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13. Dezember 2012

Feuertod des Asylbewerbers Oury Jalloh: Geldstrafe gegen Jalloh-Bewacher

 Von Bernhard Honnigfort
Bürgerinitiativen und Angehörige des in Polizeigewahrsam verbrannten Oury Jalloh werfen der Polizei Mord vor. Foto: dapd

Fahrlässige Tötung: So lautet das Urteil im Prozess um den Feuertod des Asylbewerbers Oury Jalloh gegen einen Polizisten. Der Beamte muss 10.800 Euro Geldstrafe zahlen.

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Magdeburg –  

Draußen vor dem Landgericht liegen Kreuze auf der Eingangstreppe, Dutzende Demonstranten rufen „Oury Jalloh, es war Mord“. Drinnen spricht Richterin Claudia Methling am Donnerstagnachmittag nach 66 Verhandlungstagen das Urteil: Wegen fahrlässiger Tötung muss der Polizist Andreas S. 10800 Euro Strafe zahlen. Er war Wachhabender an jenem 7. Januar 2005, als der Afrikaner Oury Jalloh im Keller einer Dessauer Polizeiwache in einer Gewahrsamszelle verbrannte.

Der 21-jährige Asylbewerber aus Sierra Leone war mit drei Promille Alkohol und Kokain im Blut von Polizisten eingeliefert worden, nachdem er frühmorgens Frauen in einem Park belästigt haben soll. Polizist S. hätte den Festgenommenen, der randaliert und um sich geschlagen hatte, beobachten lassen sollen, sagt die Richterin. Er sei verantwortlich gewesen für den Mann. Drei Jahre zuvor war in der Zelle schon einmal ein Schwerbetrunkener an schweren Kopfverletzungen gestorben. In Kenntnis dieses Falles, so Richterin Methling, hätte der Polizist anders handeln müssen.

Ungereimtheiten bleiben

Auch nach Ende des langen Verfahrens bleiben unangenehme Fragen. Im Gericht unterbrechen Zuhörer am Donnerstag mehrfach die Urteilsbegründung der Richterin mit höhnischem Gelächter oder Mord-Rufen. Der Fall Jalloh hat die Öffentlichkeit tief gespalten, Amnesty International sprach nach dem Urteil von ungerechtfertigter Polizeigewalt und forderte unabhängige Ermittlungen.

Tatsächlich häufen sich die Ungereimtheiten. Videoaufnahmen sind verschwunden, ebenso eine Handfessel, mit der Jalloh angekettet war. Unklar bleibt, wieso der Afrikaner in der Zelle ein Feuerzeug bei sich haben konnte. Das Gericht konnte die Herkunft des Feuerzeuges nicht klären. Jalloh war vor der Fesselung von Polizisten durchsucht worden. Unklar ist bis heute auch, wie er – an Händen und Füßen angebunden – die Matratze in Brand gesteckt haben soll. In der Wache war danach zweimal der Feueralarm angesprungen und vom Dienstgruppenleiter S. ausgeschaltet worden. Er ging nicht zur Zelle, um nachzusehen, was geschehen war. Im Prozess hatten mehrere Polizisten ausgesagt, es habe dort öfter falschen Alarm gegeben.

Angehörige und Bürgerinitiativen, die sich seit Jahren mit dem Fall befassen, werfen der Polizei Mord vor. Die Anwälte der Nebenklage, die die Familie Jallohs vertreten, gehen davon aus, dass der junge Mann angezündet wurde.
In einem ersten Verfahren vor dem Landgericht Dessau waren vor drei Jahren die beiden diensthabenden Polizisten vom Vorwurf der Körperverletzung mit Todesfolge freigesprochen worden. Ein Urteil, das seinerzeit Tumulte im Gericht und Proteste von Menschenrechtsorganisationen auslöste. Der damalige Richter hatte in seiner Urteilsbegründung deutliche Kritik an den Polizisten formuliert, die als Zeugen geladen waren. Sie hätten widersprüchlich oder gar nichts ausgesagt und die Aufklärung des Falles unmöglich gemacht. Der Bundesgerichtshof hob 2010 das Urteil gegen S. auf und ordnete eine neue Verhandlung an.

In dem seit Januar 2011 laufenden Berufungsverfahren hatte die Staatsanwaltschaft eine Geldstrafe von 6 300 Euro wegen fahrlässiger Tötung für den Angeklagten gefordert. Ob der Polizist Jalloh hätte retten können, wenn er sofort zur Zelle gelaufen wäre, lässt sich nach Ansicht der Anklage nicht beantworten.

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