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Politik
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09. Oktober 2010

FR-Streitgespräch zu Stuttgart 21: Nicht um jeden Preis

Walter Sittler (l.): „Dass alles Murks ist, ist übertrieben.“ Wolfgang Schuster: „Ach was.“  Foto: Alex Kraus

Die Sorge um ihre Stadt eint sie, Stuttgart 21 trennt sie: OB Wolfgang Schuster und Protestführer Walter Sittler. Ein FR-Streitgespräch mit Annäherungsversuchen.

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Stuttgart 21

Der Gegner

Walter Sittler, 57, ist in den vergangenen Monaten zu einem der prominentesten Gesichter des Widerstands gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 geworden. Der Deutsch-Amerikaner ist Theater- und Filmschauspieler. Nach seiner Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München hatte er feste Theater-Engagements an Bühnen in Stuttgart und Mannheim.

Einem breiten Publikum bekannt wurde Sittler durch die TV-Serien „girl friends“ und „Nikola“, in denen er an der Seite von Mariele Millowitsch spielte. Für seine Rolle in „Nikola“ wurde er mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. Aktuell probt er in der Komödie im Bayerischen Hof (München) unter der Regie von Michael Khreisl das Theaterstück „Gut gegen Nordwind“. Sittler wohnt mit seiner Frau und drei Kindern in Stuttgart. msa

Der Befürworter

Wolfgang Schuster (CDU) ist seit 1997 Oberbürgermeister der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart. Der 61-jährige Jurist war von 1986 bis 1993 Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd und hatte anschließend bis 1996 das Amt des Bürgermeisters für Kultur, Bildung und Sport in Stuttgart inne. Schuster ist verheiratet und hat drei Kinder.
Zu seinen politischen Schwerpunkten zählen die Bauwirtschaft und Industrieförderung. Bundesweite Beachtung erlangte er mit einem Bündnis für Integration. Er setzte sich von Anfang an für Stuttgart 21 mit seinem unterirdischen Bahnhof ein. Kritiker wie der Grüne Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, halten ihm entgegen, ein 2004 gegebenes Versprechen für einen Bürgerentscheid zum Milliardenprojekt gebrochen zu haben. msa




Herr Schuster, Herr Sittler, wie tief ist mittlerweile der Riss, der durch Ihre Stadt geht?

Wolfgang Schuster: Die Stuttgarter waren bislang die zufriedensten Bürger Deutschlands. Deswegen muss man jetzt aufpassen, dass man nicht verallgemeinert. Ich bin sicher, die vielen sozialen Netzwerke in der Stadt funktionieren weiterhin gut. Aber natürlich denken gerade jetzt, nach den Geschehnissen vom 30. September, mehr Bürger kritisch über Stuttgart 21.

Auch in Ihrem Bekanntenkreis?

Schuster: Ich rede jeden Tag mit den Bürgern. Auch in meiner Nachbarschaft gibt es Gegner von Stuttgart 21. Aber deshalb verabschiede ich mich nicht aus der Verantwortung für alle Bürger.

Walter Sittler: Wo waren Sie denn am vorvergangenen Freitag, am Tag nach der gewaltsamen Polizeiaktion im Schlossgarten? Da demonstrierten 100000 Leute ausnahmslos friedlich, weil sie wollen, dass es der Stadt gutgeht. Und es kam kein Wort vom Ministerpräsidenten, vom Innenminister, vom Polizeipräsidenten, kein Wort von Ihnen. Sie hätten kommen können, es war friedlich. Sie waren nicht da.

Schuster: Ich wäre gekommen, wenn mich das Aktionsbündnis nicht ausgeladen hätte.

Sittler: Das war erst am Montag nach der Polizeiaktion, ich rede jetzt vom Freitag. Sie müssen doch die Sorgen der Bürger, die nicht gewalttätig werden, sondern friedlich demonstrieren, ernst nehmen! Wenn Sie einfach weiterbauen, werden Sie keinen Frieden bekommen.


