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05. März 2014

Frankreich: Elysée-Palast heimlich abgehört

 Von 
Der frühere französische Präsident Nicolas Sarkozy (l.) und sein wohl ehemaliger Parteifreund Patrick Buisson.  Foto: AFP

Ein Berater des früheren Staatschefs Nicolas Sarkozy hat Gespräche im Elysée-Palast aufgezeichnet. Nun beginnt in den Reihen der Partei UMP das große Zittern.

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Paris –  

Die Nachricht ist explosiv. Jean-Pierre Raffarin ist vom Stuhl gefallen, als er sie vernommen hat. Als der Ex-Premier sie den Zuschauern von France 2 erläutern soll, räumt er das ganz unumwunden ein. Etwas so Erschütterndes sei ihm in seinem langen Politikerleben noch nie widerfahren, fügt er hinzu.

Andere Spitzenpolitiker der rechtsbürgerlichen Union für eine Volksbewegung (UMP) sind seelisch aus dem Gleichgewicht geraten. Henri Guaino, ehemals Berater des 2012 abgewählten französischen Staatschefs Nicolas Sarkozy, betritt sichtlich mitgenommen das Studio des Rundfunksenders France Info. Er sei Opfer von „Verrat“ geworden, sagt der auch als Redenschreiber des Ex-Präsidenten hervorgetretene Abgeordnete. Sarkozy selbst schweigt. Aus seinem Umfeld ist zu hören, er sei außer sich vor Wut.

Drei Monate lang heimlich Gespräche aufgezeichnet

Auslöser der Verwerfungen im Lager der rechtsbürgerlichen Opposition ist ein Parteifreund, ein ehemaliger, muss man seit Mittwoch wohl sagen. Patrick Buisson, wie Guaino in besseren Zeiten Berater Sarkozys, hat sich des Vertrauensbruchs schuldig gemacht. Der rechtsradikaler Gesinnung verdächtige Historiker hat Anfang 2011 im Elysée-Palast drei Monate lang Gespräche aufgezeichnet. Auf gute alte Agentenart, mit einem kleinen Diktafon in der Jackett-Tasche. Die Qualität der Aufnahmen ist mäßig. Die Mitschnitte klingen, als blase der Wind durch baufällige Palastfenster. Gleichwohl sind die Stimmen zuzuordnen. Vor allem die von Sarkozy ist leicht zu identifizieren.

Der Zufall hat es so gefügt, dass die Aufnahmen bei einer in anderem Zusammenhang stehenden Hausdurchsuchung in den Besitz der Justiz gelangt sind. Kein Zufall war dann, dass sie von dort den Weg zur Online-Zeitung „Atlantico“ fanden und zum Satireblatt „Le Canard Enchaîné“, die am Mittwoch Auszüge aus Aufzeichnungen vom 26. und 27. Februar 2011 veröffentlicht haben. Thema der Arbeitssitzungen war an jenen Tagen eine bevorstehende Regierungsumbildung. Am pointiertesten hat sich Buisson selbst geäußert. „Totale Nullen“, nannte er die aussortierten Kabinettsmitglieder.

Das große Zittern beginnt

In den Reihen der UMP beginnt nun das große Zittern. Ex-Staatschef, Ex-Minister und Ex-Berater fragen sich: Was habe ich Anfang 2011 im Elysée-Palast so alles gesagt, was die Öffentlichkeit besser nicht erfahren sollte? Dass die Aufnahmen im Vorfeld der folgenschweren Begegnung Dominique Strauss-Kahns mit dem Zimmermädchen eines New Yorker Hotels gemacht wurden, die eine Anklage wegen Vergewaltigung und den tiefen Sturz des damaligen IWF-Chefs und aussichtsreichen französischen Präsidentschaftsanwärters zur Folge hatte, verleiht dem Vertrauensbruch zusätzliche Brisanz.

Gerüchten zufolge soll der Elysée damals die Fäden gezogen haben, um den Rivalen im Präsidentschaftsrennen 2012 beizeiten aus dem Weg zu räumen. Die politische Klugheit gebietet allerdings, nicht auch noch die Angst vor der Veröffentlichung der eigenen Worte publik zu machen. Und so ist es allein die Empörung über den Verräter, die ans Ohr dringt. Das Verhalten Buissons sei „abscheulich“, schimpft da etwa die frühere Justizministerin Rachida Dati. Man müsse sich nicht wundern, wenn immer mehr Bürger zu dem Schluss gelangten, die Politiker seien allesamt Nullen.

Dass allein die UMP am Pranger steht, deren Vorsitzender Jean-Francois Copé zu allem Überfluss auch noch in den Ruch der Vetternwirtschaft geraten ist, sagt Dati nicht. Der vielstimmig Geschmähte lässt über seinen Anwalt Gilles-William Goldnadel ausrichten, alles sei halb so schlimm. Die Aufzeichnungen der Arbeitssitzungen hätten ihm als Gedächtnisstütze gedient. Das meiste habe er gleich wieder gelöscht. Der Presse sei nicht viel in die Hände gefallen. Frühere Weggefährten vermuten, Buisson habe das Tonarchiv angelegt, um etwas an der Hand zu haben, sollten er sich eines Tages gegen abtrünnige Parteifreunde zur Wehr setzen müssen.

Buissons beschwichtigende Worte haben die Konservativen indes nicht beruhigt. Sie befürchten, die Veröffentlichungen könnten der Anfang einer Fortsetzungsgeschichte sein, die ein böses Ende nimmt. „Mal sehen, was noch kommt“, sagt ein Vertrauter Sarkozys. „Die Büchse der Pandora ist geöffnet.“

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