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07. August 2015

Friedrich Schorlemmer: „Ich bin fassungslos“

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Friedrich Schorlemmer: „Wir müssen Flagge zeigen.“  Foto: imago/VIADATA

Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer spricht im FR-Interview über Fremdenhass und das Erbe der friedlichen Revolution.

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Wie erleben Sie die schroffe Abwehr, etwa dass Flüchtlingsheime angezündet werden?
Ich bin fassungslos. Aber die Politik tut auch nicht genug dafür, um zu vermitteln, dass globale Weltprobleme in Gestalt von Flüchtlingen zu uns herüberschwappen. Es sind die Weltprobleme einer rücksichtslosen, neoliberalen Ausbeutung des Planeten durch die, die Macht haben, ihn auszubeuten. Wenn Menschen aussichtslos zum Beispiel in Afrika leben, dann werden sie ihre jungen Leute nach Europa entsenden, um von deren Geld leben zu können.

Ist der Begriff Terror als Kennzeichnung der Angriffe auf Flüchtlingsheime zu hoch gegriffen?
Den Begriff Terror muss man für ganz schlimme Taten wie Selbstmordattentate vorbehalten. Die Angriffe sind menschenverachtend und tragen terroristische Züge. Das stimmt. Allerdings werden Flüchtlinge auch schon mit Blicken aus dem Land getrieben – nicht nur mit Brandbeschleunigern. Manche Flüchtlinge wundern sich richtig, wenn man sie freundlich anschaut und grüßt.

Sehen Sie einen Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland?
Manche im Westen haben eine multikulturelle Kultur eingeübt. In Köln etwa gelingt Integration aufs Ganze ganz gut – wenn auch eine Moschee etwas zu groß geplant wurde. Das war unsensibel. Oder Städte wie Hamburg und Nürnberg. Da gibt es zwar ebenfalls Probleme. Aber nicht so, dass man Sorge um die Wertegrundlage unserer Gesellschaft haben müsste.

Zur Person

Friedrich Schorlemmer, geboren 1944 in Wittenberge, studierte Theologie in Halle. Er war 1989 Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs. Schorlemmer war bis 2007 Studienleiter der Evangelischen Akademie Wittenberg und ist Mitglied der SPD. Er ist unter anderem Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse. (FR)

Und um Sachsen haben Sie Angst?
Ja, natürlich. Nicht vor den Dresdnern, die tun mir schon leid, sondern vor dem Umfeld. Die Leute, die in Freital, Freiberg oder Meißen gegen Flüchtlingsheime gewalttätig vorgehen, sind dieselben, die vor Weihnachten nach Dresden gepilgert sind zu Pegida. Das ist eher die Provinz. Andererseits haben sich in Leipzig viele Leute gefunden, bevor die Rechten auf die Straße gingen. Wache, junge Leute machen sich in vielen Städten auf. Wer da Flagge zeigt, der ist schon mutig. Und wir müssen Flagge zeigen, um mit Klaus Staeck zu reden. „Alle Menschen sind Ausländer, fast überall.“

Können Sie denn fassen, dass Flüchtlinge wie jetzt in Berlin nicht genug Wasser haben?
Das ist nicht zu fassen.

Und was halten Sie von der Idee, mehr Flüchtlinge nach Ostdeutschland zu bringen, weil es da mehr Wohnraum gibt?
Bloß nicht. Wir müssen vermeiden, auf diese Weise unter Umständen noch größere Probleme auszulösen. Wenn wir in die Gegenden, in denen es heute schon wenig Hoffnung für Einheimische gibt, besonders viele Ausländer schicken, dann Gnade uns Gott. Aufseiten der früheren Bürgerrechtler hat man manchmal den Eindruck, dass sie angesichts der Angriffe auf Flüchtlinge nicht so für Menschenrechte eintreten, wie sie es früher getan haben, als es um sie selbst ging. Ja, da packt mich eine richtige Wut. Wer hier als Bürgerrechtler aktiv gewesen ist, dem sollte man alle Achtung entgegenbringen, weil man nie wusste, wie die Konflikte ausgehen. Aber das Erbe der friedlichen Revolution muss sein, dass wir Toleranz üben und jeder Fremdenfeindlichkeit entgegentreten. Da wir aus der Bedrängung rausgekommen sind, müssen wir die Leute sein, die sich für Bedrängte einsetzen. Und manche sind so mit der Vergangenheit beschäftigt, dass sie gegenwartsblind werden.

Müsste es denn im nationalen Rahmen mal wieder größere Demonstrationen geben, um das gesellschaftliche Klima positiv zu beeinflussen?
So etwas wie ein „Aufstand der Anständigen“ muss sich wieder formieren – parteien- und gruppenübergreifend. Die Bemerkungen, die der Bundespräsident vor einigen Wochen gemacht hat, waren da ganz gut und hilfreich – dass Flüchtlinge nicht Angst haben müssen, wenn sie zu uns kommen. Aber ich muss auch sagen: Was im Westen nicht genügend wahrgenommen wird, ist, dass an vorderster Front derer, die sich für Bürgerkriegsopfer einsetzen, die Linke steht. Da kannst du sicher sein, dass sie Flagge zeigen. Das passt nur nicht ins Bild. Trotzdem muss man würdigen, wie aktiv sie sind, und darf nicht sagen: Mit denen nicht.

Interview: Markus Decker

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