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Was ist am Donnerstag, dem 30. September, schiefgelaufen?

Sittler: Der Ministerpräsident und der Innenminister hatten schon in den Tagen zuvor gesagt, es werde jetzt robuster.

Sie glauben an eine gezielte Aktion?

Sittler: Es war eine Machtdemonstration von Herrn Mappus – mit der Botschaft: Wir bauen, haltet endlich die Klappe. Niemand hatte die Polizei angegriffen, wenn man mal von Kastanienwürfen gegen die Wasserwerfer absieht. Als wir die Leute, vor allem die Jugendlichen von der Schülerdemo, aufgefordert haben, wegzugehen, da fing die Polizei schon an, mit Wasserwerfern auf die Schüler loszugehen, auch auf die, die in den Bäumen saßen, und auf Leute, die längst nicht mehr im Weg standen. Da waren Kinder und Alte dabei, Sie wissen das, Herr Schuster.

Stimmen Sie der Zusammenfassung Herrn Sittlers zu?

Schuster: Das war ein trauriger Tag für Stuttgart. Ich kann die Vorgänge aber nicht objektiv bewerten. Was passiert ist, bedaure ich außerordentlich, es macht mich betroffen. Das sage ich jetzt nicht einfach so, ich bin ein schlechter Schauspieler, das ist bekannt. Deshalb halte ich einen Dialog für extrem wichtig, damit sich so etwas nicht wiederholt.

Sittler: Darin sind wir uns einig. Aber wohl nicht in der Frage, unter welchen Voraussetzungen ein solcher Dialog stattfinden sollte.

Schuster: Ich habe ein großes Interesse, dass alle möglichen Risiken des Projekts auf den Tisch kommen und mit Fachleuten erörtert werden. Die Frage ist nur: Ist es eine Vorbedingung, dass die Bahn den Bau stoppt. Die Bahn sagt, dass sie das nicht will.

Und was würden Sie als Oberbürgermeister, dem am Frieden in der Stadt gelegen sein muss, der Bahn empfehlen?

Schuster: Ich gebe keine Empfehlungen, solange es keine neuen Fakten gibt.

Und von welchen Risiken sprachen Sie eben?

Schuster: Ich denke an die vielen Vorsichtsmaßnahmen, die wir gefordert haben, zum Beispiel für den Schutz des Mineralwassers. Wenn wir bei einer objektiven Bewertung herausfinden sollten, dass das geplante Grundwassermanagement nicht ausreicht, dass die Tunnelbauten diesen Naturschatz gefährden würden, dann hätten wir eine neue Faktenlage. Für mich wäre die konkrete Gefährdung unseres Mineralwassers ein absolutes K.o.-Kriterium für Stuttgart 21.

Klingt, als warteten Sie auf einen Grund umzuschwenken.

Schuster: Ich sage nur, dass bei einer objektiven neuen Faktenlage die Planungen so verändert werden müssen, dass eine konkrete Gefährdung ausgeschlossen werden kann.

Noch mal: Wenn Geologen zu dem Ergebnis kommen, dass die Risiken, wie eben die Gefährdung des Mineralwassers, nicht hundertprozentig auszuschließen sind, würden Sie Stuttgart 21 ablehnen.

Schuster: Nein, dann müssten die Planungen so verändert werden, dass eine konkrete Gefährdung hundertprozentig ausgeschlossen werden kann.

Sittler: Prima. Hundertprozentige Sicherheit wollen wir ja auch. Da es keine seriösen Wissenschaftler geben dürfte, die alle Risiken hundertprozentig ausschließen, müssten Sie dann konsequenterweise für den K.o. von Stuttgart 21 stimmen. Wir werden Sie beim Wort nehmen. Vor allem aber: Um das Grundwasserrisiko und andere Risiken nicht unnötig einzugehen, müssen wir die Zweifel vor Baubeginn ausräumen. Das ist doch nur logisch, oder?

