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Frau führt Kirche: Schon wieder Erste

Während im Kino der Film über die "Päpstin" Furore macht, gelingt der geschiedenen Margot Käßmann der Sprung an die Spitze der evangelischen Kirche in Deutschland - dort standen zuvor nur Männer. Von Silke Rummel

Charismatisch, ehrgeizig, theologisch fundiert: die neue EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann.
Charismatisch, ehrgeizig, theologisch fundiert: die neue EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann.
Foto: Norbert Neetz / epd

Ulm. Die Morgenandacht zeigt eine hübsche Dreieinigkeit: links Margot Käßmann, in der Mitte Wolfgang Huber, rechts Katrin Göring-Eckardt - der scheidende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) umgeben von seiner Nachfolgerin und der im Frühjahr gewählten Präses, der Inhaberin des höchsten Laienamtes in der evangelischen Kirche. Es ist ein Bild mit einer tieferen Bedeutung, es symbolisiert eine Zeitenwende in der evangelischen Kirche.

Bis Mittwoch standen an der Spitze der EKD stets Männer, zumeist um die 60 Jahre alt. Die neue EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann ist die erste Frau, die die knapp 25 Millionen Protestanten in Deutschland führt, und sie ist mit ihren 51 Jahren die Jüngste in diesem Amt. In ihrer Biografie freilich ist das nichts Neues: Mit Mitte 20 wird sie als jüngstes Mitglied in den Zentralausschuss des Ökumenischen Rates gewählt, sie ist die erste Pfarrerin in der Stadtkirche Wolfhagen, und 1999 wird sie mit 41 Jahren Bischöfin der Evangelisch-Lutherischschen Landeskirche Hannover - als zweite Frau in einem solchen Amt nach Maria Jepsen.

Am Mittwochmorgen in Ulm ist das Ergebnis für Käßmann mit vier Enthaltungen, fünf Nein- und 132 Ja-Stimmen eindeutig. Der anschließende Applaus dauert lange. Als die zierliche Frau sich den Weg zum Podium bahnt, verschwindet sie fast im Tross aus Fotografen und Kameraleuten.

Es sei ein so klares Votum, dass sie sich davon "berufen und getragen" wisse, sagt Käßmann, um wenig später eine Geschichte zu erzählen. Ihre Großmutter sei von ordinierten Frauen nicht begeistert gewesen. Als sie selbst 1985 zur Pfarrerin ordiniert wurde, habe ihre Großmutter gesagt: "Wem der liebe Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch die Kraft, es auszufüllen." Diese Szene ist typisch für Margot Käßmann. Sie hat die Gabe, mit dem, was sie sagt, die Herzen der Menschen zu erreichen.

Als stellvertretender Ratsvorsitzender wurde - entgegen des ansonsten vorherrschenden Ost-West-Prinzips - der rheinische Präses Nikolaus Schneider (62) mit 137 von 142 Stimmen gewählt. Die Ratswahlen Tags zuvor waren zermürbend. Nach zwölf Wahlgängen, viel Anspannung und einigen Tränen gelang es nicht, alle 15 Plätze zu besetzen, so dass der noch offene Ratssitz erst bei der Synode im kommenden Jahr gewählt werden soll.

Am Verfahren, das eine Zwei-Drittel-Mehrheit jedes Ratsmitglieds erfordert, rüttelt die Synode nicht. Diese "breite Mehrheit sei gewünscht", sagte Präses Göring-Eckardt, "aber wir werden sicherlich über die Fragen des Verfahrens in Zukunft zu diskutieren haben." Die weibliche Doppelspitze kommentiert sie mit: "Das ist wunderbar normal evangelisch."

Käßmann setzt für die nächsten sechs Jahre drei Schwerpunkte. Sie will die Ökumene stärken ("Uns verbindet mehr, als uns trennt"), sie will den Reformprozess nah an den Gemeinden vorantreiben, und sie will sich in politischen Fragen einmischen. Würdige Pflege, würdiges Sterben, Familien- und Sozialpolitik sind Themen, die ihr am Herzen liegen.

Evangelische Weiblichkeit versus katholische Männerdominanz: Kann das gut gehen? Margot Käßmann vermag es, schwierige Situationen für sich zu wenden. Als sie sich vor zwei Jahren von ihrem Mann Eckhard scheiden ließ, war sie offen und ehrlich.

Sie fand Rückhalt in ihrer Landeskirche, auch wenn konservative Kreise rebellierten. Die Scheidung und ihr Umgang mit dem Brustkrebs 2006 zeigen, dass sie eine Frau mit Lebensbrüchen ist, die gerade in der pluralen Gesellschaft weiß, wovon sie spricht.

Die promovierte Theologin gilt als gute Vermittlerin; ihr starkes Wahlergebnis spricht für sich. Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, bekräftigte in seinem Grußwort den Wunsch, gemeinsam an der Ökumene zu arbeiten: "Unser Weg als Christen ist ein Weg der Ökumene, es ist ein Weg, den wir gemeinsam und auf Augenhöhe gehen."

Die EKD rechnet mit massiven finanziellen Einbrüchen, der Mitgliederschwund dauert an. Trotzdem: "Ich bin davon überzeugt, dass die Sehnsucht der Menschen nach Glauben und Sinn Antwort bei uns finden kann", sagt die Ratsvorsitzende.

Wie ihre Art von Mission aussieht, auch dafür hat Käßmann eine kleine Geschichte. Vor einiger Zeit sollte Peer Steinbrück, noch SPD-Finanzminister,beim Bund der Steuerberater einen Vortrag halten. Er sagte ab, die Steuerberater fragten Käßmann an, die zusagte: "Das ist eine missionarische Chance!"

Autor:  Silke Rummel
Datum:  29 | 10 | 2009
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