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27. Januar 2011

FR-Interview mit dem russischen Geheimdienstexperten Andrei Soldatov: „Der Geheimdienst hat versagt“

Andrei Soldatov

Der Journalist und Geheimdienstexperte Andrei Soldatov erklärt im FR-Interview, warum der Kreml den russischen Geheimdienst FSB nach dem Terroranschlag schont.

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Der Journalist und Geheimdienstexperte Andrei Soldatov erklärt im FR-Interview, warum der Kreml den russischen Geheimdienst FSB nach dem Terroranschlag schont.

Herr Soldatov, nach dem Anschlag auf dem Flughafen Domodedowo hat Präsident Medwedew einen hohen Beamten der Transportpolizei entlassen und die Flughafenbetreiber heftig kritisiert – wegen fehlender Metalldetektoren. Zu Recht?

Den Leuten, die für die Flugsicherheit zuständig sind, kann man die geringsten Vorwürfe machen. Was am Flughafen passiert ist, hätte schließlich auch an jedem anderen belebten Ort geschehen können. 2003 griff eine Selbstmordattentäterin ein Konzert in Tuschino an, 2004 eine andere die U-Bahn-Station Rischskaja. Beide Male waren die Sicherheitskontrollen gut – aber das führte bloß dazu, dass die Terroristinnen sich schon vor dem Eingang in die Luft sprengten. Weil dort Schlangen standen, töteten sie auch viele Menschen.

Zur Person

Andrei Soldatov, 35, ist russischer Journalist und Geheimdienstexperte. Er hat den Onlinedienst agentura.ru mitgegründet, der zu Russlands Geheimdiensten recherchiert. 2010 veröffentlichte er mit Irina Borogan ein Buch über den FSB namens „The New Nobility“. Nach dem Selbstmordanschlag im Flughafen Domodedowo gilt nach Medienberichten derzeit ein ethnischer Russe als Hauptverdächtiger. Er soll Verbindungen zur militanten islamistischen Gruppe Nogaiski Dschamaat im Nordkaukasus haben. afp/FR agentura.ru

Sucht der Kreml Sündenböcke?

Weder Medwedew noch Putin sind interessiert, das System der Prävention von Anschlägen insgesamt zu kritisieren. Sie lenken die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bewusst ab. Vergessen wir nicht, dass Medwedew 2008 jene Abteilung der Polizei aufgelöst hat, die für Terrorbekämpfung zuständig war. Deren Mitarbeiter hat er versetzt – zum Kampf gegen „Extremismus“. Obwohl der Terrorismus mehr Menschenleben fordert als die Tatsache, dass Leute auf der Straße demonstrieren.

Warum hat er das gemacht?

Der Kreml hatte damals den Eindruck, dass der Terrorismus keine so aktuelle Gefahr mehr sei, und in Moskau hatten die Anschläge tatsächlich aufgehört – im Kaukasus dagegen stieg die Zahl schon wieder. Jedenfalls dachten Medwedew und seine Leute offenbar, dass die Gefahr weniger aktuell sei als die Gefahr von Massenunruhen wegen der Wirtschaftskrise.

Wen müsste Medwedew kritisieren?


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Für die Prävention ist der FSB zuständig. Und seltsamerweise sagt niemand, dass der Geheimdienst versagt hat. Medwedew hat nach dem Anschlag den Generalstaatsanwalt und den Chefermittler zu sich bestellt, aber nicht den FSB-Direktor. Das zeugt vom Wunsch, den Anschlag als eine Art Naturkatastrophe zu präsentieren – es ist nun mal passiert, kümmern wir uns um die Folgen.

Er könnte den FSB doch trotzdem kritisieren.

In den Augen des Kreml muss der FSB für politische Stabilität sorgen, also Attacken größerer Gruppen von Untergrundkämpfern verhindern, wie sie in Inguschetien stattfanden oder 2005 in Naltschik. Das hat der FSB auch gelernt. Selbstmordattentäterinnen bedrohen aber die politische Stabilität nicht. Die Anschläge sind eine Tragödie für die Menschen, aber keine Gefahr für die Führung. Es gab keine Massenproteste nach dem Anschlag in Domodedowo. In diesem Sinne gibt es keinen Grund, den FSB zu kritisieren.

Im Kaukasus scheint der FSB derzeit wenig erfolgreich.

Der FSB sieht sein Ziel in der Vernichtung der Anführer des Untergrunds. Und 2010 war das erfolgreichste Jahr überhaupt für den FSB, was die Zahl getöteter Kämpfer betraf. Man ging davon aus, je mehr Anführer wir liquidieren, desto eher besiegen wir den Terrorismus. Aber das ist nicht so. 2007, 2008 gingen die Kämpfer dazu über, in kleinen, kaum verbundenen Gruppen zu kämpfen. Wenn man einen, drei oder zehn Kämpfer liquidiert, hat das keine große Wirkung.

Interview: Christian Esch

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