Schuster: Aber die Bahn baut ja noch nicht da unten. Zunächst muss ein Jahr lang analysiert werden, wie sich das Grundwasser verhält. Die Bahn darf erst anschließend in kleinen Abschnitten mit dem Bau beginnen.

Es gibt zu allen Aspekten von Stuttgart 21 ja längst Expertenstreits, die belegen, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Die einen beruhigen, die anderen warnen ...

Schuster: Die Bahn hat im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens eine Vielzahl von Gutachten in Auftrag gegeben, weit mehr als 10000 Bürgeranfragen wurden bearbeitet.

Sittler: Die Bürger haben aber kein Vertrauen, in keinen einzigen Bauabschnitt. Allein auch die Kosten: hier eine Milliarde mehr, dann noch mal. Und mit dem Gegenkonzept, das es seit 13 Jahren gibt, hat sich auch nie jemand befasst.

Schuster: Ich schon.

Sittler: Dann sind Sie der Einzige.

Sie reden vom Kopfbahnhof 21.

Sittler: Dem K21-Konzept, ja: Erhalt des Kopfbahnhofs, Umbau des Gleisfelds unter Einbeziehung einiger Sachen, die bei Stuttgart 21 auch gemacht würden, zum Beispiel Tunnelbauten. Diese Alternative ist nie geprüft worden. Wir wissen auch, warum: K21 macht das Gleisfeld nicht frei. Darum geht es bei Stuttgart 21 nämlich in erster Linie, das haben die Bürger längst durchschaut: Man will durch den unterirdischen Bahnhof 100 Hektar gewinnen, davon 58 Hektar Baufläche, bei K 21 wären es nur 44 Hektar.

Wegen dieses Verdachts wird auch Herr Schuster als Teil des Lügenpacks beschimpft. Worauf gründet dieser Verdacht, Herr Sittler?

Sittler: Der Eindruck vieler Bürger ist, dass der Bahnhof und damit die Interessen der Bahnfahrer unter die Interessen der Immobilien gestellt wurden. Es gibt ein Gutachten von SMA + Partner ...

... die haben in einem Bericht für das Umweltministerium die Leistungsstärke von Stuttgart 21 angezweifelt.

Sittler: Genau. Die sagen: Der unterirdische Bahnhof sei mit seinen nur acht statt den bisherigen 16 Gleisen jetzt schon an der Kapazitätsgrenze, bevor er überhaupt gebaut ist.

Schuster: Mit Behauptungen kommen wir nicht weiter. Mein Ziel ist es, langfristig umfassend Transparenz zu schaffen. Herr Sittler, ich lade Sie ein, lassen Sie uns zusammen ein Dialogforum starten. Machen Sie mit. Wenn man dort belegen könnte, dass das gesamte Projekt für den Nahverkehr, für Messeanbindung, Flughafenanbindung und für die Beschleunigung von Fernstrecken wie Stuttgart–München nicht das erreicht, was es erreichen soll – aus vielerlei Gründen – dann hätten wir neue Erkenntnisse, die wir der Bahn präsentieren könnten. Zurzeit aber kann ich der Bahn nichts konkret Neues präsentieren, außer eine schwierige Stimmungslage in der Bevölkerung.

Sittler: Die Stimmung ist katastrophal. Sie sagen, Sie wollen Fakten? Vertrauen ist der entscheidende Fakt in der Demokratie. Und die Kommunikationspolitik, das hat sogar Ministerpräsident Mappus eingeräumt, ist die schlechteste, die man sich vorstellen kann.

Schuster: Deshalb lade ich die Bürger zum Dialog ein. Noch mal: Machen Sie doch mit, Herr Sittler?

Sittler: Nur ohne Vorbedingungen.

Schuster: Aber Sie stellen doch Vorbedingungen!

Sittler: Ich kann nur über etwas reden, das nicht weiter kaputtgemacht wird. Also Baustopp sofort.

Schuster: Die Bahn hat mehrfach erklärt, dass sie einen Baustopp nicht akzeptiert. Im Übrigen: Wenn Sie K21 bauen, haben Sie auch jede Menge Unsicherheiten.

