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05. November 2010

FR-Interview mit Günter Wallraff: „Islamische Hardliner gewinnen an Einfluss“

Günter Wallraff, 58 Jahre, ist Enthüllungsjournalist und Schriftsteller. Bekannt wurde er etwa durch seine Reportage über die Bild-Zeitung.  Foto: dpa

Der Enthüllungsjournalist, Günter Wallraff, im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über deutsche Muslime und die Steinigung von Sakineh Aschtiani.

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Herr Wallraff, wie haben Sie von der drohenden Hinrichtung von Sakineh Aschtiani erfahren?

Iranische Freunde haben mich darauf hingewiesen. Das ist ein eindeutiger Fall mittelalterlich anmutender Strafpraxis, und auch wenn der Iran, wegen des weltweiten Protests, bei Frau Aschtiani inzwischen wohl von einer Steinigung absieht – im iranischen Schariarecht ist die Strafe ja weiter enthalten. Getötet werden soll die Frau trotzdem, womöglich wird sie ja sogar öffentlich an einem Kran aufgehängt, wie es immer wieder im Iran geschieht.

An der FR-Aktion haben sich viele Muslime beteiligt, nicht aber die Verbände Ditib, Islamrat und Zentralrat der Muslime.

Das erschreckt mich, aber es verwundert mich nicht mehr. Ich beobachte zum Beispiel beim Moscheenverband Ditib schon seit einiger Zeit, wie die Hardliner im Verband an Einfluss gewinnen.

Wo konkret?

In der Ditib-Gemeinde in Duisburg-Marxloh etwa, und auch in anderen. Zu mir kommen Ditib-Mitglieder, die für einen Öffnungskurs stehen, und beklagen, dass sie kaltgestellt wurden oder ihnen das droht. Im Streit um den Kölner Moscheebau hatte ich eine Lesung zu Salman Rushdies „Satanischen Versen“ in der Moschee vorgeschlagen und zur Bedingung gemacht, weil sie mich in den Moscheebeirat aufnehmen wollten. Bekir Alboga, Öffentlichkeitsbeauftragter der Ditib, hat spontan zugestimmt, wurde aber von seinen Vorgesetzten in der Türkei gestoppt.

Ditib macht aber noch bei der Deutschen Islamkonferenz mit, während der Islamrat nicht mehr geladen wurde und der Zentralrat ausgestiegen ist.

Ja, nach außen hin gibt Ditib sich dialogbereit. Intern aber verhärtet sich der Kurs. Das hat auch mit der Entwicklung in der Türkei zu tun: Mit der EU-Mitgliedschaft ist es schwierig, also gewinnen für Ankara andere Verbindungen, etwa zum Iran, an Bedeutung. Da passt ein Aschtiani-Protest nicht.

Die Islam-Verbände wehren sich dagegen, sich ständig zu Vorgängen irgendwo in der islamischen Welt äußern zu müssen …

Das ist eine Ausflucht. Das Selbstverständlichste wäre, im Fall Aschtiani zu sagen: „Nicht in unserem Namen!“ Das wäre ein Bekenntnis zur Universalität der Menschenrechte und ein echtes Zeichen der Integration, nicht aber ihr Schweigen. Und es würde ihre Glaubensbrüder und die Verantwortlichen im Iran zumindest irritieren.

Viele unabhängige Musliminnen dagegen haben sich an der FR-Aktion beteiligt.

Davor kann man nur Respekt haben. Vor allem muslimische Frauen haben ja in den Verbänden fast nichts zu sagen. Umso anerkennenswerter, dass sie sich hier eindeutig verhalten. Man darf keinesfalls alle Muslime über einen Kamm scheren: Die allermeisten, die hier ihrer Herkunft nach als Muslime gelten, sind keine Moscheegänger und stehen den Verbänden, die in ihrem Namen sprechen wollen, kritisch-distanziert bis ablehnend gegenüber.

Interview: Ursula Rüssmann

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