In Washingtons Schlapphutjargon steht SAP nicht für einen deutschen Softwarekonzern, sondern für Special Access Programs – Amerikas geheimste Geheimdienstprogramme. Glaubt man James Clapper, einst US-Luftwaffengeneral, heute Aufklärungschef im Pentagon, dann gibt es nur ein Wesen im ganzen Universum, das alle SAP-Aktivitäten kennt: „Das ist Gott.“
Das Zitat stammt aus einer Artikelserie der Washington Post, die seit Montag in täglichen Folgen ein erschreckendes Bild von Amerikas gewaltigem Geheimdienstapparat zeichnet. „Top Secret America“ lautet die Überschrift, das streng geheime Amerika. Zwei Jahre lang hat die Zeitung jenen Diensten nachgespürt, die seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 beispiellos expandierten.
1271 Regierungsorganisationen und 1931 private Firmen, die sich mit der Terrorabwehr befassen, zählten die Reporter. Geschätzte 854000 Menschen haben Zugang zu Dokumenten der höchsten Sicherheitsstufe. Rund 50000 Lageberichte produzieren Amerikas Geheimdienste laut Washington Post jedes Jahr. Nicht alle würden gelesen.
Fragwürdige Ausgaben
Dafür liest und lauscht der elektronische Abhördienst NSA täglich bei unglaublichen 1,7 Milliarden E-Mails oder Anrufen mit. Verteilt über das ganze Land an 10000 Orten gibt es dem Bericht zufolge Außenstellen von „Top Secret America“, der geheimen Parallelwelt – mal in High-Tech-Bunkern, mal in schäbigen Hinterhofbüros. Epizentrum ist der Großraum Washington, wo die meisten der 16 US-Geheimdienste ihren Hauptsitz haben.
Was die Serie brisant macht, ist der schonungslose Blick auf den Wildwuchs der letzten Jahre. Zum ersten Mal wird in Washington nun die Expansion der Geheimdienste kritisch diskutiert. Selbst ausgewiesene Falken wie der republikanische Senator Christopher Bond sprechen von „fragwürdigen Ausgaben“ und „viel Desorganisation“. Wie beim Militär wurde auch beim Geheimdienst-Komplex seit 9/11 massiv aufgerüstet, entstanden immer neue Behörden und Programme. Bekannt wurden Lauschangriffe, CIA-Geheimknäste, Folter. Doch wie chaotisch und – laut Washington Post – effektiver Kontrolle entzogen die Dienste neun Jahre später sind, ließ aufhorchen. Niemand wisse, wie viel Geld der Sicherheitsapparat koste, wie viele Mitarbeiter, Programme und Behörden es gebe, die sich mit den gleichen Aufgaben befassten.
Die US-Regierung distanzierte sich von den Berichten: „Das ist nicht das Geheimdienstwesen, das wir kennen“, sagte der nationale Geheimdienstdirektor David Gompert. Tatsächlich waren die Dienste nach 9/11 oder der falschen Einschätzung zu Massenvernichtungswaffen im Irak kritisiert worden. Doch noch immer gibt es Pannen – etwa vor dem missglückten Attentat auf ein US-Passagierflugzeug über Detroit. Auch deshalb feuerte Präsident Barack Obama im Mai seinen Geheimdienstkoordinator Dennis Blair. Designierter Nachfolger ist James Clapper – der glaubt, nur Gott habe noch den Überblick.
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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