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Flüchtlinge auf Sizilien: "Es geht um das Recht auf Leben"

Rechtlos und erpressbar: In Italien schuften illegal eingereiste Flüchtlinge zu Hungerlöhnen in Fabriken und auf Feldern. Von Aureliana Sorrento

Illegal eingereiste Flüchtlinge aus Ghana verlassen Italien per Flugzeug.
Illegal eingereiste Flüchtlinge aus Ghana verlassen Italien per Flugzeug.
Foto: dpa

Der Pfarrer ist wütend. Er sitzt hinter seinem mit Papierstapeln, Fotos und Holzschnitzereien vollgestopften Schreibtisch und schäumt: "Da geht es nicht um Almosen, nicht um christliche Nächstenliebe und nicht um Flüchtlingskonventionen," sagt er, während das Telefon schellt. "Da geht es schlicht und einfach um das Recht auf das Leben. Wir haben alle ein natürliches Recht auf das Leben. Kapiert es hier niemand? " Dann muss Don Carlo ans Telefon. Einmal wieder hat ein Arbeitgeber, ein Hotelier, einem seiner Schützlinge den vereinbarten Lohn verweigert. Was immer wieder passiert auf Sizilien, wenn der Arbeitgeber ein Italiener ist und der Arbeitnehmer ein Ausländer, der aus einem Nicht-EU-Land eingewandert ist. Weshalb Don Carlo immer wieder einschreiten muss.

Don Carlo ist der Pfarrer von Bosco Minniti, einem Viertel am Stadtrand von Syrakus, das so aussieht, wie die süditalienische Peripherie meistens aussieht: verfallende Neubauten, Abfall, Schrott, verrostete Drahtzäune, augenscheinliche Verwahrlosung. Hier geht es niemandem gut, auch den Einheimischen nicht. Aber ausgerechnet hier hat Don Carlo das Pfarrhaus zum Aufnahmelager, Gästehaus und Anlaufstelle für Migranten umfunktioniert.

Seit über 30 Jahren gibt er allen Flüchtlingen Obdach, die an die Tür der Pfarrei klopfen. Seit ungefähr zehn Jahren, meint er, stammen seine Gäste fast ausschließlich aus afrikanischen Ländern, die sich im Krieg oder in Auflösung- d.h. in der Gewalt von Warlords - befinden. Aus solchen Ländern kommen ja die Migranten, die über das Mittelmeer Italien erreichen. Wenn sie überhaupt das Land erreichen.

Vor Portopalo, dem Fischerhafen nahe Syrakus, den die Migranten- Boote aus Afrika anlaufen, wenn sie von der Route nach Lampedusa abirren, wurden jahrelang Leichen aus dem Meer gefischt. In diesem Sommer sind 73 Eritreer beim Versuch gestorben, mit einem Schlauchboot nach Lampedusa zu kommen. Hunderte anderer Einreisewilligen wurden von der italienischen Küstenwache abgefangen und nach Libyen abgeschoben.

Was nach dem Vatikan und der EU die UN-Kommissarin für Menschenrechte Navi Pillay auf den Plan rief: Da würden Menschen abgeschoben, rügte sie die italienische Regierung, die wahrscheinlich Kriegsflüchtlinge sind, ohne dass ihnen die Möglichkeit gegeben würde, einen Asylantrag zu stellen. Ein Vorgang, der gegen die Genfer Flüchtlingskonvention verstößt.

Für Padre Carlo braucht man gar nicht zu diskutieren, ob Migranten Anrecht auf Asyl haben oder nicht. Auch nicht, ob die Kirche ihnen helfen müsse oder nicht. Um dies zu tun hat er auch den Streit mit der Kirchenobrigkeit nicht gescheut. Einmal, als so viele Flüchtlinge in einer Nacht ankamen, dass es weder in den stets überfüllten sizilianischen Aufnahmelagern noch in den Gemeinderäumen Platz für sie gab, verwandelte der Pfarrer das Gotteshaus in ein Schlaflager - und handelte sich deswegen einen Anpfiff des Bischofs ein.

Inzwischen finden im Gemeindehaus von Bosco Minniti weniger Neuankömmlinge Zuflucht, als Migranten, die schon lange in Italien leben und arbeiten. Menschen, die im Norden der Halbinsel einen Job gefunden haben, aber regelmäßig nach Sizilien fahren müssen, um ihre Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern - bei der Fixheit italienischer Behörden eine Angelegenheit, die Monate in Anspruch nehmen kann. Andere sind Saisonarbeiter, die sich auf sizilianischen Landgütern als Tagelöhner verdingen und keine andere Bleibe finden.