Wäre K21 wirklich keine Alternative, Herr Schuster?

Schuster: Wer sollte die bauen?

Sittler: Die Bahn!

Schuster: Aber die will nicht. Aus guten Gründen.

Sittler: Wenn die Bundesregierung als Eigner sagt, wir stellen das Geld statt für Stuttgart 21 für die Renovierung des Gleisfelds und des Bahnhofs zur Verfügung, dann wird die Bahn das bauen. Die ist nämlich weisungsabhängig, Herr Schuster.

Schuster: Das ist nur bedingt richtig. Auch die Regierung will K21 nicht bauen. Haben sich nicht auch die Grünen schon längst von K21 verabschiedet? Abgesehen davon: Sollen wir wieder 15 Jahre planen, Hunderte von Ingenieuren prüfen lassen, um am Ende dieselbe Debatte zu wiederholen? Für K21 müssen Sie ja auch zusätzliche Gleise durch Stuttgart führen, dann wäre unser Schlossgarten noch viel stärker betroffen.

Sittler: Sie haben sich das ja doch nicht richtig angeguckt.

Bei K21 würden neue ICE-Gleise verlegt. Die Bürger, die dort wohnen, werden vielleicht auch für ihre Ruhe auf die Straße gehen, Herr Sittler.

Sittler: Na ja, man kann es nicht allen recht machen. Außerdem gibt es ja Lärmschutz.

Herr Schuster, wie sehen Sie das als Oberbürgermeister aller Stuttgarter: Muss Stuttgart 21 unbedingt durchgeboxt werden, koste es, was es wolle?

Schuster: Koste es, was es wolle? Das nun nicht. Die Finanzierung …

Wir meinten sozial.

Schuster: Noch mal: Was im Schlossgarten passiert ist, bedauere ich mehr als alles andere. Aber ich halte Stuttgart 21 für das bessere Projekt. Wir wollen im Stadtzentrum wachsen, wir wollen einen neuen Stadtteil mit kurzen Wegen, wir haben uns eine CO2-freie Stadt zum Ziel gesetzt. All das können wir dort verwirklichen, wo heute das Gleisfeld im Tal eine ganze Stadt zerschneidet und die Züge so langsam wie die Schwäbsche Eisenbahn durchs Tal ruckeln.

Sittler: Jetzt verschweigen Sie schon wieder, dass bei K21 auch 44 Hektar Bauland frei werden würden.

Schuster: Zwischen den Gleisen. Da wünsche ich denen viel Vergnügen, die dort wohnen sollen. Ich bleibe dabei: Wenn wir eine mobile Region bleiben und dennoch vom Auto und vom Flieger wegkommen wollen, dann sehe ich keine bessere Alternative.

Sittler: Es gibt Experten, die sehen alle Vorteile bei K21. Also lassen Sie uns sechs Monate Pause machen und noch mal alles anschauen.

Schuster: Für die Bahn als Bauherrn sind die Dinge geklärt. Und die Bahn hat Baurecht, das ist nicht vom Himmel gefallen. Auch K21 wurde vor Gericht geprüft, dabei wurde eine Vielzahl von Gutachtern gehört. Das können Sie alles in langen Urteilen der Verwaltungsgerichte nachlesen. Die Gegner von Stuttgart 21 sind durch alle Gerichtsinstanzen gegangen – und haben verloren.

Geht es in Stuttgart um mehr als um ein Projekt, Herr Sittler? Vertrauen Sie den Planungsprozessen und parlamentarischen Mehrheiten nicht mehr?

Sittler: Es ist doch so: Bei einem Projekt, das vor 15 Jahren seinen Anfang nahm, muss zwangsläufig noch mal geprüft werden, ob es in der Form noch notwendig ist. Allein die Bahntechnik hat sich extrem verändert. Die Gerichte entscheiden nicht über die Qualität eines Produktes, sondern ob es rechtmäßig zustande gekommen ist. Und wenn die Parlamentarier die Probleme, die jetzt zutage treten, gekannt hätten, hätten sie vielleicht anders entschieden.

