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29. März 2011

Franz Walter im FR-Interview: "Das Ö ersetzt das C"

Franz Walter ist Direktor des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.  Foto: Uni Göttingen

Franz Walter, Parteienforscher und Professor für Politikwissenschaft in Göttingen, über den Unterschied zwischen der bürgerlichen Lebenswelt von heute und den „altbürgerlichen Parteien“.

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Franz Walter, Parteienforscher und Professor für Politikwissenschaft in Göttingen, über den Unterschied zwischen der bürgerlichen Lebenswelt von heute und den „altbürgerlichen Parteien“.

Professor Walter, alle reden nach diesem Wahlsonntag vom japanischen „Sondereffekt“. Sie auch?

Nur was die Grünen betrifft. Denen muss es ja zu denken geben, dass sie im vorigen Herbst in den Umfragen rasant nach oben geschossen, dann aber bis Anfang März ebenso rasant wieder abgefallen sind, ohne dass sich die ökologische Weltlage in dieser Zeit objektiv verändert hätte. Insofern wäre das Wahlergebnis der Grünen vor der Katastrophe in Japan nicht so gewesen. Bei allen Parteien sind die Probleme viel langfristiger angelegt, als ihre Spitzenvertreter jetzt glauben machen wollen.

Wen setzen Sie auf Platz 1 der Problem-Hitliste?

Weniger eine einzelne Partei als das „bürgerliche Lager“ insgesamt. Rechnerisch hat die CDU ja sowohl in Baden-Württemberg als auch Rheinland-Pfalz gar nicht so schlecht abgeschnitten. Nur bleibt sie dramatisch hinter den sozio-strukturellen und historischen Möglichkeiten beider Bundesländer und konnte – anders als sonst – auch nicht von der Krise der FDP profitieren.

Woran liegt das?

In der wirklichen bürgerlichen Lebenswelt von heute sind die „altbürgerlichen Parteien“ Union und FDP abgemeldet. Dadurch ist die linke Seite des parlamentarischen Spektrums mehrheitsfähig geworden. Die SPD allein hätte das niemals geschafft.

„Wirkliche bürgerliche Lebenswelt“ meint...

... die urbanen Regionen, die Universitätsstädte. Wenn Sie Bürgerlichkeit – ganz klassisch – mit Bildungszertifikaten identifizieren, dann haben Grüne und SPD bei den Bürgerlichen, sprich den überdurchschnittlich Gebildeten, heute satte Mehrheiten. Das sogenannte „bürgerliche Lager“ – CDU und FDP – kommt bei den Menschen mit Abitur und Hochschulabschluss nicht einmal mehr auf 40 Prozent. Das bedeutet: Die Selbstzuschreibungen der Parteien stimmen überhaupt nicht mehr überein mit der realen sozialen Entwicklung. Wer das dauernd leugnet, landet irgendwann in der Minderheit und muss in die Opposition.

Der künftige Stuttgarter Ministerpräsident, Winfried Kretschmann, verkörpert aber doch selbst „altbürgerliche“ Tugenden – Religiösität, Bodenständigkeit.

Die neue Bürgerlichkeit, die ihre Sturm- und Drangzeit in den 70er Jahren hatte, als Kretschmann selbst noch beim Kommunistischen Bund Westdeutschland war, ist ihrerseits nun auch schon in die Jahre gekommen. Eine ganze Generation ist maßvoller geworden, vernünftiger, rundlicher. Genau dadurch konnten Politiker dieser Generation sogar bestimmte konservative Grundmentalitäten beerben, die vor allem von der CDU sträflich ignoriert worden sind. Das ist das Erfolgsgeheimnis der Grünen heute. Sie haben mit ihrem ökologischen Ö das christliche C der alten Mitte ersetzt, aber mit einer ähnlichen Konnotation: bewahrend, vorsichtig gegenüber allzu rasanten Veränderungen. Das hat schon etwas Brillantes, muss ich sagen.

Verbindet sich damit auch die Sehnsucht nach einem neuen alten Politikertypus? Der SPD-Mann Olaf Scholz hat die Wahl mit ostentativem Anti-Glamour gewonnen, als die Inkarnation des Oberkanzleirats sozusagen.

Es gibt ja dieses Dogma, „Politiker müssen Charisma haben“. Dabei hat man meist aufgewühlte Zeiten und eine junge, aufgewühlte Gesellschaft im Kopf. Heute sind wir eine alternde Gesellschaft, die allerdings in den vergangenen 20 Jahren furiose Veränderungen erlebt hat. Daraus erklärt sich bis in die gebildetsten Schichten des Volkes hinein das Verlangen nach einer gewissen Verringerung von Komplexität, nach Ritualen, nach Konstanz und Kalkulierbarkeit.

Aber das Volk schwankt in seiner Gunst für Parteien und Politiker.

Das ist ein Trugschluss. Nicht das Volk ist volatil, wie immer gern behauptet wird, sondern die Parteien. Vor allem für das bürgerliche Lager hat diesem – sagen wir - „mental-konservativen“ Bedürfnis am wenigsten Rechnung getragen, was in den vergangenen Tagen noch einmal besonders deutlich geworden ist. Bei den Grünen hingegen hat man das Gefühl, die sagen seit 35 Jahren das Gleiche. Und was vor zehn, 15 Jahren – in der postmodernen, nonchalanten Ära ständiger Veränderung - schon wieder langweilig war, ist heute wie ein Anker. Das ist typisch für alternde Gesellschaften. Bloß die Journalisten wollten es nicht wahrhaben.

Welche Politikerfiguren hätte das bürgerliche Lager heute anzubieten? Gerade der FDP scheint es an dieser Art von Personal zu fehlen.

Stimmt. Mit der jungen Garde – den Lindners, Röslers und Bahrs – verbindet sich die skizzierte Erwartung nicht oder noch nicht. Für die Union gebe ich eine vielleicht etwas demagogische, aber doch auch triviale Antwort: Hätte sich der Baron aus dem Fränkischen mit einer simplen, aber dafür selbst geschriebenen „Cum laude“- oder „Rite“-Doktorarbeit begnügt, dann wäre er jetzt der Mann der Woche – und die Bundeskanzlerin hätte ein ernstes Problem. So aber hat sie kein Problem, sie hat aber auch keine Vorzeige-Figur für die Mental-Konservativen.

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