Erfurt. Krönungsmesse bei den Grünen: in seltener Geschlossenheit haben die Grünen am Samstag in Erfurt ihre beiden neuen Vorsitzenden gekürt - und mit Cem Özdemir erstmals in Deutschland ein deutsch-türkisches Gastarbeiterkind zum Parteichef gemacht.
Der 42 Jährige Özdemir wurde nach einer kämpferischen Bewerbungsrede von den rund 800 grünen Delegierten frenetisch gefeiert und wohl noch nie wurde eine Parteitagsentscheidung von türkischen Medien so aufmerksam beobachtet.
Özdemir erhielt mit 79, 2 Prozent der Stimmen ein für grüne Verhältnisse glänzendes Ergebnis. Er schnitt aber geringfügig schlechter ab als die wieder gewählte Co-Vorsitzende Claudia Roth, die mit 82,7 Prozent als Parteichefin bestätigt wurde.
Bei ihrer letzten Wahl vor zwei Jahren hatte sie mit nur 66,5 Prozent eher ein mittelprächtiges Ergebnis erzielt. Die demonstrative Bestätigung des neuen Führungsduos zeigt das Bemühen der Grünen, möglichst geschlossen und ohne die früheren Flügelkämpfe in die bevorstehenden Wahlkämpfe des nächsten Jahres zu ziehen.
Sowohl die Parteilinke Roth als auch Realo Özdemir bekamen bei ihrer Wahl auch die Zustimmung des jeweils anderen Lager. Beide Kandidaten hatten zuvor auf dem Parteitag einen starken - vor allem auf die Befindlichkeit der eigenen Reihen zielenden - Auftritt hingelegt.
Mit einem Trommelfeuer aus grünen Essentials und heftigen Attacken auf die politische Konkurrenz hatte zunächst Claudia Roth in ihrer Rede die grüne Seele gestreichelt. Die Grünen würden mehr denn je gebraucht", rief Roth den Delegierten zu, "wir Grüne verändern das Land". Sie wolle die Vorsitzende einer Partei sein, "die ihre Visionen nicht aufgegeben hat".
In ihrem flammenden Plädoyer lobte die neue, alte Vorsitzende, dass die Grünen in der Opposition jetzt wieder stärker die Zusammenarbeit mit der Antiglobalisierungs- und Anti-Atomkraftbewegung sucht.
Die Delegierten applaudierten frenetisch, als sie dazu aufrief, die Grünen müssten als Partei "grün pur " in den Bundestagswahlkampf gehen,"ohne die Koalitionsschere im Kopf" und ohne falsche Rücksicht auf die politische Konkurrenz oder auf eine "Sozialdemokratrie mit burn-out-Syndrom."
Auch Realo Özdemir schwor seine Partei in einer engagierten Rede auf einen kämpferischen Oppositionskurs ein. Die Grünen dürften als Oppositionspartei nicht schon immer Kompromisse vorwegnehmen.
Statt mit Kabinettsvorlagen müssten sie "mit klaren Botschaften" um Wähler werben, um später wieder in einer Regierung gestalten zu können. Namentlich dem amtierenden SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel gab Özdemir rhetorisch ein kräftig hinter die Ohren. Und genau mit dieser auf mehr grüne Radikalität gebürsteten Tonlage traf die Seele einer Partei, die sich gern selbst an ihrem neuen Führungsduo berauschte.
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