Und grundsätzlich?

Sittler: Ich kann jederzeit Protest einlegen gegen Beschlüsse des Parlaments. Es ist nun mal das Schöne an unserem Grundgesetz, Bahnchef Grube sieht das natürlich anders. Wenn wir genügend sind, muss sich die Politik dem Souverän beugen – nicht umgekehrt. Und bitte: Die Befürworter von Stuttgart 21 reden von einem Jahrhundertprojekt. Prima, wenn es das ist, können sechs Monate Baustopp doch keinen Schaden anrichten.

Schuster: Noch mal: Für einen Baustopp fehlt die Grundlage. Wir haben Gerüchte, Ängste, Sorgen – aber keine neuen Fakten.

Lassen wir das Thema Baustopp und kommen wir zurück zum Gleisvorfeld, Immobilien, Chancen für die Stadtentwicklung ...

Sittler: Die Stadt hat der Bahn das Gleisfeld abgekauft – für 465 Millionen Euro.

Schuster: 424 Millionen sind es genau.

Sittler: Der Kauf belegt ja, dass die Variante Kopfbahnhof 21 nie ernsthaft in Erwägung gezogen wurde ...

Was plant die Stadt auf der frei werdenden Fläche?

Schuster: Herr Sittler behauptet immer wieder öffentlich, wir wollten dort nur Hochhäuser und Luxuswohnungen bauen.

Sittler: Ich habe dazu noch gar nichts gesagt, Herr Schuster.

Schuster: Doch, Sie haben von Luxuswohnungen geredet.

Sittler: Ich nicht.

Schuster: Wir haben keinen Refinanzierungsdruck und daher noch alle Möglichkeiten, das Gelände zu gestalten. Wir wollen den Bürgern zurückgeben, was die Bahn uns vor 100 Jahren genommen hat. Etwa die Hälfte des Gleisfelds wird dann Bauland werden. Wir wollen unter anderem familiengerechtes Wohnen: dass sich Kinder frei bewegen können in den Parks, die wir um 20 Hektar erweitern ...

Sittler: Nun ja, wenn man auf die Pläne und die Modelle schaut...

Schuster: ... es gibt doch gar keine konkreten!

Sittler: Es gibt Modelle! Im Bahnhof und im Rathaus sind die öffentlich ausgestellt.

Schuster: Das sind nur sogenannte Massenmodelle.

Sittler: Sie wollen sagen, dass das Platzhalter sind?

Schuster: Das sind wirklich nur Platzhalter. Die sind für den Laien irreführend, weil wir noch gar nichts geplant haben.

Sittler: Es bleibt dabei: Die Bürger erkennen die Zerstörung, aber nicht den Nutzen. Und alle Fragen, die sie haben, werden nicht beantwortet ...

Schuster: Dann lassen Sie uns doch öffentlich mit den Bürgern über die Fakten reden!

Sittler: Bei so einem Großprojekt müssen die Bürger mitgenommen werden, weil sie es sind, die es mit ihren Steuergeldern zahlen – und zwar alles. Sie müssen einsehen: Das Misstrauen der Bürger ist das Schlimmste, was Ihnen und nicht nur Ihnen passieren kann.

Herr Schuster, war es ein politischer Fehler, dass es keinen Bürgerentscheid gegeben hat?

Schuster: Zunächst mal haben wir ja eine Gemeindeordnung, über die kann ich nicht hinweggehen. Unterschriften zu sammeln für ein Bürgerbegehren, bei dem von vornherein klar ist, dass es rechtswidrig ist, war eine Täuschung der Bürger. Das sagt das Verwaltungsgericht. Das habe ich so auch den Initiatoren gesagt. Das führt nur zu dieser negativen Emotionalisierung, die wir jetzt erlebt haben und erleben.

