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Formel 1: Millionengrab Nürburgring

Das Freizeit-Zentrum Nürburgring sollte das Prestigeobjekt der rheinland-pfälzischen Regierung werden und sich zum Zuschauermagnet entwickeln - doch das Gegenteil ist der Fall. Unter den Beschäftigten geht die Angst vor Kündigungen um.

Macht nur im Sommer und bei Rennen was her: der Nürburgring.
Macht nur im Sommer und bei Rennen was her: der Nürburgring.
Foto: dapd

Es ist gespenstisch. Volles Programm auf der „größten Videowand der Welt“, bunte Bilder an einem düsteren Januartag im überdachten „Ring-Boulevard“. Auf 45 mal 11 Metern zappeln Werbeclips, morgens bis abends. Die Wand preist die nächsten Motorsport-Rennen im Sommer an, dazwischen läuft Werbung für den neuen Sherlock Holmes. Nur schaut keiner zu. Gar keiner. Wirklich niemand. Alles verrammelt, als wäre Gregor Potemkin dagewesen. Am Nürburgring stehen aber keine Papp-Kulissen. Das neue Freizeit-Zentrum an der legendären Rennstrecke in der Eifel ist echt. Verdammt echt. Beton, Stahl, Glas. 330 Millionen Euro.

„Es ist ja nichts los hier“, sagt Gerhard R. Der Zimmermann aus Hannover ist kurz vor Mittag am Ring angekommen. Er hat seine Mutter besucht, die bei Köln wohnt. „Ich war mit 17 das letzte Mal hier“, sagt der Mittvierziger. „Wollte mal sehen, was sich getan hat.“ Er hat natürlich von dem Prestige-Projekt gehört, mit dem die rheinland-pfälzische Regierung den „Ring“ vom Saison- zum Ganzjahres-Motor jener kargen, abgelegenen Region machen wollte, die früher mal „Preußens Sibirien“ hieß. Und auch davon, dass es große Probleme damit gibt. Aber dass es so trostlos ist, hatte er nicht gedacht. Keine Stunde ist R. da und er will schon weg. „Die Video-Wand müssen sie dringend abstellen“, sagt R. noch, bevor er geht. „Ist doch reine Energieverschwendung.“

Abgestellt ist schon einiges. Das „Ringwerk“, das große Motorsport-Museum „zum Mitmachen“, ist von Montag bis Donnerstag zu. Die Cart-Bahn macht erst um 14 Uhr auf. Die Disco gegenüber öffnet nur noch samstags. Im Ring-Kino laufen nun nachmittags und abends die üblichen Mainstream-Filme statt des 3D-Streifens über den Nürburgring: „Der Gestiefelte Kater“, „Rubbeldiekatz“, „Alvin und die Chipmunks“. Da kommen mehr Leute, berichtet der Mann an der Kasse, zumeist aus den Ortschaften ringsum.

Ein Lichtblick, aber nur ein kleiner. „Wenn es hoch kommt, haben wir im Boulevard 50 Besucher am ganzen Tag“, sagt ein Mitarbeiter der Betreibergesellschaft „Nürburgring Automotive GmbH“ (NAG). Es sei halt jetzt „keine Saison“, hier oben in der Eifel, wo das Wetter ab Herbstbeginn lange ungemütlich bleibt. „Da kommt keiner.“ In den gut zwei Jahren, seitdem der „neue Ring“ als Freizeit- und Business-Zentrum eröffnet wurde, hat sich die Lage nicht verbessert. Eher im Gegenteil, der Neuigkeitseffekt ist ja weg. Und nun spitzt sich die Situation sogar zu. Die NAG will ihre Belegschaft halbieren, so 150 Leute.

Die Angst geht um bei den Beschäftigten. „Jeder rechnet sich seine Sozialpunkte aus“, sagt einer. Also, ob er durch die Sozialauswahl bei den Kündigungen den Job behalten kann. Die NAG, hinter der der Hotelier Jörg Lindner und der Düsseldorfer Projektentwickler Kai Richter stehen, macht gewaltig Druck. Ohne Entlassungen drohe im nächsten Geschäftsjahr die Pleite, „alternativlos“ sei der Jobabbau, sagte Lindner. Bis Ende März soll alles abgewickelt sein. Sonst gingen die Lichter an der „grünen Hölle“ ganz aus. Grüne Hölle – so nennen die Fans den Ring.

Der ADAC will auch nicht

Hochpolitisch ist die ganze Sache, weil Lindner und Richter 2010, als sie den Betrieb übernahmen, vom Mainzer Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) als Retter präsentiert wurden. Das Projekt war der Landesregierung völlig aus dem Ruder gelaufen. Es wurde doppelt so teuer wie geplant, musste komplett aus Steuermitteln finanziert werden. Private Investoren suchten das Weite. Dubiose Finanzvermittler wurden eingeschaltet, flogen auf, und Finanzminister Ingolf Deubel musste gehen. Lindner und Richter unterzeichneten einen Pachtvertrag auf 20 Jahre, der dem Land die Refinanzierung ermöglichen sollte.

Doch im Herbst implodierte die Scheinidylle. Die NAG forderte das Land auf, die Pacht herunterzusetzen. Das Geld könne gar nicht erwirtschaftet werden. Der neue Ring sei falsch konzipiert, viele Gebäude gar nicht wirtschaftlich zu nutzen. Und vor allem: Mainz habe bei den Besucher-Prognosen mit Mondzahlen operiert. Statt vier Millionen Besucher pro Jahr sollen es tatsächlich weniger als eine Million sein.

Seither pokern die NAG-Bosse und die Landesregierung. Am Montag findet das nächste, vielleicht entscheidende Krisengespräch statt. Lindner und Richter treffen in Mainz auf Innenminister Roger Lewentz (SPD). Bisher beharrt die Regierung darauf: Das verabredete Geld muss in voller Höhe fließen. Falls nicht, werde man den Betrieb am Ring neu ausschreiben. Fragt sich nur, ob sich dafür jemand findet. Der ADAC, der kurzzeitig mal im Gespräch war, hat schnell abgewinkt.

Autor:  Joachim Wille
Datum:  14 | 1 | 2012
Kommentare:  2
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