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27. Januar 2015

Frankreich: Flut antisemitischer Übergriffe

Der französische Präsident Francois Hollande spricht mit Holocaust-Überlebenden und jungen franzöischen Juden.  Foto: AFP

Am Tag des Auschwitz-Gedenkens erschreckende Zahlen aus Frankreich: Verdoppelt haben sich die antisemitischen Vorfälle. Kein Wunder, dass auch die Zahl der nach Israel auswandernden Juden dramatisch zunimmt.

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In Frankreich geht die Angst vor einem «neuen Antisemitismus» um. Die Flut von Attacken auf Juden hat sich im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt. Besonders dramatisch zugenommen haben nach den Angaben der Organisation zum Schutz der jüdischen Gemeinde (SPJC) die gewalttätigen Übergriffe. Israels Gaza-Krieg im Sommer 2014 hat vor allem Muslime empört. Die Bilder von Tod und Verderben der Palästinenser gelten als eine wichtige Triebkraft für antisemitische Attacken: Bei propalästinensischen Kundgebungen sind Synagogen das Ziel von Gewalt.

Frankreichs Großrabbiner Haim Korsia sah bei solchen Aktionen auch islamische Hassprediger als Antreiber. Andere vermuten auch Extremisten von rechts und links am Werk, die mit Islamisten gemeinsame Sache gegen Juden machen. Die betroffenen Juden fordern schon länger einen «nationalen Plan» gegen die Entwicklung.

Mit über 6000 emigrierten Juden lag Frankreich erstmals an der Spitze der Länder, aus denen nach Israel ausgewandert wird. Im Vorjahr 2013 waren es nur 3400. Und das ist 2015: Nach dem islamistischen Angriff mit Geiselnahme auf einen Supermarkt für koschere Lebensmittel am 9. Januar, bei dem der Täter mit Wurzeln im islamischen Mali vier Juden erschoss, lebt die Gemeinde in noch weit größerer Furcht. Unterdessen schützen Polizei und Militär Tausende jüdische Einrichtungen im Land.

Die simple Statistik, veröffentlicht am Tag des Auschwitz-Gedenkens, zeichnet die böse Entwicklung deutlich nach: 2014 hat sich die Zahl antisemitischer Vorfälle auf 851 Fälle drastisch erhöht (2013: 423 Taten). Und die gewalttätigen Angriffe nahmen sogar um 130 Prozent auf 241 zu. Die Übergriffe und Attacken gab es überwiegend in großen Städten wie Paris, Marseille, Lyon, Toulouse, Straßburg und Nizza. In Frankreich lebt mit mehr als 500 000 Menschen die größte jüdische Gemeinde Europas.

«Der Krebs unserer Gesellschaft.»

«Diese antisemitischen Akte machten 51 Prozent der rassistischen Vorfälle in Frankreich aus, während die Juden nur knapp ein Prozent der französischen Bevölkerung stellen», klagt der Dachverband der jüdischen Institutionen (Crif). Und ihr Präsident Roger Cukierman muss weiter darauf hoffen, «dass durchgreifende Maßnahmen auf den Feldern Vorbeugung, Schutz und Erziehung ergriffen werden». Es gelte, die große Flut von Übergriffen - physische Gewalt, Brandstiftungen sowie Vandalismus und Sachbeschädigung - jetzt schnell einzudämmen.

«Nein zum Antisemitismus, dem Krebs unserer Gesellschaft.» So hieß es erst im Dezember als Antwort betroffener Franzosen auf das, was als «Horror von Créteil» angeprangert wurde: Vermummte und bewaffnete Männer hatten in diesem Pariser Vorort mit vielen jüdischen aber auch aus islamischen Ländern Afrikas stammenden Einwohnern ganz bewusst ein jüdisches Paar tyrannisiert und ausgeraubt. Die Frau wurde vergewaltigt. Innenminister Bernard Cazeneuve versprach damals, den Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus zu einer «nationalen Sache» zu machen und die Juden zu schützen.

Warum aber ist das ein «neuer Antisemitismus»? Brandsätze auf Synagogen wie im Sommer und brutale Gewalt machen auch deshalb immer mehr Schlagzeilen, weil sich alte antijüdische Klischees gerade in diesem Land mit islamischem Fundamentalismus mischen: Der Jude als Feind, heute vor dem aktuellen Hintergrund des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern. Was aus den Vorstädten der Metropolen, den Problemvierteln mit ihrem hohen Anteil muslimischer Einwanderer, in die Gesellschaft getragen werde, müsse abgewehrt werden, fordert der Chef der Schutz-Organisation, Eric de Rothschild. Er zeigt auf «dieses fanatische Vorgehen eines barbarischen und rückwärtsgewandten Islam, unter dem alle leiden.»

Nach der islamistischen Terrorwelle hatte Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu die französischen Juden eingeladen, doch nach Israel auszuwandern. Bei dem Shoah-Gedenken am Dienstag in Paris rief Hollande dagegen die jüdischen Mitbürger eindringlich auf zu bleiben, denn sie gehörten zu Frankreich. (dpa)

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