Frankreichs Innenminister Brice Hortefeux bleibt gelassen. Einen Grunden, seinen Kurs zu korrigieren sieht er nicht. Dabei haben am Samstag fast 100.000 Menschen im ganzen Land gegen die verschärfte Sicherheitspolitik der Regierung protestiert.
Der Zorn der Demonstranten galt vor allem der Massenabschiebung von Roma nach Rumänien. Bei 135 Veranstaltungen forderten Teilnehmer, „mit der Menschenjagd Schluss zu machen“, „die Roma nicht zu Sündenböcken zu erklären“ und die Ideale „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit nicht mit Füßen zu treten“. Die Veranstalter sprachen von 100.000 Demonstranten, die Polizei lediglich von 30.000.
Seit Jahresbeginn hat Frankreich mehr als 8300 Roma ausgewiesen. Dagegen hegt die Europäische Kommission rechtliche Bedenken. Sie geht aber einer offenen Auseinandersetzung mit Paris aus dem Weg und sucht den Dialog.
Die EU bezweifelt, ob die Abschiebungen mit dem Recht von EU-Bürgern auf Freizügigkeit und der europäischen Grundrechte-Charta vereinbar sind. Zwar dürften Personen abgeschoben werden, die sich gesetzeswidrig verhalten oder dem Sozialsystem des Gastlandes zur Last fallen. Notwendig sei jedoch eine Einzelfallprüfung. Das Recht auf Freizügigkeit dürfe Roma nicht mit Ausreise-Prämien abgekauft werden.
Innenminister: "Demonstranten verweigern sich der Realität"
Doch als am Abend die letzte der 135 Kundgebungen gegen Fremdenfeindlichkeit zu Ende gegangen war, zu denen Bürgerinitiativen, Elternverbände, Umweltschützer, Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften oder auch linke Parteien aufgerufen hatten, sprach Hortefeux den Protesten jegliche politische Bedeutung ab.
Die Demonstranten hätten unter dem Vorwand, die Menschenrechte zu verteidigen, „Engelsmentalität an den Tag gelegt und sich der Realität verweigert“, sagte der Minister und kündigte an, „unter der Autorität des Staatspräsidenten entschlossen weiterzumachen, damit sämtliche Formen der Delinquenz zurückgehen“.
Seit Anfang August sind etwa 1000 Roma aus Frankreich nach Osteuropa ausgeflogen worden, die meisten nach Rumänien. Wobei die Proteste vom Wochenende keineswegs die ersten öffentlichen Unmutsbekundungen waren. Seit Staatschef Nicolas Sarkozy Ende Juli im Namen der inneren Sicherheit die Räumung von Roma-Lagern oder auch den Entzug der französischen Staatsbürgerschaft für lebensgefährliche Angriffe auf Polizisten und andere Repräsentanten der Staatsgewalt gefordert hatte, muss er sich im In- und Ausland herbe Kritik gefallen lassen.
Die katholische Kirche, die Vereinten Nationen oder auch der Europarat haben die Massenabschiebungen einhellig verurteilt. Selbst innerhalb des Regierungslagers sind kritische Stimmen laut geworden. Premierminister Francois Fillon ist auf Distanz gegangen, hat seine „Unterschiedlichkeit“ herausgestellt. Außenminister Bernard Kouchner hat eingeräumt, angesichts der Massenabschiebungen an Rücktritt gedacht zu haben. Drei zur regierenden UMP gehörende frühere Ministerpräsidenten, Alain Juppé, Jean-Pierre Raffarin und Dominique de Villepin, haben ihrerseits Vorbehalte bekundet.
Rückendeckung der Kollegen aus Europa gesucht
In dem Wissen, dass andere Regierungen ebenfalls entschlossen Roma abschieben, nur nicht unter so großem medialen Getöse wie in Frankreich, sucht Einwanderungsminister Eric Besson die Rückendeckung ausländischer Kollegen. Besson hat mit Immigration und innerer Sicherheit befasste Minister oder Staatssekretäre aus Deutschland, Großbritannien, Italien, Griechenland und Belgien für diesen Montag zu einem „Seminar“ nach Paris eingeladen. „Die Franzosen sind wahrlich nicht die einzigen, die im Kampf gegen illegale Einwanderung zu rabiaten Methoden greifen und sie tun gut daran.“ Das wären Worte, wie sie Besson bei der zweistündigen Zusammenkunft aus dem Munde der deutschen Staatssekretärin Cornelia Rogall-Grothe oder auch des italienischen Innenministers Roberto Maroni sicher gern hören würde.
Ob dem Franzosen bei dem Treffen, an dem auch die EU-Kommissarin für Innere Angelegenheiten, Cecilia Malmstrom, und Kanadas Einwanderungsminister, Jason Kenney, teilnehmen, die erhoffte Rückendeckung zuteil wird, ist ungewiss. Fest steht, dass etwa Italien den Kampf gegen die illegale Einwanderung ebenfalls zum Kampf gegen die Kriminalität erklärt.
Auch die Regierung in Rom hat Immigranten ohne Aufenthaltserlaubnis in den Ruch potenzieller Verbrecher gebracht. Andere EU-Staaten wie Belgien oder Deutschland schieben zwar auch Roma ab. Sie tun dies aber eher verschämt, in aller Stille, enthalten sich zumindest fremdenfeindlicher Stimmungsmache.
Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?
US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund
Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner
Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf
Weblog der USA-Experten unserer Redaktion
Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.
Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.