Aber nach den Streitigkeiten mit den kirchlichen Hierarchien haben nun auch die Gemeindemitglieder - bis auf drei einzige treue Mitstreiter - Don Carlo in Stich gelassen. "Wegen der Schwarzen da", erklärten die Bewohner des Viertels ihrem Pfarrer. Don Carlo spricht das Wort Rassismus nicht aus, deutet aber, dass "diese Denkweise" in Italien inzwischen an der Tagesordnung ist. "Dank der Propaganda." Die Menschen würden permanent einer Gehirnwäsche unterzogen. So konnte das jüngste "Sicherheitsgesetz", das im August in Kraft getreten ist, den Migranten praktisch jedes Recht entziehen, ohne dass sich Widerstand regte.

Das Paragrafenbündel lässt zwar prinzipiell die Möglichkeit zu, Asylantrag zu stellen, macht aber aus jedem Ausländer, der ohne gültige Papiere aufgegriffen wird, einen Straftäter. Dem drohen Haftstrafen, Geldbußen bis zu 10 000 Euro und die sofortige Abschiebung. Egal, ob der "illegale" Ausländer deswegen über kein Visum verfügt, weil er aus einem Kriegsgebiet stammt oder politisch verfolgt wird - erst einmal wird gegen ihn Klage erhoben. Zirka eine Million clandestini (illegale Einwanderer) leben nach Schätzungen in Italien.

"Wenn diese Menschen wirklich das Land verlassen würden", sagt Pater Carlo, "bräche hier auf Sizilien und in den anderen Regionen Süditaliens die gesamte Landwirtschaft zusammen. Wie auch die Manufaktur-Wirtschaft im italienischen Nord-Osten." Beide Wirtschaftszweige, die auf Billigst-Arbeitskräfte angewiesen sind, um auf den globalen Märkten konkurrenzfähig zu bleiben. Und als Billigst-Arbeitskräfte können stets erpressbare illegale Migranten am Besten dienen.

Schon vor dem Inkrafttreten des "Sicherheitsgesetzes", weiß Don Carlo zu berichten, sorgte das Procedere der italienischen Behörden dafür, dass die meisten Migranten Illegale blieben. In den sizilianischen Aufnahmelagern werden Migranten oft gar nicht auf die Möglichkeit hingewiesen, Asylantrag zu stellen, noch auf das Land vorbereitet. Nach einer Weile werden sie einfach vor die Tore des Lagers gesetzt - entweder mit der Aufforderung, in einem anderen Aufnahmelager Italiens vorstellig zu werden, oder mit der Anweisung, binnen fünf Tagen das Land zu verlassen. Da sie aber in der Regel kein Italienisch können, nicht einmal wissen, wo sie sich befinden, werden sie flugs zu "clandestini": Illegalen. Sprich: Menschenware in den Händen von so genannten "caporali", die zwischen Arbeit suchenden Ausländern und Unternehmern vermitteln. Überall auf Sizilien, aber auch in italienischen Großstädten wie Rom, gibt es Plätze, an denen "caporali" illegale Migranten in der Morgenfrühe aufsammeln und zu den Feldern oder Fabriken fahren, wo sie für Hungerlöhne schuften.

In Cassibile etwa, einem Städtchen im Hinterland von Syrakus, findet die Anheuerung von Februar bis April jeden Tag um halb vier auf der großen Piazza statt. Die Ausländer arbeiten den ganzen Tag in den Ländereien des Umlands; abends sieht man sie kurz über die Straßen zu ihren Schlafstätten huschen. "Sie dürfen sich nicht blicken lassen", sagt Don Carlo, "wenn die Italiener spazieren gehen. Denn die Italiener finden, dass sie stören, dass sie dreckig sind und stinken. Sie leben hier unter den gleichen Bedingungen, in denen die Sklaven im antiken Griechenland oder zu Zeiten Spartakus lebten."

Auf Sizilien wohnen die meisten clandestini in Ruinen aufgelassener Bauernhöfe, unter Bäumen oder auf den Feldern, die sie tags bearbeiten. Nur wenige von ihnen können für Preise, die normalerweise für echte Wohnungen bezahlt werden, elende Behausungen oder Garagen mieten. Besser gesagt: sie konnten. Denn das "Sicherheitsgesetz" stellt jetzt auch das Vermieten von Wohnstätten an illegale Migranten unter hohen Strafen.

Don Carlo hegt keinen Zweifel, dass mit den neuen Regelungen keineswegs bezweckt wird, der illegalen Einwanderung einen Riegel vorzuschieben. Das Ziel sei es, eine neue Klasse von Sklaven hervorzubringen: jene verfügbare Menschenmasse, die eine Wirtschaft benötigt, die nur noch bei Null-Arbeitskosten in Gang gehalten werden kann.

Eine aktuelle Studie der Banca d’Italia scheint dem Pfarrer implizit Recht zu geben: Sie weist darauf hin, dass die ausländischen Billiglohn-Arbeiter den Italienern keine Jobs wegnehmen, vielmehr würden sie zu ihrem Wohlstand beitragen.

Autor:  Aureliana Sorrento
Datum:  7 | 10 | 2009
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