Sittler: Sie sprechen von der Initiative 2007, als 67000 Unterschriften für einen Bürgerentscheid gesammelt wurden. Da haben Sie Fakten geschaffen, indem Sie Verträge mit der Bahn unterschrieben haben, obwohl Sie von der Initiative wussten.

Schuster: Ich wusste nichts von dieser Bürgerentscheid-Initiative.

Sittler: Sie hätten einfach nicht unterschreiben müssen, dann hätte der Bürgerentscheid eine Chance gehabt ...

Schuster: Dass im Jahr 2007 ein Bürgerbegehren vorbereitet wurde, habe ich damals nur gerüchteweise gehört.

Sittler: Sie wussten davon!

Schuster: Rechtlich ist das auch völlig gleichgültig. Wir hatten bereits 2001 einen Finanzierungsvertrag unterschrieben, und aus dem können wir nicht mehr raus. Im Übrigen waren damals selbst die Grünen dafür, dass wir die über 100 Hektar Gleisanlagen kaufen, damit nicht irgendwelche Investoren bestimmen können, was dort entsteht.

Die Bundeskanzlerin hat im Bundestag gesagt, man brauche nun ohnehin keinen Volksentscheid mehr, weil die Landtagswahl im März zeigen wird, ob die Menschen das Projekt wollen oder nicht. Steht Stuttgart 21 bei der Wahl auf dem Spiel?

Schuster: Ich beteilige mich nicht an Kaffeesatzleserei. Kein Großprojekt wird am Anfang geliebt. Wir hätten bis heute keine Messe und keinen Fernsehturm, wenn wir uns Protesten gebeugt hätten.

Sittler: Ach Herr Schuster, Sie wissen so gut wie ich, dass wir hier von einer anderen Dimension reden – was die Proteste und die Kostenexplosion angeht: Bahnchef Grube hat öffentlich gesagt, dass das Projekt abgeblasen würde, wenn es teurer als 4,5 Milliarden würde. Dann hat er in seinem Haus nachrechnen lassen – und plötzlich waren es 4,9 Milliarden.

Mittlerweile erwartet der Bundesrechnungshof knapp acht Milliarden Euro und das Umweltbundesamt sogar elf Milliarden.

Sittler: Allein mit Kostensteigerungen ist das nicht zu erklären. Und plötzlich reden sich die Betreiber damit heraus, dass sie irgendwo noch Kosten einsparen wollen. Sie wüssten nur noch nicht, wo. Sie, Herr Schuster, haben sich auch entsprechend geäußert. Da frage ich mich doch, ob die Zahlen jemals gestimmt haben.

Schuster: Die Bahn hat die Kosten auf die Projektdauer bis 2019 hochrechnen lassen. Die Kostenschätzung 1994 betrug 2,5 Milliarden. Derzeit wird bis 2019 mit 4,1 Milliarden gerechnet. Auf die Projektdauer bezogen ist das eine jährliche Kostensteigerung von zwei Prozent ...

Sittler: Ich beziehe mich auf die Jahre 2007 bis 2009, wo die erwarteten Kosten enorm gestiegen sind ...

Schuster: Noch mal: Wenn Sie die Kosten ins Verhältnis zur Dauer des Projekts setzten, ist das keine Kostenexplosion, sondern eine nachvollziehbare Kostenentwicklung.

Zwei Schwaben streiten ums Geld. Hand aufs Herz, durchschauen Sie noch die Zahlen, die Sie sich hier ständig um die Ohren hauen?

Schuster: Auch die zentralen Fragen zur Finanzierung würde ich gerne in einem Dialogforum diskutieren: Wie kommen die Kosten zustande? Was genau plant die Bahn? Als Bürger dieser Stadt habe ich ein hohes Interesse an den objektiven Antworten. Deshalb müssen wir den ganzen Konflikt auf eine rationalere Ebene bringen, das ist für mich das Hauptziel.

Sittler: Ergebnisoffen und ohne Vorbedingungen – dann finde ich alles gut. Und weil Herr Schuster gerade von rationaler Ebene sprach: Natürlich ist die Verbindung der Bürger zu ihrer Stadt eine sehr emotionale. Was denn sonst?

