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30. Juni 2008

FR-Interview: "Psychiatrie verkürzt das Leben"

Matthias Seibt,leitet den bundesweiten Verband der Psychiatrieerfahrenen. Der 48-Jährige war jahrelang abhängig von Neuroleptika, die er erstmals mit 17 Jahren schlucken musste - gegen seinen Willen. Der Verband kämpft für die Rechte der Patienten. Sie wehren sich dagegen, zur Medikamenteneinnahme und zur Einlieferung in eine geschlossene Klinik gezwungen zu werden.  Foto: Privat

Der Leiter des Verbandes der Psychiatrieerfahrenen will mehr Patientenrechte.

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Herr Seibt, Sie kämpfen gegen Zwangseinweisungen von psychisch kranken Menschen. Wie wollen sie denn auf schwer psychotische oder gefährliche Menschen reagieren, die keine Hilfe in Anspruch nehmen?

Wir glauben, nur etwa in zehn Prozent der Fälle, wo Zwang angewendet wird, ist er auch wirklich erforderlich. Meistens liegt keine Gefährdung der Umwelt oder der Person selbst vor, sondern die Umwelt ist genervt. Zu uns kommen Menschen, die in einer persönlichen Krise eingeliefert worden sind, vielleicht nicht schlafen können, den Fernseher nachts laut aufdrehen. Es sind Menschen, die die Umwelt nerven. Aber auch bei einem Nervenzusammenbruch ist es meine Sache, ob ich behandelt werden will oder nicht. Zumindest solange ich alle Gesetze dieser Gesellschaft beachte, und das tun die meisten so genannten psychisch Kranken.

Wenn der Grund so harmlos war, können die Patienten doch immer noch Widerspruch einlegen und der Richter kommt zur Anhörung in die Psychiatrie.

Das ist alles nur vorgetäuscht. Wer in der Psychiatrie liegt, ist nur noch hirnkrankes Fleisch. Wenn der Richter kommt, sind die Menschen meistens längst niedergespritzt, sie haben so viele Neuroleptika in sich, dass sie nicht mehr antworten können. Ich selbst wurde mal zwangseingewiesen und einer Richterin vorgeführt. Ich war so zugedröhnt, dass ich meinen Namen nicht mehr nennen konnte. Die Richterin hat es deswegen zunächst abgelehnt, meine Einweisung abzusegnen. Das ist aber eine absolute Ausnahme. In der Regel ist der Richter nur Schreibgehilfe des Psychiaters.

Stark aufgebrachte oder auch selbstmordgefährdete Menschen können mit Neuroleptika wieder beruhigt werden. Streiten Sie das ab?

Sicherlich gibt es einige Menschen, die auf diese starken Nervenlähmungsmittel angewiesen sind. Zum Beispiel, wenn sie mehrere Tage nicht mehr geschlafen haben. Die Drogen werden aber in der Klinik verschrieben, als wäre es Baldrian. Dabei würde ein ruhiges Gespräch oder auch sanftere Schlafmittel oftmals genügen - aber dafür fehlt in den Psychiatrien die Fähigkeit und Lust. Bei unseren Selbsthilfegruppen schaffen wir es mit geduldigem Zuhören oft leicht, diese Menschen zu beruhigen und ihnen zu helfen.

Die Zahl der Menschen, die sich freiwillig an Psychiater wendet, steigt ebenfalls an. Wie erklären Sie sich dieses Vertrauen?


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Die Psychiatrie macht doch eine millionenschwere mit Pharmageld bezahlte Propaganda, die Zeitungen sind voll von Diagnosen. Die steigenden Fallzahlen belegen aber nur eins: Wenn die Zahl der psychisch kranken Menschen stetig wächst, dann hat die Psychiatrie offenbar keine Heilung zu bieten. Wenn immer mehr Menschen an Tuberkulose erkrankten, würden die Ärzte haftbar gemacht, dass sie so erfolglos therapieren. Bei psychischen Patienten ist es umgekehrt: Hier werden die Patienten dafür verantwortlich gemacht. Dabei ist es immer eine Frage der gesellschaftlichen Zuschreibung, ob jemand als Sonderling durchgeht, ob er eine schlechte Zeit hat, oder ob er als psychisch krank eingewiesen wird. Das ist reine Willkür.

Wie könnte für Sie ein faireres Verfahren der Einweisung aussehen?

Die Patienten benötigen Anwälte, die parteiisch sind. So käme es vor dem Amtsgericht zu einer echten Verhandlung, wie es bei Strafverfahren auch üblich ist. Außerdem sollte jede Zwangseinweisung und -medikation dokumentiert und veröffentlicht werden. Diese Transparenz würde die Gewaltanwendungen sofort senken.

Glauben Sie, diese Gesellschaft wäre eine bessere, wenn die Psychiatrien in diesem Land über Nacht abgeschafft werden würden?

Nein, das wäre natürlich nicht über Nacht möglich. Viele Patienten sind mittlerweile abhängig von den Medikamenten und wollen auch Verantwortung abgeben. Aber Tatsache ist: Die Psychiatrie mit ihren starken Medikamenten verkürzt die Lebenserwartung der Patienten um 25 Jahre. Dies hat gerade eine große epidemiologische Studie aus den USA bewiesen.

Interview: Annika Joeres

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