Die Bundesregierung hat die Zahlen geliefert – diverse Tabellen zum Thema Rentenbezugsdauer. Und daraus kann man Dramatisches ablesen: Die Lebenserwartung von Geringverdienern, so scheint es, hat in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen – allerdings nur die der Männer.
Nach Rentenstart mit 65 Jahren konnten sich diese 2001 noch auf 11,8 Lebensjahre freuen, heißt es in der Antwort der Regierung auf eine Große Anfrage der Linksfraktion. 2010 waren es nur noch 10,7 Jahre – die Lebenserwartung sank also von knapp 77 auf knapp 76 Jahre. In Ostdeutschland reduzierte sich die Lebenserwartung der Männer mit geringem Rentenanspruch um zweieinhalb bis knapp vier Jahre, im Westen um anderthalb bis zwei Jahre. Im Bevölkerungsdurchschnitt steigt dagegen unter anderem wegen besserer medizinischer Versorgung die Lebenserwartung stetig.
Die Linksfraktion, die die Zahlen angefordert hatte, forderte die Abschaffung der Rente mit 67, die auch mit der steigenden Lebenserwartung begründet wird. Schließlich sei auch die Beschäftigungssituation Älterer äußerst schlecht.
14,9 Lebensjahre für Geringverdiener, 9,1 Lebensjahre für Wenigverdiener
Allerdings ist es eine relativ kleine Gruppe, die die Statistik betrachtet: Gezählt wurden die Rentner, die über 35 Versicherungsjahre aufweisen können, also Jahre, in denen sie gearbeitet waren, oder die als Arbeitslosen-, Arbeitsunfähigkeits-, oder Erziehungsjahre als Rentenversicherungszeit gezählt werden. Das waren unter den Geringverdienern im Jahr 2010 rund 17.000 Männer und 31.000 Frauen. Zu den Geringverdienern zählen in der Rentenlogik diejenigen, die im Jahr weniger als das Durchschnittseinkommen verdienen. In diesem Jahr lag das bei rund 30.000 Euro.
Und es gibt weitere Besonderheiten: Die Geringverdiener werden nach Rentenanspruch in zwei Gruppen geteilt. Die mit dem geringsten Rentenanspruch, also den geringsten Arbeitseinkünften hat eine längere Lebenserwartung als die mit dem etwas besseren Einkommen. Bei den ostdeutschen Männern sieht man das besonders deutlich: Die Geringstverdiener lebten 2011 nach Renteneintritt noch 14,9 Jahre, die Wenigverdiener nur 9,1 Jahre. Eine Begründung ist der Zahlenreihe nicht angefügt.
Eindrücklich ist auch der Unterschied zwischen den Geschlechtern: Bei geringverdienenden Frauen mit langer Versicherungszeit verlängerte sich die Lebenserwartung – im Bundesdurchschnitt um 1,2 Jahre.
Das Bundesarbeitsministerium reagierte auf die Kritik der Linkspartei mit dem Hinweis, die Zahlen sagten nichts aus über die Lebenserwartung, sondern lediglich über die Rentenbezugsdauer. Die Beschäftigungsschancen Älterer verbesserten sich zudem laufend.
„Jetzt sind die Geringverdiener Nettoverlierer“
Der Armutsforscher Rolf Rosenbrock vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung sagte, die nun bekannt gewordenen Zahlen zeigten eine neue erschreckende Entwicklung. Schon bisher seien Arme früher gestorben und häufiger schwer erkrankt als Personen mit gutem Einkommen. „Jetzt sind die Geringverdiener Nettoverlierer“, sagte Rosenbrock der Berliner Zeitung. Dies liege nicht nur an ihrem geringen Verdienst und der ungesunderen Lebensweise der Armen. Der frühere Tod und die größere Krankheitsanfälligkeit sei aber zur Hälfte auf psychosoziale Faktoren zurückzuführen, die sehr stark auch damit zusammenhingen, ob und welche Arbeit jemand habe. Selbstwertgefühl und soziale Vernetzung würden wesentlich von der Arbeit beeinflusst. Deswegen seien auch prekäre Beschäftigung und Zeitarbeit ein Problem: Das Gefühl des Herumgeschubstwerdens, die mangelnde Perspektive und das Gefühl der Ungerechtigkeit, wenn zwei mit demselben Beschäftigungsprofil unterschiedlich viel Geld verdienen könnten den gesundheitlichen Wert von Arbeit unter Null mindern.
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