Die Grünen fordern Premierminister John Cowen zu Neuwahlen auf. Sonst - so drohen sie - wollen sie die Koalition mit der Regierungspartei Fianna Fail verlassen. Bis zum 7. Dezember muss Cowen handeln.
Brian Cowen sieht sich mit der Forderung nach Neuwahlen konfrontiert.
Foto: REUTERS
Brian Cowen sieht sich mit der Forderung nach Neuwahlen konfrontiert.
Foto: REUTERS
Dublin/Brüssel –
"Verräter" – nur dieses eine Wort stand auf dem Plakat, das eine Frau im Regierungsviertel aufhängte. Am Tag, nachdem die hoch verschuldete irische Republik sich ins Unvermeidliche gefügt hatte, richteten sich Ärger und Enttäuschung weniger gegen den Internationalen Währungsfonds (IWF) und EU-Länder wie Deutschland, die das Land gegen seinen Willen unter den Schutzschirm gedrängt hatten.
Die Wucht des Zorns traf vielmehr die eigene Koalitionsregierung aus Fianna Fail und Grünen. Premier Brian Cowen, hieß es, habe die Insel um ihren Stolz und ihre Stabilität gebracht. Laut Eamon Gilmore von der oppositionellen Labour-Partei stellte die Ankunft des IWF auf der Insel „die dunkelste Woche in der Geschichte des Landes seit Ende des Bürgerkriegs“ dar. Cowens Wirtschaftsentscheidungen der vergangenen Jahre nannte er eine Politik der vernachlässigten Sorgfaltspflicht.
Wie es weitergeht
Experten der EU und des Internationalem Währungsfonds (IWF) arbeiten bis spätestens Anfang nächster Woche ein Hilfspaket für Irland aus.
Darin legen sie fest: 1. die Höhe des irischen Finanzbedarfs; 2. nach welchem „Fahrplan“ und mit welchen Summen die beteiligten Instanzen – IWF, EU-Kommission (EFSM), Europäischer Rettungsschirm (EFSF) und einzelne Staaten (Großbritannien und Schweden) – einspringen; 3. die Bedingungen, die Irland erfüllen muss, um Anspruch auf Unterstützung zu haben.
Diesem Hilfspaket muss zunächst die Regierung in Dublin zustimmen. Danach müssen es die Geber – IWF-Direktorium, die Parlamente der bilateralen Helfer und die Finanzminister der EU – akzeptieren. Letztere beauftragen dann EFSF und EFSM, die nötigen Mittel am Kapitalmarkt zu besorgen. Der Rettungsschirm bedient sich dabei der Hilfe der Deutschen Schuldenagentur.
Das Geld wird bei der EZB „geparkt“ und peu à peu an die Iren ausgezahlt. Die Eurostaaten bürgen den Kreditgebern dafür, dass sie ihr Geld zurückbekommen. Der deutsche Steuerzahler wäre also erst gefordert, wenn Irland die aufgenommenen und verzinsten Darlehen nicht zurückzahlen könnte.
Mehr zum Thema im FR-Spezial Wege aus der Krise.
Der Premierminister musste sich auf einer Pressekonferenz öffentlich als Lügner beschimpft lassen. Er hatte zehn Tage lang die Notwendigkeit jeglicher Finanzhilfe bestritten, auch dann noch, als das Ende längst absehbar war. „Ich kann nicht akzeptieren, dass ich der Buhmann bin, den Sie suchen“, erwiderte der Premier. Er rief seine Landsleute auf, trotz der enormen finanziellen Probleme den Glauben an eine bessere Zukunft nicht zu verlieren.
Für ihn und seine Partei Fianna Fail, die 53 lange Jahre ihrer 84-jährigen Geschichte an der Macht war, wird es kaum eine Zukunft geben. Der kleine Koalitionspartner, die Grünen, kündigten am Montag das Regierungsbündnis auf. Sie fordern Neuwahlen im Januar, und Cowen musste am Abend einwilligen, in zwei Monaten das Parlament aufzulösen.
