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27. März 2013

Fixierung in der Pflege : Gefangen in der eigenen Wohnung

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Das Thema freiheitsentziehende Maßnahmen in den eigenen vier Wänden darf nicht länger tabuisiert werden, fordert Thomas Klie.  Foto: dpa

Nicht nur in Pflegeheimen, sondern auch in der häuslichen Pflege werden alte Menschen fixiert. Überforderte Angehörige glauben, es nur so zu schaffen. Experten kritisieren diese Zwangsmaßnahmen scharf und fordern mehr Problembewusstsein.

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Die alte Frau saß gefesselt auf einem Stuhl im Wohnzimmer. Den Pflegedienst hatte die berufstätige Tochter am Telefon gebeten, ihre Mutter nach der Versorgung wieder festzubinden. So sollte die Greisin dann stundenlang verharren, bis sie von ihrer Tochter nach der Arbeit wieder befreit würde. „Das ist der extremste Fall einer Fixierung im häuslichen Bereich, von dem ich gehört habe“, erzählt Gabriele Tammen-Parr von der Berliner Beratungsstelle Pflege in Not.

Fixierungen, das kennt man aus Pflegeheimen, wenn alte Menschen zur Vorbeugung von Stürzen mit Gurten an ihren Betten festgebunden werden, in Rollstühlen sitzen müssen, obwohl sie laufen können, oder Psychopharmaka bekommen, damit sie nicht so unruhig sind. Doch auch in den eigenen vier Wänden werden viele Pflegebedürftige fixiert, weil Angehörige glauben, es nur so zu schaffen. Doch häusliche Fixierungen sind nach Ansicht von Experten nichts anderes als Zwangsmaßnahmen, so gut gemeint sie auch seien.

Angst um den Kanarienvogel

Es gibt keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele ältere Menschen in Deutschland in ihren eigenen vier Wänden eingeschlossen, festgebunden oder anders in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden. Nach einer Untersuchung des Freiburger Rechtswissenschaftlers und Gerontologen Thomas Klie gilt das für etwa fünf bis sieben Prozent der Pflegebedürftigen. Das ergab eine Befragung der Evangelischen Hochschule zusammen mit der Fachhochschule Frankfurt am Main unter Pflegediensten.

Wie viele Menschen tatsächlich betroffen sind, kann niemand seriös sagen. Zwei Drittel aller Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt. Und die meisten Angehörigen kümmern sich um ihre Verwandten ohne die Hilfe von ambulanten Diensten. Die psychische und physische Belastung für die Angehörigen, in der Regel Frauen, ist enorm.

Vor allem, wenn sie sich um einen Demenzkranken kümmern müssen. Viele wüssten sich dann nicht anders zu helfen, sagt Gabriele Tammen-Parr. „Eine Frau erzählte mir, dass ihre demente Mutter im Supermarkt immer alles aus den Regalen zieht, so schnell könne man gar nicht gucken. Also lässt sie ihre Mutter beim Einkaufen zu Hause und schließt die Tür ab.“ Sicher hätten manche ein schlechtes Gewissen dabei. „Als Problem wird das aber nicht erkannt.“

Diese Erfahrung bestätigt auch Ralf Suhr, Vorsitzender der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP). Die Unkenntnis bei diesem Thema sei weit verbreitet. „Selbst von Experten wird eine verschlossene Tür nicht immer als freiheitsentziehende Maßnahme verstanden.“ Bei Angehörigen fehle häufig zudem das Wissen darüber, dass auch kleine Dinge schwerwiegende Eingriffe sein könnten. Als Beispiel nennt er den weichen gemütlichen Sessel, „wo man Mutti am Morgen reinsetzt und aus dem sie ohne Hilfe nicht mehr rauskommt, weil sie zu schwach ist. Auch das ist eine Art von Freiheitseinschränkung.“


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Selbst gebastelte Fesselwerkzeuge

Thomas Klie weiß von improvisierten Gurten und anderen selbstgebastelten Heimwerker-Vorrichtungen, mit denen der demente Ehemann oder die unruhige Schwiegermutter ruhiggestellt werden sollen. Nicht immer sei Überforderung der Grund für die Zwangsmaßnahmen, sagt Klie.

So neigten Menschen mit Demenz dazu, die sogenannte gute Ordnung im Haus in Frage zu stellen. So fixierte eine Frau ihren Mann, weil er unruhig mit den Beinen wippte. Ihre Begründung: Der herumfliegende geliebte Kanarienvogel könnte sich verletzen. „Das meinte sie ernst. Es gelingt ihr nicht, das Leben mit einem Dementen in das eigene Leben zu integrieren.“

Der Pflegeexperte Suhr formuliert es positiv. Häufig sei der Auslöser für die Zwangsmaßnahmen ein sehr hohes Sicherheitsbedürfnis der Angehörigen. „Ich glaube der Diskurs, der angestoßen werden muss, ist die Balance zwischen Fürsorge auf der einen und Freiheitsrechte und Selbstständigkeit auf der anderen Seite.“ Während es eine breite Debatte über die Qualität und Standards der Heimpflege gebe, sei die Qualität in der häuslichen Versorgung weder in der Wissenschaft noch im gesellschaftlichen Diskurs ausreichend geklärt, kritisiert Ralf Suhr.

Als Vorwurf an die sich häufig aufopfernden Angehörigen wollen die Experten die Kritik an den Fixierungen nicht verstanden wissen. „Pflegen macht einsam“, sagt der Wissenschaftler Klie. Man verliere schnell die sozialen Kontakte. „Aber genau das ist eines der größten Risiken. Man muss sich entlastende Unterstützung holen.“ Dabei gibt es durchaus Anlaufstellen für pflegende Angehörige. „Die Pflegestützpunkte der gesetzlichen Pflegeversicherung und die Privaten Versicherungen leisten wunderbare Pflegeberatung. Leider kennen immer noch viel zu wenige Betroffene diese Einrichtungen“, sagt Suhr.

Einer Untersuchung der ZQP zufolge wussten nur zwölf Prozent der Befragten, dass es Pflegestützpunkte in Deutschland gibt. Unhaltbar sei auch, dass die Hilfe in jedem Bundesland unterschiedlich organisiert sei. „Diesen Dschungel muss der Gesetzgeber dringend lichten. Man kann den Angehörigen nicht zumuten, dass sie selbst den Weg durch das Dickicht finden müssen.“

Hilfe durch Technik

Manche Probleme lassen sich nach Ansicht Klies auch mit technischen Hilfsmitteln lösen. So gebe es Sensormatten, die klingeln, wenn die Großmutter nachts aufsteht. Ein Bettgitter würde damit überflüssig. GPS-Technik und Mobilfunkkommunikation können den Bewegungsradius von Dementen vergrößern. In jedem Fall müsse sich etwas ändern, fordert Klie. Das Thema freiheitsentziehende Maßnahmen in den eigenen vier Wänden dürfe nicht länger tabuisiert werden. Denn nichts sei falscher als die romantisierende Vorstellung von häuslicher Pflege, sagt Klie. Unter einem solchen Zerrbild litten Angehörige wie die zu Pflegenden.

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