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Stuttgart 21: Dietrich W. duckt sich nicht weg

Sein Bild schockte ganz Deutschland. Von Helfern gestützt, das Gesicht blutverschmiert, ein Auge aus der Höhle getreten: Der 66-jährige Dietrich W. berichtet Krankenhausseelsorgern, wie er im Schlossgarten Schülern helfen wollte.

Dietrich Wagner, nachdem ihn ein Wasserwerfer ins Gesicht traf.
Dietrich Wagner, nachdem ihn ein Wasserwerfer ins Gesicht traf.
Foto: Marijan Murat / dpa
Stuttgart –  

Sein Bild schockte ganz Deutschland. Von Helfern gestützt, das Gesicht blutverschmiert, ein Auge aus der Höhle getreten. Der 66-jährige Demonstrant, den ein Wasserwerfer am Donnerstag im Stuttgarter Schlossgarten aus nächster Nähe am Kopf erwischt hatte, muss ein zweites Mal operiert werden. Friedrich W. liegt im Stuttgarter Katharinen-Hospital. Er sieht nichts mehr; die Ärzte hoffen, sein Augenlicht retten zu können.

W. wird abgeschirmt, wollte bisher nicht mit der Presse sprechen. „Er braucht einfach noch Ruhe“, sagt der Sprecher der Gruppe „Parkschützer“, Matthias von Herrmann, der Frankfurter Rundschau. Herrmann hat W. besucht. Er sagt, der Verletzte sei immer noch empört darüber, wie der Staat mit seinen Bürgern umgehe. W. sei schon länger Mitglied bei den Parkschützern.

Laut Herrmann wollte W. an der Schüler-Demonstration teilnehmen, die für Donnerstagmorgen angemeldet war. Kurz nach Beginn des Marschs hätten die Schüler erfahren, dass die Polizei den Schlossgarten abriegele, um die Baumfällungen vorzubereiten. Die Jugendlichen seien daraufhin direkt zum Park gegangen und hätten eine Sitzblockade begonnen. Auch W. war dabei.

In einem Gedächtnisprotokoll, laut den Parkschützern von einer Krankenhausseelsorgerin aufgezeichnet, berichtet der 66-Jährige über das Geschehen im Schlosspark. Er habe gesehen, wie die Polizei die Absperrungen für die Fällarbeiten aufstellte. „Die Beamten gingen jetzt zum Teil sehr grob mit den Jugendlichen um und schubsten sie“, erzählt W.

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Dann habe der Wasserwerfer-Einsatz begonnen. Viele hätten husten müssen, „weil das Wasser Reizgas enthielt“. Dieser Punkt ist umstritten: Die Polizei gibt an, es sei nur Wasser ohne Zusatz benutzt worden; die Baumschützer verweisen auf Zeugen, die über starke Reizungen berichtet hätten. Die jungen Leute hätten versucht, sich mit Planen zu schützen, berichtet W. „Der Wasserwerfer begann jetzt nicht mehr nach oben, sondern nach vorne zu spritzen und fuhr sehr langsam nach vorne, indem er die Schüler durch den Wasserstrahl vertrieb.“

Polizisten hätten die Jugendlichen in Richtung der Absperrungen gedrängt, berichtet W. „Wir waren dicht an dicht eingezwängt und wussten nicht, wo wir hingehen sollten. Es lagen inzwischen viele Schüler am Boden und über den Bänken. Als ich dies sah, wollte ich, um die Kinder zu schützen, dem Wasserwerfer-Fahrer und den anderen Beamten signalisieren, diesen Einsatz abzubrechen.“

Hoffnung auf Respekt

W. erinnert sich, er habe mit beiden Armen dem Fahrer und den anderen Polizisten zugewunken, um sie zum Einhalten zu bewegen. Er habe gehofft, dass sie vor seinem Alter „etwas mehr Respekt haben würden“. Als das nicht fruchtete, habe er weggehen wollen. Das sei wegen der dicht zusammengedrängten Schüler nicht möglich gewesen.

Die Lage eskalierte: „Dann begann der Wasserwerfer von Neuem zu sprühen (…). Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten, um mich herum stürzten die jungen Leute übereinander und ich über sie. Ich versuchte wiederum durch Zeichen mit beiden Armen in Richtung des Wasserwerfers den Beamten im Wasserwerfer zum Aufhören zu bewegen. Da bekam ich einen sehr starken Strahl ins Gesicht, ich stürzte und verlor das Bewusstsein.“ Zwei Menschen hätten ihn in Sicherheit gebracht, berichtet W. Die Stuttgarter Polizei warf ihm am Tag nach dem Vorfall dann indirekt vor, er sei mit schuld an den Verletzungen, da er sich nicht weggeduckt habe.

Das Katharinen-Hospital hatte nach der Schlacht im Schlossgarten drei verletzte Demonstranten aufgenommen. Einer wurde inzwischen entlassen. Bei W. sind beide Augen verletzt, bei dem weiteren verbliebenen Patienten ist ein Auge betroffen. Beider Allgemeinzustand sei stabil, sagte eine Kliniksprecherin der FR. Ob Schäden bleiben, sei noch offen.

W. hat inzwischen Strafanzeige gegen den Innenminister wegen Körperverletzung gestellt. Er verstehe nicht, „wie man gegen die Stuttgarter Bevölkerung ein solches Inferno anrichten kann“, so der schwer verletzte Rentner zum "stern".

Mitarbeit: Mattes Lammert

Anmerkung der Redaktion: Der Rentner W. heißt mit Vornamen Dietrich, nicht Friedrich, wie wir fälschlicherweise zunächst berichtet haben.

Autor:  Joachim Wille
Datum:  5 | 10 | 2010
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