„Wir haben den Punkt erreicht, an dem das irische Volk politische Sicherheit braucht, um über die kommenden beiden Monate hinwegzukommen“, hieß es in einer Mitteilung der Grünen. Partei-Chef John Gormley bedauerte, dass sich „das Land in den Händen des IWF befinde“. Seine Partei habe die Entscheidung für einen Bittgang bei den internationalen Geldgebern allerdings „im nationalen Interesse mitgetragen“. Schon am Nachmittag waren rund 100 Iren mit dem Ruf „Raus, Raus, Raus! “ durch Dublins Straßen gezogen.
Die Situation hat sich damit über Nacht von einem finanziellen Desaster zu einer schweren Regierungskrise ausgeweitet: Cowens Bündnis hat schon jetzt nur eine winzige Mehrheit von drei Sitzen, die am Donnerstag auf zwei schrumpfen wird. Dann kommt es in der Provinz Donegal zu Nachwahlen. Dem Kandidaten der republikanischen Sinn Fein ist der Sieg nach einer Woche, in der der Regierung der Rest an Glaubwürdigkeit abhanden kam, kaum noch zu nehmen. Am Mittwoch wollen Cowen und sein Finanzminister Brian Lenihan ihren Vier-Jahres-Plan vorstellen. Die Gewerkschaften haben bereits Widerstand angekündigt.
Schon 2009 hatte die Regierung, die 19 Milliarden mehr ausgibt, als sie einnimmt, die Gehälter im öffentlichen Dienst um bis zu zwölf Prozent gekappt. Nun sollen bis 2014 erneut 15 Milliarden Euro gespart werden. Die Entbehrungen werden alle Bürger treffen: Der Mindestlohn von 8,65 Euro steht auf der Kippe, und Steuervergünstigungen für Besserverdienende werden gestrichen. Ob der Haushalt für 2012, der am 7. Dezember folgen wird, noch eine Mehrheit im Parlament finden wird, steht in den Sternen: die beiden unabhängigen Abgeordneten der Koalition stellten vorsorglich ihre Unterstützung für den Haushalt infrage.
Die Etappen der Euro-Krise
Bildergalerie ( 26 Bilder )
Die Etappen der Euro-Krise
25. März 2010: Die Eurogruppe sagt Athen ein Hilfspaket aus Krediten unter Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu. Eine Taskforce unter Leitung von EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy wird eingesetzt, um eine Reform des Stabilitätspakts auszuarbeiten.
Foto: REUTERS
23. April 2010: Griechenland beantragt das Hilfsprogramm. Das Land hat Schulden in Höhe von 300 Milliarden Euro angehäuft. Schnell ist klar: Allein können sich die Hellenen nicht retten.
Foto: REUTERS
Obwohl der griechische Premierminister Giorgos Papandreu sofort drastische Einschnitte vor allem in der Sozial- und Rentenpolitik anordnet, muss Griechenland die anderen EU-Staaten um Hilfe bitten. 2. Mai 2010: Die Eurogruppe beschließt Notkredite von 110 Milliarden Euro für Athen.
Foto: dpa
7. Mai 2010: Trotz des Rettungsschirms für Athen rauscht der Euro weiter in den Keller. Spanien und Portugal drohen, in den Sog zu geraten. Weltweite Kursverluste schüren die Nervosität. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) warnt vor einer „systemischen Krise“. Die EU-Staats- und Regierungschefs beschließen einen Rettungsschirm für die gesamte Eurozone. 10. Mai: Die EU-Finanzminister einigen sich auf einen 750 Milliarden Euro schweren Abwehrschirm unter Beteiligung des IWF. Angela Merkel will die Hilfen für das hochverschuldete Griechenland an harte Auflagen knüpfen. Am Ende schnürt die EU ein Hilfspaket von 110 Milliarden Euro - davon zahlt Deutschland 22,4 Milliarden.
Foto: REUTERS
18. Oktober 2010: Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt ihre Forderung nach automatischen Sanktionen fallen und erhält Rückendeckung von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy für Vertragsänderungen sowie eine Beteiligung privater Gläubiger an einem permanenten Rettungsmechanismus. Der Beschluss zur Einbeziehung von Investoren jagt die Risikoaufschläge auf Staatsanleihen für Euro-Sorgenkinder in die Höhe.
