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FR-Interview mit Wikileaks-Aktivist: „Wir können definitiv stolz sein“

Der Wikileaks-Sprecher Daniel Schmitt über das größte Leck in der Geschichte der Geheimdienste und den neuen Coup des Onlineportals.

Geheime Dokumente
Geheime Dokumente
Foto: dpa

Herr Schmitt, wo befinden Sie sich gerade?

Ich bin im Rhein-Main-Gebiet und demnächst wieder in Berlin. Ich bin auf jeden Fall nicht versteckt oder im Untergrund.

Sind die fast 92 000 geheimen Dokumente, die Wikileaks zugespielt wurden und nun öffentlich im Netz stehen, die größte Veröffentlichung geheimen Materials aller Zeiten?

So weit ich gehört habe, zumindest das größte Leck in der Geschichte der Geheimdienste. Das bleibt noch zu ermitteln, wenn noch mehr Zeitungen das Material auswerten. Aber wir können definitiv stolz sein.

Wird das den Blick auf den Krieg in Afghanistan verändern?

Das ist das, was wir auf einer persönlichen und menschlichen Ebene alle hoffen: dass mit der Transparenz, die jetzt und hoffentlich in Zukunft geschaffen wird, sich noch mehr Menschen ein informiertes Urteil über die Situation dort bilden können und anhand dieses Urteils eine Veränderung der Situation herbeiführen.

Wann hat Wikileaks die Dokumente erhalten?

Darüber können wir, wie bei allen Dokumenten, nicht reden.

Gibt es einen Hinweis, wo die Quelle sitzen könnte?

Nein, wir wissen über diese Quelle gar nichts. Wir haben von ihr gewisse Instruktionen bekommen, um den Schaden, den Menschen durch die Veröffentlichung nehmen können, zu minimieren. Deswegen sind 14 000 dieser Reports auch noch nicht veröffentlicht worden. Da müssen noch Namen redigiert werden, um beispielsweise Informanten zu schützen. Zur Quelle selbst kann ich nichts weiter sagen.

Alle Namen werden in Tausenden Dokumenten von Hand gestrichen?

Ob wir das für alle Namen leisten können, ist mir angesichts des Volumens dieser Veröffentlichung unklar. Aber wir haben Hinweise auf eine Gruppe von Dokumenten, in denen extrem viele Namen auftauchen, und die werden jetzt händisch durchgearbeitet. Wir hatten gehofft, dass wir es pünktlich zu Veröffentlichung fertig haben, aber das ist einfach zu viel Arbeit.

Achtet Wikileaks darauf, mit der Veröffentlichung auch militärische Operationen nicht zu gefährden?

Das ist einer der Gründe, weshalb unsere Quelle uns das mitgeteilt hat und weshalb wir redigieren, um das Leben einzelner zu schützen. Ansonsten sind wir neutral. Wir haben US-Bürger, die bei uns involviert sind, und wir sind zum Teil keine US-Bürger. Deshalb sehen wir uns nicht der einen oder anderen Seite verpflichtet.

Wann haben die Redaktionen das Material einsehen können?

Vor einigen Wochen.

Das ist die erste Zusammenarbeit mit großen Redaktionen, wie es Wikileaks vor einigen Monaten angekündigt hatte.

Es gab vorher schon einige kleinere Partnerschaften. Aber das jetzt ist der erste Gehversuch, um zu sehen, wie so etwas auf einer internationalen Ebene funktioniert, welche Kommunikationswege und Schnittstellen da nötig sind. Wir werden das definitiv in Zukunft häufiger machen.

Haben die Redaktionen das bearbeitete Material bekommen?

Nein, die arbeiten mit den Primärquellen. Ich gehe davon aus, dass sie auch den Datensatz mit den Namen der Informanten haben.

Besteht dann nicht die Gefahr, dass die Redaktionen kritische Informationen veröffentlichen?

Darauf wurde schon geachtet. Der Guardian hat genau aus diesen Gründen nur einen Auszug der Datensätze veröffentlicht.

Haben die Redaktionen für die Informationen bezahlt?

Wäre mir jetzt nicht bekannt. Ich habe mit den Spiegel-Leuten regen Kontakt gehabt und mit niemandem über Geld gesprochen. Ich kann es mir auch nicht vorstellen.

Der junge Militäranalytiker, der Wikileaks das Video eines Hubschrauber-Angriffs in Bagdad zugespielt haben soll, wurde im Irak verhaftet, angeklagt und ist offensichtlich in Kuwait interniert. Hatten Sie befürchtet, dass nach seiner Festnahme die Quellen versiegen?

Nein, eigentlich gar nicht. Das ist ein schlechtes Beispiel und psychologisch betrachtet ungünstig. Aber auf der anderen Seite zeigt es, dass man sich nur intelligent verhalten muss, um nicht solche grundlegenden Fehler zu machen. Der Soldat hat sich selbst geoutet, indem er dem Falschen davon erzählt hat. Aber um das noch einmal zu sagen: Wir wissen nicht, ob er der inhaftierte Soldat unsere Quelle ist oder nicht. Es gibt die Anklage, aber noch keinen offizielle Gerichtsprozess.

Angeblich gab es Überlegungen von Geheimdiensten, Wikileaks mit gefälschten Dokumenten zu diffamieren. Wurden Ihnen solche zugespielt?

Das ist mir nicht bekannt. Es gibt eine Schmierkampagne im Netz, wo ein angeblicher Insider Interna postet, aber das hat alles weder Hand noch Fuß.

Der US-Verteidigungsminister hat ihre Arbeit unverantwortlich genannt. Fürchten Sie nun verschärfte Sanktionen, vor allem durch US-Behörden?

Das ist etwas, womit wir immer rechnen. Die Natur dessen, was mir machen, bedingt, dass es anderen Leuten nicht gefällt und dass immer Leute versuchen, das zu sanktionieren. Ob rechtlich oder wie auch immer. Von daher sind wir darauf vorbereitet. Ob das aktiver passiert als bisher, ist eine rein politische Frage, und ich kann mir nicht vorstellen, dass man so doof ist, jetzt massiven Druck auszuüben.

Julian Assange war eine Weile öffentlich nicht auffindbar und wurde von US-Behörden nachdrücklich für ein Gespräch gesucht. Könnte die Veröffentlichung der „Kriegstagebücher“ nicht manchen auf die Idee bringen, dass hier nationale Sicherheitsinteressen bedroht sind?

Natürlich, davon gehe ich auch aus. Auf der anderen Seite lebe ich in Deutschland, es gibt hier ein sehr starkes Pressegesetz, ich bin akkreditierte Journalist und deutscher Staatsbürger – ich sehe nicht, dass mich morgen jemand mit einem schwarzen Van abholt. Eine Reise in die USA würde ich in nächster Zeit nicht antreten. Aber das schon länger nicht mehr. Da fehlte mir dort schon vor Wikileaks die rechtliche Grundlage, auf der man noch als Mensch beachtet wird.

Interview: Marin Majica

Datum:  26 | 7 | 2010
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