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Frankfurter Buchmesse: Kultstatus und Reiseverbot

In bewegenden Worten beschreibt Dichter Liao Yiwu das Studenten-Massaker von 1989. Chinas Führung ist er seitdem ein Dorn im Auge. Sie verbietet ihm die Buchmesse zu besuchen. Von Bernhard Bartsch

"Wir erleben ein Massaker in diesem Land der Utopien. Der Regierungschef braucht sich nur zu erkälten, und schon müssen die Massen mit ihm niesen."

So beginnt das Gedicht, in dem der chinesische Dichter Liao Yiwu im Juni 1989 seinem Entsetzen über das Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens Luft machte. Mit bebender Stimme trug er es seinen Freunden vor, die es auf Kassetten und Videos verbreiteten. Bei Chinas traumatisierten Studenten genoss "Massaker" bald Kultstatus, wofür Liao mit vier Jahren Haft und Folter bezahlen musste.

Zwanzig Jahre später hat die Kommunistische Partei dem Schriftsteller noch immer nicht verziehen und verbietet ihm deshalb, in Deutschland am Rahmenprogramm der Frankfurter Buchmesse teilzunehmen. Das Berliner "Haus der Kulturen der Welt" hat den 50-Jährigen für den 10. Oktober zu einer Podiumsdiskussion zum Thema "China schreiben" eingeladen, doch am Mittwoch teilten die Sicherheitsbehörden Liao nach eigenen Angaben mit, dass er nicht ausreisen dürfe.

Zwar verfügt der Schriftsteller über einen Reisepass sowie offizielle Einladungsschreiben und sollte laut Verfassung Meinungs- und Reisefreiheit genießen. Aber selbst bei einem nationalen Prestigeprojekt wie Chinas Gastlandauftritt bei der Buchmesse gilt das Gesetz wenig, wenn die Partei um ihr Ansehen fürchtet - beziehungsweise um die "Stabilität des Landes", wie staatlich sanktionierte Verfassungsverstöße gern gerechtfertigt werden.

Erst Anfang September hatte das offizielle "Ehrengastkomitee" des Amts für Presse und Publikation (Gapp) der kritischen Autorin Dai Qing die Teilnahme an einem Vorbereitungssymposium zu verbieten versucht, sie nach massivem öffentlichen Druck im letzten Moment aber reisen lassen.

Ob nun auch Liaos Fall zum Politikum wird, bleibt abzuwarten. Bisher trauen sich weder die Buchmesse noch die Politik, sich öffentlich für den Dichter einzusetzen.

Für sein gerade im Frankfurter S. Fischer Verlag erschienenes Buch dürfte Chinas Regierung allerdings unfreiwillig Werbung gemacht haben: In "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Chinas Gesellschaft von unten" hat Liao mehr als 300 Interviews mit Verlierern der Wirtschaftsreformen zusammengestellt, mit Toilettenputzern, Prostituierten und ehemaligen politischen Häftlingen. In Berlin und Frankfurt wollte er daraus vorlesen, doch durch seine Abwesenheit wird die Aufmerksamkeit umso größer sein.

Wozu auch ein anderer Vers aus Liaos "Massaker"-Gedicht passt: "Ihre Gehirne sind nur für einen einzigen Prozess programmiert - doch die Befehlssignale sind fehlerhaft."

Autor:  Bernhard Bartsch
Datum:  24 | 9 | 2009
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