Foto: REUTERS
Vor Ort eskaliert die Situation: Aus Ärger über die harten Einschnitte ihrer Regierung rufen die Griechen einen Generalstreik aus.
Foto: AFP
Tausende Menschen sind auf den Straßen, manche verbrennen EU-Flaggen, so wie hier.
Foto: dpa
Trotz der Kredite kann Griechenland nicht aufatmen: Das Land muss sich in den nächsten Monaten von Grund auf sanieren. Auch, wenn das unbequem für die Bevölkerung wird.
Foto: AFP
Während der Proteste zünden Demonstranten auch eine Bank an. Dabei sterben drei Angestellte in den Flammen - ein Jahr später werden Blumen zum Gedenken niedergelegt.
Foto: dpa
29. Oktober 2010: Der EU-Gipfel gibt grünes Licht für begrenzte Vertragsänderungen und eine Gläubigerbeteiligung. Die Finanzmärkte reagieren nervös, Irland gerät immer stärker unter Druck. 21. November: Irland beantragt Hilfe aus dem Euro-Rettungsschirm.
Foto: REUTERS
Über Jahre hinweg galt Irland als wirtschaftlicher Musterschüler der EU. Als Grund für die jetzigen Probleme sehen Experten unter anderen die außergewöhnlich niedrige Unternehmenssteuer von 12,5 Prozent, mit deren Hilfe der Inselstaat über Jahre Firmengründer aus dem Ausland anlockte. 28. November: Die EU-Finanzminister gewähren Dublin ein Hilfspaket von 85 Milliarden Euro.
Foto: dpa
Ein anderer Grund für Irlands Probleme sind die Milliardenkredite, die der irische Staat seinen Banken in der Zeit nach dem Zusammenbruch von Lehmann Brothers gewähren musste.
Foto: dpa
Der Antrag auf EU-Finanzhilfen hat in Irland auch eine Regierungskrise ausgelöst: Die Grünen kündigten ihren Rückzug aus der Koalition an und forderten Neuwahlen von Premier Brian Cowen.
Foto: REUTERS
Der Chef der Europäischen Zentralbank Jean-Claude Trichet sorgt sich um die Stabilität des Euro.
16. Dezember: Der EU-Gipfel beschließt eine begrenzte Änderung des Lissabon-Vertrags und das Aufspannen eines permanenten Rettungsschirms für die Zeit ab 2013.
4. Februar 2011: Der EU-Gipfel gibt grünes Licht für Merkels „Pakt für den Euro“. Mit ihm verpflichten sich die Regierungschefs der Währungsunion zu Strukturreformen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.
14. Februar: Die Finanzminister der Euro-Staaten einigen sich darauf, den permanenten Rettungsschirm mit 500 Milliarden Euro verfügbaren Mitteln auszustatten.
Foto: AFP
15. März 2011: Die EU-Finanzminister segnen die geplante Reform des Euro-Stabilitätspakts ab, die frühere und härtere Sanktionen gegen Defizitsünder einführt. Das Parlament muss der Reform bis zum Sommer zustimmen. Experten fürchten, die "griechische Krankheit" könnte als nächstes Portugal erwischen.
Foto: dpa
Das Kabinett von Premierminister Jose Socrates hat für Portugal gerade einen harten Sparhaushalt beschlossen und hofft, so die Krise noch abwenden zu können.
23. März 2011: Einen Tag vor dem EU-Gipfel bricht die portugiesische Regierung im Streit über ein geplantes Sparprogramm auseinander.
25. März 2011: Der EU-Gipfel verabschiedet ein Gesamtpaket zur Überwindung der Schuldenkrise. Dazu gehören der permanente Rettungsschirm, eine Schärfung des Stabilitätspakts und ein neuer „Euro-Pakt-Plus“, mit dem sich die Regierungschefs zu Strukturreformen verpflichten.
Foto: REUTERS
Moody's hat die Bewertung der Bonität von Portugal im April 2011 um eine Note von A3 auf BAA1 gestuft. Zum Vergleich: Deutschland hat die Höchstnote «AAA» von Standard & Poor's.
