Die Container liegen offen da, dank Google Earth selbst für Amateure sichtbar. Die Behälter befinden sich auf einem Parkplatz in der russischen Atomstadt Sewersk, die 30.000 Einwohner zählt, früher Tomsk-7 hieß und nur mit einem Passagierschein der nationalen Atombehörde betreten werden darf. Der Inhalt der Container ist explosiv - zumindest politisch: Es handelt sich um Atommüll aus den 58 Kernkraftwerken, die die Electricité de France (EDF) in Frankreich seit etwa 15 Jahren unterhält.
Von der Existenz der Container wussten in Paris offenbar nicht einmal Regierungsvertreter. Corinne Lepage, die Umweltministerin Frankreichs von 1995 bis 1997, meinte am Montag: "Ich bin ein wenig überrascht. Ich wusste nicht, dass wir radioaktives Material nach Russland schicken." Lepage reagiert auf die Enthüllung französischer Medien - darunter eine Reportage, die am Dienstagabend vom Fernsehsender Arte ausgestrahlt wird.
Die Journalistin Laure Noual behauptet darin, dass 13 Prozent des radioaktiven Materials, das in den französischen Atomkraftwerken anfällt, in der "verbotenen" Stadt Sewersk unter freiem Himmel lagerten. Dort warteten sie seit Mitte der 90er Jahre auf bessere Zeiten, und jedes Jahr kämen 108 Tonnen dazu.
Müll oder Rohstoffreserve
Offiziell handelt es sich um "AKW-Ausstoß", nicht AKW-Abfall; er soll vielmehr zur Zweitverwendung wiederaufbereitet werden. In der Pariser Zeitung Libération ließ ein Sprecher des französischen Umwelt- und Energieministeriums verlauten, dieser abgebrannte Nuklearbrennstoff sei nach seiner Anreicherung geeignet für die vierte AKW-Generation, die "ab 2040" den Dienst aufnehmen werde.
Wladimir Tschuprov von Greenpeace-Russland sagt jedoch: "Für uns ist das Atommüll." Die russische Atomindustrie sehe keinerlei Nutzen in diesen schon benutzten Brennstoffen, die nur wenig Uran-235 enthalten und so mühsam aufzubereiten seien, als versuchte man, eine Orange ein zweites Mal auszupressen.
Der französische Atomkonzern und Uran-Versorger Areva behauptet hingegen, dieses Material stelle für die Russen eine "Rohstoffreserve" dar. Für weitere Auskünfte verweist Areva-Sprecher Jacques-Emmanuel Saulnier auf die EDF, der die französischen Atomkraftwerke gehören und damit auch der Atommüll. EDF teilt aber nur mit, das aufzubereitende Material werde "in völliger Sicherheit" gelagert. Ansonsten hüllt sich der größte Stromproduzent der Welt in Schweigen. Das ist nicht neu: Atomenergie gehört in Frankreich zur "Staatsräson" und nicht in die öffentliche Debatte. Deshalb wird auch nicht über den ökonomischen und ökologischen Sinn der Atommüll-Wiederaufbereitung diskutiert, die Frankreich im Unterschied etwa zu Deutschland oder den USA praktiziert. Oder die ungelöste Frage der Endlagerung der 1,15 Millionen Kubikmeter Atomabfälle Frankreichs (so die letzte verfügbare Zahl von 2007).
Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss, wie er in Deutschland zum Endlager Gorleben gefordert wird, ist in Frankreich undenkbar. Während die deutsche Atomindustrie für die Beschönigung ihrer Gutachten kritisiert wird, gibt die EDF erst gar keine heraus. Thomas Branche vom französischen Umwelt- und Energieministerium sagt, es bestehe "keinerlei Willen zur Geheimhaltung". Wenn die EDF schweige, sei das "ihre Sache".
Von der etwas speziellen "Zwischenlagerstätte" in Sewersk ist nur bekannt, dass die Atomabfälle per Schiff von der nordfranzösischen Stadt Le Havre über die Nord- und Ostsee nach Petersburg verschifft werden und von dort im Zug nach Sibirien gelangen. Unter welchen Sicherheitsvorkehrungen, bleibt geheim. Der grüne Abgeordnete Noël Mamère meinte am Montag, die EDF und Areva verhielten sich wie "Umweltverbrecher". In ihrem Sektor herrsche "seit 40 Jahren Geheimhaltung vor". Und vielleicht bis 2040.
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