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24. August 2014

Ferguson: Sechs Schüsse auf Michael Brown

 Von Claus Leggewie
Kinder protestieren gegen die alltägliche rassistische Praxis in Ferguson.  Foto: AFP

Der rassistische Vorfall in Ferguson testet die Lernfähigkeit von Barack Obamas Amerika. Doch der langjährige Beobachter ist geneigt festzustellen, dass der Rassenkonflikt in den USA längst nicht beseitigt ist.

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Im Sommer vor fünfzig Jahren brannten in vielen Städten der USA schwarze Nachbarschaften, und der damals bekannteste „Neger-Schriftsteller“ James Baldwin umschrieb die explosive Lage in „The Fire Next Time“ mit den Worten, Gettos könne man nicht verbessern, nur auflösen. Und ihn interessierte weniger, welcher Schwarze einmal Präsident der Vereinigten Staaten werden könne als die Frage, wie dieses Land aussehen werde, wenn es dann der Fall wäre.

Der Fall ist eingetreten. Barack Obama ist schon in der zweiten Amtsperiode, und seit 1964 hat sich allem Anschein nach nichts verändert – und dennoch einiges. Die Riots in Ferguson/Missouri bestätigen die Hartnäckigkeit des Rassismus in den USA, eine Art Geburtskrankheit der amerikanischen Republik. Wo nicht gerade wieder der paranoide weiße Hausbesitzer einen dunkelhäutigen „Trespasser“ (also Eindringling oder Gesetzesübertreter) niederschießt, ist er institutioneller Natur, wie immer wieder die Übergriffe der überwiegend weißen Polizei gegen junge Afro-Amerikaner belegen.

Die Anlässe sind oft trivial und meist zu speziell, um daraus auf die Lage der Nation generell zurück zu schließen; wohl aber ist der langjährige Beobachter geneigt festzustellen, der Rassenkonflikt in den USA gehöre offenbar zu jenen Übeln, die sich in einer Lebensspanne nicht beseitigen lassen. Eher fiel eine Mauer in Berlin und ging die Sowjetunion unter.

Dennoch hat sich seit 1964 viel verändert: Die schwarze Mittelschicht ist gewachsen, es gibt mehr gemischtrassige Ehen und mehr Menschen, die sich als „multiracial“ deklarieren und damit das von Richard Nixon etablierte Korsett der Rassengliederung unterwandern. Mittlerweile haben die hispanische und chinesische Einwanderung den überkommenen Dualismus zwischen Weißen und Schwarzen in eine multikulturelle Konfliktformation transformiert, in der sich beispielsweise Koreaner und Schwarze misstrauen, christliche, jüdische und muslimische Konservative in der Religiösen Rechten treffen und „kaukasische“ Bewerber heftig mit Asian-Americans um Studienplätze konkurrieren.

Claus Leggewie, Jahrgang 1950, ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen und hat zwischen 1995 und 1998 in New York gelehrt. Zuletzt erschien von ihm in der Zeitschrift „Merkur“ (Juli 2014) eine Erinnerung an James Baldwin.  Foto: Christoph Boeckheler

Der offene Rassismus, der aus den Tiefen der US-Geschichte und namentlich des Bürgerkrieges kommt, ist einer Vorurteilsstruktur gewichen, die sich am angeblichen Missbrauch von Wohlfahrtsleistungen durch Schwarze und an Maßnahmen der „affirmative action“ (der Förderung zur Steigerung des Anteils von Minderheiten im Bildungssystem) aufhängt. Rassisten bekämpfen jetzt eher den Bundesstaat, der die Sozial- und Bildungsprogramme verantwortet, und dabei sind nicht länger die Südstaaten-Demokraten, sondern die Grand Old Party Abraham Lincolns, die Republikaner, der Hort der weißen Suprematiebestrebungen und Phobien.

In diesem Milieu, das sich durch den monokulturellen Zuschnitt der Wahlkreise („gerrymandering“) und durch die Einigelung in „gated communities“ zusätzlich homogenisiert, trifft man im Alltagsleben kaum noch auf Schwarze. Und wenn doch, verriegelt man rasch die Türen des SUV.

Die Erwartungen an die Demokraten, sie könnten den latenten Bürgerkrieg beenden, sind seit Kennedy stets enttäuscht worden. Jimmy Carter hat am meisten nach seiner Amtszeit als Privatmann getan, Bill Clinton beendete den Wohlfahrtsstaat, wie wir ihn kannten, und an Barack Obama wurden schon gar keine großen Erwartungen mehr herangetragen. Seine Aufrufe gegen Rassismus, festgemacht an Ikonen wie Martin Luther King und Nelson Mandela, blieben Rhetorik, die das bittere Gefühl, ungerecht und unfair behandelt zu werden, bei den Leidtragenden nicht beseitigen konnten. Indem Obama den staatlichen Mord in Ferguson als tragisch charakterisiert, lenkt auch er von den strukturellen Grundlagen der Rassendiskriminierung ab.