6. April 2011: Die portugiesische Regierung bittet die EU um Finanzhilfen.
3. Mai 2011: Der portugiesische Ministerpräsident José Sócrates erklärt, dass sein Land die Verhandlungen um ein 78-Milliarden-Euro- Hilfspaket abgeschlossen habe.
Foto: dpa
6. Mai 2011: Ein informelles Treffen einiger Euro-Finanzminister in Luxemburg befeuert die Debatte über die Schuldenkrise. Gerüchte über Erwägungen der griechischen Regierung, aus dem Euro auszutreten, werden dementiert.
Foto: dapd
13. Juni 2011: Die Ratingagentur Standard & Poor's senkt die griechische Kreditwürdigkeit um drei Stufen - von B auf CCC.
Foto: dpa
05. Juli 2011: Das Bundesverfassungsgericht befasst sich mit Klagen gegen den Euro-Rettungsschirm. Die obersten Richter müssen entscheiden, ob die Griechenlandhilfen gegen das Grundgesetz oder gegen europäisches Recht verstoßen.
Foto: dpa
Der Ruf nach einer europäischen Ratingagentur wird lauter - ebenso die Kritik an den drei großen US-Ratingagenturen.
Foto: dpa
15. Juli 2011: Beim zweiten europäischen Banken-Stresstests fallen acht Kreditinstitute durch. Deutsche Banken sind nicht darunter.
Foto: dapd
21. Juli 2011: Beim Sondergipfel beschließen die Eurostaaten ein zweites Hilfspaket für Griechenland.
Foto: dpa
21. September 2011: Die Ratingagentur Standard & Poor's stuft die Kreditwürdigkeit von sieben italienischen Kreditinstituten ab und droht damit, dass dies auch bei acht weiteren Häusern geschehen könnte. Italien hat derzeit 1890 Milliarden Euro Schulden, das sind 120 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.
Foto: dapd
29. September 2011: Der Bundestag stimmt über den erweiterten Euro-Rettungsschirm EFSF ab. Der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou reist in den Tagen zuvor nach Berlin, um Kanzlerin Merkel von den Sparanstrengungen Griechenlands zu überzeugen.
Foto: dapd
Die Auswirkungen der Finanzkrise ebben 2009 langsam ab, da rollt die Euro-Krise auf Europa zu. Oktober 2009: Die neue griechische Regierung revidiert die Angaben über die Staatsverschuldung drastisch nach oben. Das Vertrauen in die Staatsfinanzen beginnt zu sinken.16. Dezember: S&P stuft als zweite Bewertungs-Agentur Griechenlands Kreditwürdigkeit herab. Spekulationen auf eine Staatspleite werden beflügelt. Der Euro bricht ein.
Foto:
dpa
Fotostrecken Politik
Fotostrecken Politik
Fotostrecken Politik
Linkspartei in der Krise
Fotostrecken Politik
Fotostrecken Politik
Cowen kann sich auch deshalb kaum aus der Verantwortung ziehen, weil er von 2004 bis 2008 Finanzminister war. Er unternahm in dieser Funktion nichts oder zu wenig gegen den gefährlich aufgeblähten Bausektor, den Kasinokapitalismus der Banken und waghalsige Kreditvergabe. Heute muss er ein Defizit verwalten, das 32 Prozent der Wirtschaftsleistung Irlands beträgt. Die Rettung der ganz- oder teilverstaatlichten Banken kann 50 Milliarden Euro kosten. Irlands Arbeitslosigkeit stieg binnen fünf Jahren von vier auf 14 Prozent an.
Das Einzige, das der Premierminister bislang mit Erfolg verteidigen konnte, ist die in Europa unvergleichlich niedrige Unternehmenssteuer von 12,5 Prozent – ein wirtschaftliches Heiligtum der Insel, das für die Ansiedlung ausländischer Großunternehmen verantwortlich war. Selbst Kritiker der Regierung glauben, dass es in der jetzigen Krisenzeit unverantwortlich wäre, der Insel ihren kleinen Wettbewerbsvorteil zu nehmen. Nachdem Irland am Sonntag bereits seine Finanzhoheit an IWF und EU abgegeben hat, würde der Eingriff von außen ins Steuersystem einen weiteren schweren Schlag fürs Selbstbewusstsein der Nation bedeuten.