Schuster: Natürlich, darin sind wir uns doch einig.

Schön. Ansonsten bleibt es wohl dabei: weiterhin kein Dialog.

Sittler: Nein, aber damit sind wir auf Augenhöhe.

Auf Augenhöhe blockiert. Nun soll Heiner Geißler als Vermittler fungieren. Was halten Sie denn von der Verwirrung um den ominösen Baustopp, die sein erster Auftritt ausgelöst hat?

Sittler: Also zu Geißler ist ja jetzt kein Kommentar nötig, da ein herrliches Chaos entstanden ist. Wer hat wann, was zugesagt und wieder dementiert, und wohin geht die Reise denn jetzt. Mappus und Co. verkaufen das Nichtfällen der Bäume und Nichtabreißen des Südflügels als Angebot, dabei war es ohnehin nicht vorgesehen, und die Bäume dürfen sie jetzt eh nicht mehr fällen. Alles ein großes Potemkin’sches Dorf, was die Menschen verwirrt. Absicht? Ich will da niemandem etwas unterstellen.

Schuster: Viele Bürger sind verunsichert, über das was richtig ist. Das ist angesichts der Komplexität der Fakten nicht verwunderlich. Deshalb gibt es den großen Wunsch nach sachlicher Diskussion. Ich erhoffe mir vom Schlichtungsversuch eine neue Dialogkultur, um die angespannte Situation in Stuttgart zu entspannen. Die Stadt wird aktiv daran mitwirken, den politischen Schlichtungsauftrag Heiner Geißlers mit einem langfristig angelegten Forum zu begleiten. Ich lade Herrn Sittler hierzu nochmals ein. Machen Sie mit.

Für Herrn Geißler stellt sich womöglich auch bald die zentrale Frage, die wir uns gerade stellen. Herr Sittler: Halten Sie es überhaupt für denkbar, dass Sie jemals sagen werden: Einverstanden, so ist Stuttgart 21 gut?

Sittler: Im Moment kann ich es mir nicht vorstellen – auch, weil Stuttgart 21 zeigt, was viele Menschen in Deutschland fühlen: dass die Menschen nicht mehr im Zentrum der Politik stehen.

Ein Einlenken könnte als Gesichtsverlust interpretiert werden, oder?

Sittler: Die Frage des Gesichtsverlustes stellt sich momentan nicht, weil eine Meinungsänderung, wenn überhaupt, erst nach Vorlage aller Daten und Fakten erfolgen könnte – aber eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr ... Aber Fehler machen wir alle, immer wieder. Ich wünschte einen Umgang, auch in der Politik, der Fehler, die man korrigiert, nicht sofort mit Abstrafung und eben Gesichtsverlust ahndet.

Würde Ihr Positionswechsel einen Gesichtsverlust bedeuten, Herr Schuster?

Schuster: Mir geht es nicht um politische Ideologie und Rechthaberei. Ich rede täglich mit Bürgern in der Stadt, mit Befürwortern und Kritikern von Stuttgart 21. Viele sind, was die Fakten angeht, verunsichert. Das ist angesichts der Komplexität des Projekts nicht verwunderlich. Deshalb gibt es den großen Wunsch nach sachlicher Diskussion. Wir müssen auf jeden Fall in einen langfristig angelegten Dialog kommen. Ich wiederhole meinen Appell, Herr Sittler: Lassen Sie uns ein Dialogforum initiieren.

Abschließend fragen wir auch Sie, Herr Schuster: Was müsste passieren, dass Sie zu einem Gegner von Stuttgart 21 werden?

Schuster: Wenn erneute Prüfungen ergeben würden, dass so, wie Herr Sittler sagt, alles Murks sei.

Sittler: Alles Murks ist übertrieben.

Schuster: Ach was.

Sittler: Na gut, ein bisschen übertrieben.

Interview: Marie-Sophie Adeoso, Mark Obert und Uwe Vorkötter

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