Vorurteilsstruktur und Misstrauen

Wahr ist allerdings auch, dass die Macht des Bundesstaates und seiner Administration kaum an die lokalen Wurzeln und Umstände heranreichen, die das Feuer immer wieder auflodern lassen. Nicht Obama, sondern der Gouverneur von Missouri hat die Nationalgarde anrücken lassen, angeblich zum Schutz der Polizisten. Der Anblick schwerster Waffen (darunter Panzerfahrzeuge) und die martialische Erscheinung der bis an die Zähne bewaffneten Polizei sind nicht gerade geeignet, die explosive Lage zu beruhigen. Solche Bilder heizen den Verfolgungswahn an, der in den letzten fünfzig Jahren trotz einer eher sinkenden Kriminalität und der insgesamt nachlassenden Rassendiskriminierung weiter zugenommen hat.

Immer mehr igelt sich Amerika in einer „Kultur der Angst“ ein, die von rechtsgerichteten Bild- und Printmedien am Leben gehalten wird. Der Einmarsch der Nationalgarde unterstrich bei vielen Schwarzen das Gefühl, ihre Behandlung sei Teil des „Krieges gegen den Terror“.

Fatal ist die Unsicherheit, die Repräsentanten des staatlichen Gewaltmonopols ausstrahlen. Holen die einen den Knüppel brutaler Abschreckung und Repression heraus, fordern andere zu friedlichen Demonstrationen zur Sicherung der Meinungsfreiheit auf. Dass am Opfer Michael Brown gleich drei Autopsien vorgenommen wurden, belegt das gegenseitige Misstrauen der Sicherheitskräfte. Doch selbst dieses Durcheinander zeigt an, dass auch sie gelernt haben und Strategien der Deeskalation entwickeln könnten, wenn sie denn entschieden genug dazu angehalten würden.

Zu Beginn ist es meist friedlich: „Justice for Michael“ und „Hands up, don’t shoot“ steht auf den Schildern der Demonstranten.  Foto: dpa

Verheerend ist bei all dem die Suburbanisierung der USA. Ferguson ist infolge der Stadtflucht aus der benachbarten Metropole St. Louis heute zu mehr als zwei Dritteln von Schwarzen bewohnt. Dieser demografische Wandel spiegelt sich nicht im Mindesten wider in der Machtverteilung im City Council, dem Stadtparlament, und in den School Boards, im Schulamt und den Schulausschüssen, erst recht nicht in der städtischen Polizei, in der ganze sechs Prozent Afro-Amerikaner sind. Überproportional ist lediglich die Zahl der Schwarzen, die bei Fahrzeugkontrollen angehalten werden, und Racial Profiling, der Generalverdacht gegen Schwarze, ist eine landesweite Praxis.

Es gibt derzeit keinen Repräsentanten oder ein Idol der Afro-Amerikaner, die in dieser Situation Hoffnung machen könnten. Unter den Demonstranten in Ferguson, die sich (wie Michael Brown im Augenblick seines Todes) mit erhobenen Händen der staatlichen Übermacht entgegenstellen, waren bekannte Führungsfiguren wie Al Sharpton und Reverend Jesse Jackson. Sie verkörpern eine ältere Generation, die schon die Unruhen von 1964 und in den 1970er Jahren miterlebt haben.

Eine Zeit lang war die Meinungsführerschaft an die Stars des HipHop übergegangen, nun müssten neue Persönlichkeiten heranwachsen, die dem Protest eine Stimme geben und die afro-amerikanischen Gemeinschaften aus dem Teufelskreis von Benachteiligung und Selbstschädigung herausholen.

Das war auch Obamas Absicht. Doch dazu gehörte, die Rassenfrage wieder als Klassenfrage zu betrachten. Die Kulturalisierung der Kritik hat viele vergessen lassen, wie polarisiert die US-Gesellschaft im Blick auf die Einkommens- und Vermögensverhältnisse ist und wie stark Status und Bewusstsein der Afro-Amerikaner durch die wachsende soziale Kluft vorbestimmt sind. Dazu zählt, dass immer weniger von ihnen wählen gehen und aktiv auf die Machtverteilung Einfluss zu nehmen versuchen.

Barack Obama hat bisher nicht viel bewirken können. Für einen Präsidenten, der in die Geschichte eingehen möchte, wäre mehr Engagement erforderlich, damit der erste schwarze Präsident auch eine andere Nation repräsentierte. Und der weiße Teil dieser Nation muss endlich begreifen, was James Baldwin auch schon vor fünfzig Jahren formuliert hat: Dass sie nicht den Schwarzen zuliebe, sondern um ihrer eigenen Würde willen vom alltäglichen Rassismus und vom Beharren auf ihrer Vorherrschaft Abstand nehmen muss.

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