kalaydo.de Anzeigen

Freitagsprediger Chatami: Forderung: Peitschenhiebe für Karrubi

Die Opposition im Iran prangert Vergewaltigungen in Gefängnissen an. Die Zeitung des Reformgeistlichen Karrubi wird verboten. Der Präsidentschaftskandidat soll sogar ausgepeitscht werden. Von Martin Gehlen

Ein Gericht schaut sich  Bilder von den Protesten in Teheran  nach der Präsidentschaftswahl an.
Ein Gericht schaut sich Bilder von den Protesten in Teheran nach der Präsidentschaftswahl an.
Foto: afp

Der notorische Freitagsprediger von Teheran, Ajatollah Ahmed Chatami, hat seine eigenen Vorstellungen, wie man im Iran unliebsame Kritiker zum Schweigen bringt. Erst forderte er nach den Unruhen in der Hauptstadt die Todesstrafe für die führenden Köpfe der Opposition. Jetzt will er den Reformgeistlichen und Präsidentschaftskandidaten, Mehdi Karrubi, auspeitschen lassen.

"Nach der religiösen Lehre gilt, wenn jemand einen anderen eines Sexualverbrechens beschuldigt und dies nicht beweisen kann, dann soll er 80 Hiebe erhalten", eiferte der Kleriker in der Zeitung Kayhan, dem Sprachrohr des Obersten Religionsführers Ali Chamenei. Am gleichen Tag erschienen Geheimpolizisten in der Redaktion von Karrubis Zeitung Etemad Melli und erklärten das Blatt bis auf weiteres für verboten.

Doch der 72-Jährige lässt sich nicht einschüchtern. Es sei eine Atmosphäre geschaffen worden, in der es niemand mehr wage, den Mund aufzumachen, erklärte der frühere Parlamentspräsident auf seiner Website. "Ich werde mich nicht zum Schweigen bringen lassen und über alles reden, was ich für notwendig halte." Er werde nur dann Ruhe geben, wenn alle Aspekte dieser Vorfälle untersucht und dem Volk die Wahrheit gesagt worden sei, fügte er hinzu.

Denn seit Karrubi vergangene Woche dem Regime in seiner Zeitung vorgeworfen hatte, in den Gefängnissen seien junge Frauen und Männer brutal vergewaltigt worden, überbieten sich die Hardliner mit öffentlichen Attacken. Der Angegriffene dagegen legte am Wochenende mit neuen Einzelheiten nach. Demonstranten in dem inzwischen geschlossenen Polizeigefängnis Kahrizak seien genötigt worden, sich nackt auszuziehen, wie Tiere auf allen Vieren herumzukriechen, während sich Wärter auf ihren Rücken setzten. Andere hätten sich in ihren Zellen nackt übereinander legen müssen - Schilderungen, die an die Bilder aus dem US-Gefängnis von Abu Ghraib im Irak erinnern. Wieder andere soll man, "während sie gefoltert wurden, gezwungen haben, ihre Mütter zu verfluchen".

Das Regime, allen voran Parlamentspräsident Ali Laridschani, wies Karrubis Vorwürfe umgehend zurück. Eine Kommission von Abgeordneten habe die Haftbedingungen geprüft und keinerlei Anhaltspunkte für Sexualverbrechen gefunden.

Das sehen einzelne Mitglieder des Gremiums jedoch anders. "Während unseres Besuches im Evin-Gefängnis haben mehrere Häftlinge offen von sexuellen Misshandlungen gesprochen, auch wenn das Wort Vergewaltigung nicht ausdrücklich fiel", sagte ein Abgeordneter der oppositionellen Website roozonline.com. Andere erklärten, es sei ihnen untersagt worden, das Thema überhaupt öffentlich zu diskutieren.

"Es gab nicht nur einen, sondern zahllose Fälle von Vergewaltigungen - leider stimmen die Berichte", bestätigte auch Majid Ansari, Vizepräsident unter Präsident Mohammed Chatami und führendes Mitglied der Vereinigung kämpfender Kleriker von Qom. So zitierte die Los Angeles Times eine junge Frau, die eine Verwandte auf der Intensivstation des Teheraner Loghman-Hospitals besuchen wollte und dabei auf einen übel zugerichteten jungen Mann aufmerksam wurde.

Die junge Frau half der überarbeiteten Krankenschwester, die Verbände des 19-Jährigen zu wechseln und den Urinbeutel zu leeren. Alle Zähne seines Oberkiefers bis auf zwei waren den Angaben zufolge ausgeschlagen, sämtliche Finger- und Fußnägel herausgerissen, seine Kopf war total entstellt, die Nieren arbeiteten nicht mehr, und er hatte Verletzungen im Analbereich - ein Indiz, dass der junge Mann vergewaltigt worden sei, habe ihr die Krankenschwester gesagt. Der Bewusstlose lebte noch einige Stunden. In der Nacht vom 16. auf den 17. Juli starb er - acht Tage nach seiner Verhaftung.

Autor:  Martin Gehlen
Datum:  17 | 8 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!