatt sie zu integrieren sperren wir sie ein oder bringen sie gleich um.“

Es ist ein finsterer Blick auf Amerika. Doch wenn man dieser Tage auf Ferguson, Los Angeles oder Ohio schaut, erscheint er nicht abwegig.

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