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25. Februar 2016

Französisches Atomkraftwerk: Cattenom gefährdet Deutschland

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Das künstliche Bassin des Mirgenbach-Sees dient den Reaktoren des Atomkraftwerks Cattenom in Lothringen als zusätzliches Kühlwasser.  Foto: REUTERS

Das französisches Atomkraftwerk Cattenom in der Nähe der deutschen Grenze gilt als Sicherheitsrisiko. Schon zur Bauzeit wären die Reaktoren in Deutschland wohl nicht genehmigt worden. Trotzdem wird die Laufzeit des Kraftwerks wohl verlängert.

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Das Atomkraftwerk Cattenom steht an der Mosel in Lothringen, nur zwölf Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Die Städte Saarbrücken und Trier sind 58 respektive 48 Kilometer entfernt. In den 30 Jahren Betriebszeit seit 1986 hat es dort rund 800 meldepflichtige Zwischenfälle gegeben, darunter Brände, Notabschaltungen und Strahlenunfälle. Ein neues sicherheitstechnisches Gutachten zeigt nun, dass die vier Reaktoren der Anlage nicht den heute in Europa gültigen Sicherheitsstandards entsprechen und auch nicht auf dieses Niveau nachgerüstet werden kann.

Laut der Untersuchung ist Cattenom nicht ausreichend gegen Kernschmelzen und den Austritt von Radioaktivität ausgelegt. „Das Durchschmelzen des Containments (Sicherheitsbehälters, Red.) im Fall eines Kernschmelzunfalls kann … nicht verhindert werden“, heißt es darin. Defizite gebe es unter anderem beim Schutz gegen Erdbeben, Flugzeugabstürze und Überflutungen.

Die Sicherheitsauslegung der Reaktoren sei deutlich niedriger als hierzulande und inzwischen auch in Frankreich vorgeschrieben, urteilt der Kerntechnik-Experte Professor Manfred Mertins, der das Gutachten im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion angefertigt hat. „Die Reaktoren wären auch zur Bauzeit in Deutschland nicht genehmigt worden“, sagte er der FR. Mertins ist einer der profiliertesten Experten für nationale und internationale AKW-Sicherheitsanforderungen. Er hat 25 Jahre bei der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) gearbeitet, die das Bundesumweltministerium berät. Auf europäischer Ebene war er bei der Wenra, einem Gremium europäischer Atomaufsichts- und Genehmigungsbehörden, an der Erarbeitung der Mindestanforderungen an laufende AKW beteiligt.

Auch die französische Atomaufsicht hat Defizite bei den Cattenom-Reaktoren identifiziert, und zwar aufgrund des „Stresstests“, der nach dem Fukushima-Super-GAU 2011 von der EU-Kommission für die AKW in Europa durchgeführt wurde. Die Anlagen werden nachgerüstet, aktuell baut man dort Schutzvorrichtungen gegen extreme Regenfälle, die zu Überflutungen führen könnten. Mertins hält es allerdings für „völlig ausgeschlossen, dass die Sicherheitsstandards erreicht werden, die auch die französische Atomaufsicht für nötig hält“. Grundsätzlich würden inzwischen auch in Frankreich „sehr scharfe Sicherheitsregeln gelten“, die sich an der modernsten Reaktorgeneration, dem EPR, orientierten, und die bestehenden AKW sollten an diese „herangeführt werden“. Um das tatsächlich zu erreichen, müssten die Anlagen eigentlich abgerissen und neu aufgebaut werden, so Mertins.

Tabletten zum Schutz

Frankreich hat jetzt die fünfte Kampagne zur Ausgabe von Jodtabletten zum Schutz der Bürger vor Radioaktivität bei einem Super-GAU gestartet. Alle Einwohner im Umkreis von zehn Kilometern eines AKW erhielten eine Benachrichtigung, mit der sie die Tabletten in einer Apotheke gratis bekommen können. In ganz Frankreich wurden 500 000 Haushalte angeschrieben.

Begonnen wurde in Frankreich mit der Jodverteilung nach der Tschernobyl-Atomkatastrophe 1986. Die Tablettenvorräte müssen etwa alle fünf Jahre erneuert werden. Bei der letzten Ausgabe 2009 verzichtete die Hälfte der Berechtigen darauf, sich das Jod zu besorgen, das die durch Strahlung besonders gefährdete Schilddrüse schützen soll. Laut einer Umfrage gaben 67 Prozent als Grund an, sie glaubten, nach einer Reaktorkatastrophe ohnehin zu sterben – ob mit oder ohne Tabletten. (jw)

Ziel des Direktors des AKW, Guy Catrix, ist es allerdings, eine Laufzeit der Reaktoren „von mehr als 40 Jahren“ zu erreichen – „natürlich im Rahmen des geltenden Rechts“, wie er jüngst vor der Presse sagte. Derzeit beträgt die gesetzliche Laufzeit für Atomkraftwerke in Frankreich 40 Jahren. Cattenom-Reaktor 1 müsste danach 2026 vom Netz. Es wird jedoch erwartet, dass die französische Umweltministerin Ségolène Royal demnächst einer Verlängerung der Laufzeiten zustimmt.

Die atompolitische Sprecherin der Grünen, Sylvia Kotting-Uhl, warnt davor. „Der vom Betreiber EDF geplante Langzeitbetrieb Cattenoms ist unverantwortlich. Dieser alte Risikomeiler muss im Gegenteil sofort für immer vom Netz.“ Cattenom sei so gefährlich, dass die Reaktoren „nach dem Prinzip Gefahr in Verzug sofort stillgelegt werden müssten“, wenn sie auf der deutschen Seite der Grenze stünden.

Kotting-Uhl forderte die Bundesregierung auf, mit Frankreich Verhandlungen zur unverzüglichen Stilllegung Cattenoms aufzunehmen. „Sie darf sich nicht mit dem Verweis auf die Aufsichtsbehörde in Paris wegducken“. Aufgrund des Moselverlaufs und der vorherrschenden Windrichtung trügen das Saarland und Rheinland-Pfalz mit das höchste Risiko, von den Folgen eines Super-GAU in dem lothringischen AKW betroffen zu sein.


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